Über das Altwerden

Oberbayerische Miniaturen, Teil 4

Von Tom Dauer

Copyright Tom Dauer

Der Ziagla-Martl beim Fitnesstraining

Leider musste der Ziagla-Hans ins Krankenhaus. „Auf Minga aufi.“ Nach München hinauf. Das ist topografisch nicht korrekt, denn Schmidham – gelegen zwischen Draxlham und Mitterdarching – befindet sich etwa 200 Meter höher als die 30 Kilometer entfernte bayerische Landeshauptstadt. Ein Oberländer könnte aber vermutlich nicht mit dem Widerspruch leben, „auf Minga obi“ zu fahren… Aber zu den Eigenheiten bairischer Richtungsangaben mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Bis Anfang April ist unser Bauer nun krank geschrieben. Das wäre eine existenziell bedrohliche Situation, wäre der Ziagla-Hans nicht Mitglied im Maschinenring Aibling-Miesbach-München. In dieser landwirtschaftlichen Selbsthilfeorganisation helfen sich Mitglieder unter anderem mit Arbeitskräften aus. Und außerdem hat der Ziagla-Hans noch mich: Aus den anderthalb Stunden, die ich bisher mit Stallarbeit verbracht habe, sind sechs geworden. Morgens von sechs bis neun, abends von vier bis sieben, zuerst im Ziagla-Hans seinem Stall, unten in Schmidham, dann bei uns auf der Wildschwaige, zusammen gut 60 Milchkühe, wie gehabt: „Hei obi schmeissn“. „Fuadan“, füttern. „Mist aussi schiam“. Wobei in diesen Fällen Präpositionen und Richtungen übereinstimmen.

Die Arbeit ist nicht zuletzt deshalb erträglich, weil dem Ziagla-Hans sein Vater, der Ziagla-Martl, im Stall mithilft. Der Opa ist recht gesprächig. Gestern erzählte er mir, dass er früher als Milchfahrer gearbeitet habe. Vor drei Jahrzehnten seien es in Schmidham – inklusive unserem Einödhof – 14 Bauern gewesen, deren Kühe 800 Liter Milch am Tag gegeben hätten. Heute sind es noch vier Bauern. Dafür aber 1200 Liter Milch.

Der Ziagla-Martl sagt, zwei Stunden Bewegung pro Tag hinderten ihn am Altwerden. Er ist 82. Aber die Mistschaufel gibt er nicht aus der Hand.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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