Outsourcing in Murnau

Die Armen werden ver-hartzt. Aber es gibt Hoffnung.

Von Robert Griesbeck

Auch der traditionsreiche Gelderwerb des Um-eine-milde-Gabe-Bittens, vulgo Betteln, hat sich modernisiert. Wie sich der neue Businessplan in der Praxis darstellt, konnte ich letzte Woche in Murnau beobachten: das Bettel-Outsourcing. Am Obermarkt lag ein Hut mit ein paar Münzen darin auf dem Boden, dahinter saß ein älterer Mann. Er war mir gut bekannt, denn in Kleinstädten kennt man seine Bettler, die Fluktuation ist nicht so groß. Manchmal lege ich ein paar Münzen in seinen Hut, manchmal nicht – ganz nach meiner Laufgeschwindigkeit und dem Inhalt meiner rechten Hosentasche. An diesem Tag gab ich 30 Cent und ging weiter. Auf der anderen Seite der Straße, kurz vor der Mariensäule, lag ein einsamer Hut am Boden, ebenfalls mit ein paar Münzen darin. An der Hauswand dahinter lehnte ein Pappschild mit der Aufschrift: »Ich bitte um eine milde Gabe«.

Erstaunlich. War es nun der Hut oder sein Träger, der um eine milde Gabe bat? Oder war der zuständige Milde-Gaben-Bitter gerade bei einer Kaffee- oder Pinkelpause?

Als ich den Obermarkt wieder hinaufstieg, blieb ich bei meinem Bettler stehen und erzählte ihm von diesem herrenlosen Hut.

»Ja, der ist von mir. Das ist meine Filiale. Und Sie werden sich wundern: In dem Hut liegt mehr als in dem, der vor mir steht. Ist doch komisch, oder?«

Ich biete zwei Themen für Diplomarbeiten für BWL- beziehungsweise Soziologiestudenten an: »Das anonyme Spendenverhalten der Deutschen« und »Moderne Wirtschaftsstrategien und ihre Infiltration ins Prekariat«.

 

 


 

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Mäzen

Freitag, 12-03-10 10:29

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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