Kann denn Fliegen Sünde sein?

Die Internationale Tourismusbörse lockt. Wohin verlockt sie?

Von Claus-Peter Lieckfeld

Insel-Hopping ohne Reue?

Wenn der Winter das tut, was Winter früher gemeinhin zu tun pflegten, nämlich kalt zu sein, dann lockt eine schöne geistige Aufwärmübung: Man denkt an den nächsten Sommerurlaub und träumt sich – gern auch kataloggestützt – in wärmere Gefilde. Und wenn ein, zwei Ozeane zwischen Traum und Wirklichkeit liegen … tja nun, es gibt doch Flugzeuge.

Unsere Winterflucht-Phantasien haben längst ihre Unschuld verloren. Gedanken an Fernreisen erfüllen seit einigen Jahren den Tatbestand  der Verschwörung gegen die Biosphäre. Stichworte: CO2-Last, Treibhausgas-Fußabdruck. Fernreisen im Flugzeug sind unter sensiblen Zeitgenossen mittlerweile so was von pfui, dass viele davon absehen, verräterische Postkarten aus Thailand oder Chile nachhause zu schreiben.

MAGDA (in der Summe ihrer schreibenden Töchter und Söhne ziemlich viel- und weitfliegerisch belastet) sprach mit einem Reiseunternehmer aus Dortmund, der Jahr für Jahr die besseren Auszeichnungen für nachhaltiges Reisen gewinnt, Kai Pardon von ONE WORLD – Reise mit Sinnen.

 

MAGDA: Ihr Reiseunternehmen hat einen Preis für nachhaltiges, öko-koscheres Reisen gewonnen … im internet steht: den insgesamt neunzehnten.

Kai Pardon: Den zwanzigsten. Ich habe noch mal  nachgezählt.

Wofür wird man als Reiseunternehmer denn so gepriesen?

Wir haben den 2010-Preis von Sonntag Aktuell für eine Wattenmeerreise bekommen, die wir gemeinsam mit dem WWF geplant haben und durchführen. Die Reise erschließt nicht nur die Schönheiten des einzigen deutschen UNESCO-Weltnaturerbe-Gebietes sondern zeigt auch die Gefährdungen dieser Landschaft, etwa durch Ölplattformen. Sie verbindet Kultur- und Naturerlebnisse. Und wir bemühen uns, alles so Ressourcen schonend wie nur irgend möglich zu machen.

Das mag ja bei Husum oder auf Norderney noch ganz gut gelingen. Aber Ihr Hauptgeld machen Sie mit anspruchsvollen und aufwändigen Reisen nach Fernost, auf die Kapverden und zu anderen Ferndestinationen. Sind Urlaubsfernflüge nicht das CO2 gewordene Gegenprogramm zu Nahreisen?

Ohne Zweifel sind Urlaubsflüge belastend. Was das Fliegen angelangt, bieten wir Kunden schon seit langem das Atmosfair-Programm an. Jeder kann sich selbst ausrechnen, wie stark beispielsweise sein Flug von Frankfurt nach Sal auf den Kapverden und wieder zurück sein persönliches CO2-Konto belastet. Die Kunden können dann entsprechende Geldbeträge einzahlen. Das Geld wird genutzt um Emission einsparende Projekte in Entwicklungsländern zu fördern. Wir bieten das unseren Kunden nur an. Sie zu zwingen, verbietet sich natürlich.

Flugbenzin ist immer noch unbesteuert …

Kerosin steuerfrei - das darf so nicht bleiben. Allerdings wäre es eine wüste Wettbewerbsverzerrung, wenn nur Deutschland  Kerosin besteuern würde. Das muss ein globales Programm sein.

Der Flug ist die eine Sache, was im Land passiert eine andere.

Ja. Und da sieht es – so im Großen und Ganzen betrachtet - immer noch finster aus.

Wie finster?

Bleiben wir beim Beispiel Kapverden, eine Destination, die immer beliebter wird und schon fast als Alternative zu den Kanaren gehandelt wird.

Die TUI-Kette hat in den letzten Jahren auf Sal und Boavista zwei so genannte All-Inclusive Hotels gebaut. Unverständlich ist, dass die Elektroenergie für die Großkomplexe nicht photovoltaisch erzeugt wird oder über Turbinen, die mit sonnengeheiztem Wasserdampf arbeiten – so was ist dicht am Äquator ein Leichtes. Aber nein: riesige Dieselgeneratoren versorgen die Hotels mit Strom. Die Bauarbeiter kommen zum großen Teil nicht von der Insel sondern vom afrikanischen Kontinent, wo das Lohnniveau noch niedriger ist. Sie leben in Containern und arbeiten, da ihre Familien weit entfernt sind, williger und länger als es Einheimische vielleicht täten.

Und richtig wäre …

… na ja, zumindest mal, dass die Gastgeberländer direkt profitieren. Und das von Anfang an. Wie so etwas geht, ist ja vielfach beschrieben worden und es wird auch umgesetzt. Leider nur von wenigen.

Sie meinen den Kriterienkatalog vom „forum anders reisen“.

Ja, meine Firma ONE WORLD hat von Anfang an, an dieser Check-Liste mitgearbeitet. Es geht um Maß und Ziel und um Selbstverpflichtung der Reiseanbieter. Fernflugreisen zum Beispiel dürfen nie kürzer als 15 Tage; Mittelstrecken nicht kürzer als 8 Tage sein. Damit verbessert sich das Verhältnis Flugmeilen pro Destination.

Dann gibt es die Selbstverpflichtung, lokale Produkte auf den Reisen anzubieten und örtliche Betriebe fair zu behandeln. Arbeitsplätze schaffen. Heimische guides ausbilden. Hotels und Pensionen bevorzugen, die sich im Naturschutz engagieren und etliches mehr.

Wie viele Reiseunternehmer richten sich nach dieser Liste?

Zu wenige. Forum anders reisen hat etwa 140 Mitglieder. Das hört sich gut an, aber um die 90% der Mittel- und Langstreckenreisen werden von Giganten wie TUI, Thomas Cook oder alltours abgewickelt, die allenfalls ihre kleinen Vorzeige-Öko-Reisen oder –projekte haben sich aber ansonsten nur rein marktwirtschaftlich orientieren, ohne wirklichen Öko-Bezug.

Wobei der Öko-Bezug wohl auch in den Reiseländern selbst nicht eben stark ausgeprägt ist, oder?

Leider wahr, aber auch da will  „Forum anders reisen“ Wegbereiter sein. Wir von ONE ORLD unterstützen auf den Kapverden zum Beispiel Meeresschildkröten-Schutzprogramme von den Organisationen, SOS Tartarugas und Turtle Foundation. Die Tiere sind unter anderem durch den Bau große Hotelanlagen gefährdet, weil dadurch Eiablage-Möglichkeiten an den Stränden extrem reduziert werden. Und leider schlachten auch einheimische Fischer immer noch die gefährdeten Tiere. Hier ist Aufklärung besonders wichtig.

Und Bildung allgemein …

Auf der Insel Santiago fördern wir das Ausbildungsprojekt „Delta Cultura“.  Ein Österreicher, der seit vielen Jahren hier lebt, hat eine Fußball-Schule aufgebaut. In seinem Projekt bewahrheitet es sich ganz wunderbar, dass die Menschen mehr Fortschritte machen, wenn sie spielerisch lernen können.

Fußball … gegen die Armut?

Über die Fußballbegeisterung der Jungen zieht er sie in die Schule und in Ausbildungsprogramme hinein. Sie sind super motivierter und erhalten eine gute Ausbildung zum Beispiel zum Schreiner oder auch zu Guides für nachhaltigen Tourismus. Ein geniales Projekt.

Nochmals zum Tourismus als Global Player: Was wäre denn vorrangig zu wünschen?

Viel wäre schon gewonnen, wenn sich auch die Konzerne an das hielten, was auf allen Reisemessen und Tourismusforen als unverzichtbar, als gut und richtig ausgelobt wird. Allen Akteuren ist auf der theoretischen Ebene bewusst, was nachhaltige Entwicklung bedeutet. Doch wo bleibt die Umsetzung? Wichtig wäre für die Branche der Sprung vom Lippenbekenntnis zum Bekenntnis der Tat.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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