Das Schützenfest

Oberbayerische Miniaturen, Teil 3

Von Tom Dauer

Die Kälte macht den besten Schützen bang

„Nicht, dass sich nicht auch Landmenschen zu Tode stressen könnten mit diesem, jenem und allem“, schrieb Kollege Schimmeck in der vergangenen Woche. Da hat er Recht. Ich selbst kenne nur einen Menschen, der sich gar nie nicht stressen lässt. Das ist der Ziagla-Hans.

Ich weiß das, weil ich ihm momentan bei der Stallarbeit helfe. Jeden Abend von sechs bis acht. „Hei obi schmeissn“, Heu aus der Tenne in den Stall werfen. „Fuadan“, füttern. „Mist aussi schiam“ – und dabei aufpassen, nicht selbst samt der Schubkarre im Misthaufen zu landen. Das ist allesamt nicht unanstrengend. Dennoch findet der Ziagla-Hans, während er seine 32 Kühe melkt, jeden Abend genügend Zeit, über dies und das zu ratschen. Todesanzeigen in der Lokalpresse, wer wo wie viel zu schnell gefahren ist, warum die Straße zu seinem Hof hinauf noch immer nicht geteert ist, obwohl „da Dings, der von de Freien Wähler, der da im Gemeinderat sitzt“, das immer wieder verspricht. Aber „des is hoid Politik“.

Nur zwei Mal habe ich den Ziagla-Hans gesehen, wie er sich beeilt hat. Das eine Mal kam Aktenzeichen XY … ungelöst im Fernsehen, das ist seine Lieblingssendung. Und vorgestern musste er zum „Schiassn“, zum Schießen. Wo er denn schieße, fragte ich ihn. Beim „Michibauer“ in Schmidham, denn der ist 70 geworden, weshalb die Waakirchner Gebirgsschützen, deren Mitglied er ist, ihm zu Ehren drei Salutschüsse abgeben. Und das müssten sie zuvor noch üben. Außerdem wisse er gar nicht, ob sein Gewehr noch funktioniere – bei der Kälte. Und ob seine Tracht ihm noch passt, da sei er sich auch nicht so sicher. Und überhaupt, so leicht sei „des Schiassn“ gar nicht. Schon gar nicht synchron.

Das Schöne ist, dass der Ziagla-Hans auch gemütlich wirkt, wenn er gestresst ist.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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