Slowfunker

Kein schneller Draht zu meiner Scholle

Von Tom Schimmeck

c Schimmeck

Abgehängt

Wenn kluge Wissenschaftler über moderne, globale Kommunikationsnetze parlieren, huscht zuweilen ein Hauch von Kümmernis über ihr Gesicht. Dann geht es meist um die "Digital divide" – jene Grenze, die den mutimedial-hyperschnell verknüpften und also erleuchteten Teil der Menschheit von jenen armen Hinterwäldlern trennt, bei denen partout kein Glasfaserkabel und kein breitbandiger Funkstrahl anlangt. Die Abgehängten. Die Fachwelt denkt dabei an arme Indios hoch oben in den Anden, an Subsistenzbauern in Burkina Faso oder die Perlentaucher auf Taka-Tuka-Land.

Doch warum in die Ferne schweifen? Bei uns auf dem Dorf, mitten in Deutschland, ist es nicht anders. Wir wohnen sechs Kilometer von einer Kleinstadt entfernt. Aber DSL? UMTS? Keine Chance. Jahr um Jahr flehen und betteln wir beim Bürgermeister, beim Landkreis, bei der Wirtschaftsförderung. Von der Telekom haben wir es schriftlich: Dass es sich auf keinen Fall lohne, uns in moderne Netze einzugliedern. Warum? Wir sind zu klein. Zu wenig zahlungskräftig. Nicht rentabel. Seit das Telekom-Wesen privatisiert ist, entscheiden nur diese  Faktoren. Gewiss: Wir lesen seit langem jeden zweiten Tag in der Zeitung, dass die Landesregierung, die Bundesregierung, die EU bald wohl Mittel und Wege finden würden, uns aus dem Tal der Ahnungslosen zu führen. Nur geschehen ist – nichts. Also arbeiten wir weiter mit Modem. Wenn wir mal eine große Datei verschicken, unseren Virenschutz aktualisieren, unsere Software updaten oder gar Youtube gucken wollen, fahren wir in die Stadt. Und setzen uns in ein Café mit WLan.

Der Treppenwitz: Unsere Verbindungen, die nicht einmal ein Hundertstel des Tempos moderner Netze bieten, kosten ein Vielfaches. Es gibt keine billigen Flatrates. Hundert Euro Telefonrechnung im Monat sind normal. Also suchen wir uns im Internet günstige Einwahlnummern für unser Modem. So etwa 0,2 Cent pro Minute, das ist doch prima. Pech nur, dass viele dieser Anbieter davon leben, über Nacht plötzlich das Zehn-, Dreißig, Fünfzigfache zu verlangen. Man merkt es nicht. Die Nummer bleibt ja gleich. Neulich habe ich nicht aufgepasst. Die letzten zwei Telefonrechnungen waren ein harter Schlag. Statt der üblichen 20-30 Euro bediente sich die Firma Verizon bei mir mit 585,62 Euro. Auf dem Wochenmarkt würde ein solches Geschäftsgebaren wohl eine Schlägerei auslösen. Doch wir, die Slowfunker hinter der digital divide, kennen unsere Abzocker nicht. Die sind weit weg – und superschnell.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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