Im Land der hufharten Hände

Leben auf dem Lande - Idylle mit Schrammen

Von Erdmann Wingert

Stadtmenschen nach überlebter Bauernhofphase pflegen - meistens - den vergoldeten Rückblick (Photo: Erdmann Wingert)

Die ersten Böen empfanden wir noch als Reiz des Neuen, sie jaulten durch die Eschen, die das Haus gegen den Westwind abschirmten, rüttelten am Schornstein und kämmten die Binsen, die auf den sauren Wiesen rund um unser Anwesen wucherten. 

Ja, unser Anwesen! Auch wenn’s nur ein Resthof im Moor war, eingebettet in ein Dickicht aus Brennnesseln, wir ließen es uns nicht nehmen, diesen vornehmen Begriff einfließen zu lassen, wenn uns Freunde auf das neue Domizil ansprachen. Dass es manche Besucher als Halbruine bezeichneten, erfuhren wir erst später, und zwar so viel später,  dass es uns egal sein konnte, weil wir inzwischen eine Toilette mit Wasserspülung vorzeigen konnten, aber auch, weil wir nach dem ersten Herbststurm den First und die Fenster der Frontfassade erneuert hatten.

Genauer gesagt: Erneuern mussten. Man hatte uns gewarnt. Allen voran Zeitgenossen, die sich brüsteten, mit Naturgewalten an der Nord- und Mordsee seit Menschengedenken auf vertrautem Fuß zu stehen. Vermessen und illusorisch, dass wir unseren stillen Frieden ausgerechnet in der Nachbarschaft des Schimmelreiters suchen wollten, nahe der sagenhaften Stadt Rungholt, die in der großen Manndrenke einst mit Mann und Maus abgesoffen war. Aber ein wenig bildete dieses platte Stückchen Land an der See ein Sehnsuchtsziel, war eine Art Orplid, das ferne leuchtet, wie es sich schon Eduard Mörike als Insel der Seeligen erträumt hatte.

So eingelullt vom Gesang Weylas schlägt man gern Warnungen in den Wind, allerdings nur solange, bis er als Sturm zurückschlägt. Wir wurden aus allen grünen Träumen geweckt, nachdem er die erste von vier Eschen entwurzelt hatte und sich ihr Wipfel auf unser Dach senkte, die nächste Böe warf den zweiten Baum gegen unser Haus, kurz darauf  splitterte das Giebelfenster unter dem dritten Anschlag, gefolgt von der vierten Attacke, die Teile des Dachs abdeckte. 

Einstürzende Altbauten hatte ich zuletzt als Kind im bombardierten Berlin überlebt, jetzt stand erneut ein Angriff aus Westen ins Haus. Jeder Sturmstoß presste die Wipfel gegen den Giebel, das Haus wankte, in der Diele pendelte die Hängelampe unter den Deckenbalken, die in ihren Lagern ächzten, im Stall verstummte der Hahn, der bisher sogar nachts durchgekräht hatte und draußen wirbelten Dachpappfetzen über das Brennnesseldickicht.

Dass unser Anwesen nicht wie ein Kartenhaus zusammenfiel, war vier Männern in Blaumann und Gummistiefeln zu verdanken, die wie aus dem Boden gewachsen zur Stelle waren und Hand anlegten. Die erste Hand, hart wie ein Huf, schob mich und die Bügelsäge zur Seite, mit der ich versucht hatte, einen der mannsdicken Stämme zu kappen, danach ging’s im Handumdrehen, bis die Bäume per Stahlseil und Trecker vom Haus weggezurrt, mit Motorsägen zerlegt waren und die vier Blaumänner unter unserem geretteten Dach Bier tranken.

Stadtmensch, wann immer Du Dich in ein Haus hinter windschiefen Bäumen einnistest, speziell in den nordseenahen Niederungen von Schleswig-Holstein, hab’ immer einen Kasten Bier im Haus, weil Dich jederzeit eine Naturgewalt ereilen kann und in der Folge die Nachbarschaft! Nachdem der Kasten geleert war, dazu eine Literflasche Eierlikör aus der Überproduktion unserer zwölf Hennen, schüttelte ich vier hufharte Hände und gelobte, mich fortan als nützliches Mitglied der Dorfgemeinschaft einzufügen. Kurz: Ich trat  der Freiwilligen Feuerwehr bei .

Dass ich mir damit die erste Uniform meines Lebens einhandelte, hatte ich nicht bedacht, auch nicht, dass sich ein lüsterner Glanz in die Augen meiner Frau schlich, als ich in das dunkelblaue Tuch mit Goldknöpfen und roten Biesen gestiegen war, gekrönt von einer Schirmmütze mit silberner Kordel. Wer in solcher Montur durchs Dorf schritt, war im wahrsten Sinne des Wortes ein angesehener Mann, zu schade, dass man sie fast nur zum Feuerwehrball trug, dieses alljährliche Saufgelage, das bis zum Melken im Morgengrauen dauerte und nur zu überleben war, indem man sich im Ringelpietz des Landvolks dem Schweinsgalopp der Polonaise Blankenese und ähnlichen Leibesübungen hingab.

Konnte das alles sein? Die Uniform meist im Schrank und kein einziger Einsatz, bei denen man in Blaumann, Gummistiefeln und Helm, die Spritze des B-Rohrs in der Faust und den Brandherd im Visier, den Helden herauskehren durfte. Dabei galt Schleswig-Holstein einst als Region mit der höchsten Brandstifterrate. Weltweit! So jedenfalls wurde es im Kreis der Kameraden überliefert. Tja, das waren noch Zeiten, als alle naslang eine Scheune, ein Schuppen, im besten Fall ein kompletter Hof in Flammen aufgingen. Musste ja nicht unbedingt mitten in der Heuernte oder am Tag des Schützenfestes passieren, damit machte man sich unbeliebt. Sympathien kostete es auch, wenn der betroffene Hausherr die Männer der Brandwache nach dem Einsatz nicht anständig bewirtete. In solchen Fällen geschah es schon mal, dass Schornstein, Frontfassade und andere wichtige Teile des Hauses stehen blieben und die Versicherung nicht für den Totalschaden aufkam.

Goldene Zeiten! Die Kameraden kolportierten sie mit Wehmut. Seitdem Techniken entwickelt wurden, die jedes noch so unscheinbare Indiz für Brandstiftungen aufspüren, brennt es seltener im meerumschlungenen Schläfrig-Holstein. Abgesehen von Übungen wie der alljährlichen Hydrantenpflege, bei der wir am Rand überwucherter Straßengräben gusseiserne Deckel freilegten und fingerdick mit Schmiere einfetteten, bleiben allenfalls Nebenschauplätze, die es kaum zu schildern lohnt. Nach dem ersten Sturmerlebnis lernten wir zum Beispiel die Vorteile des Westwinds kennen: Er bügelte meine Hemden, wenn wir sie klatschnass auf die Leine gehängt hatten, und vertrieb den Güllegestank, den uns der Schweinebauer auf den Weiden nebenan bescherte.

Aber da war doch noch etwas. Vielleicht das ferne Klingklang der Bahnschranke, wenn der letzte Zug nach Westerland hinterm Erlenwäldchen in die Nacht fuhr. Oder die Nachtigall, die in der Kastanie vorm Haus bis zur Morgendämmerung sang, darüber die Kristallwolke der Milchstraße. Und dann und wann eine Wanderung über die Sandbank, wo vom Meer her der besonnte Strand dampfte, Wolkengebirge und Vogelschwärme am Himmel, der nirgends so weit und hoch ist wie überm Wattenmeer, in dem einst die sagenhafte Stadt Rungholt abgesoffen ist, wie unterm Klimawandel auch die Tiefebene hinterm Deich absaufen wird. Mit Mann und Maus.

Und einem Stückchen Orplid, das ferne leuchtet.

 


 

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Axel

http://www.misterinfo.de/user/6054

Sonntag, 21-02-10 18:35

Gut geschrieben und gut analysiert! So habe ich das in meinem eigenen Umfeld auch immer erlebt.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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