Das Leben unter den CO2-Menschen

Kleiner Rückblick aus der Zukunft auf den CO2-Handel

Von Robert Griesbeck

Nach der Öko-Notverordnung der Vereinten Nationen vom 22. 6. 2019 steht bekanntlich jedem Menschen auf der Welt nur noch ein bestimmter CO2-Ausstoß pro Jahr zu. Man kann allerdings seinen Überschuss mit anderen Menschen, die weniger CO2 produzieren, verrechnen. Diese Form des Ausgleichs hat, was leicht vergessen wird, weltweit schon eine lange Tradition. Der Emissionshandel für Kohlendioxidemissionen in der Europäischen Union ist bereits 2005 gesetzlich eingeführt worden – übrigens nach einer Grundidee, die schon 1968 von dem kanadischen Ökonomen J. H. Dales in seinem Buch Pollution, Property and Prices dargestellt wurde. Das revolutionär Neue bei der Umsetzung der Dales’schen Ideen ab 2005 war, dass die Politik erstmals eine konkrete Obergrenze der Gesamtemissionen als Umweltziel vorgab.

 

Schmutz zu Vorzugspreisen

Orientiert an dieser Obergrenze wurden sogenannte Umweltzertifikate ausgegeben, die zur Emission einer bestimmten Menge berechtigten. Diese Zertifikate waren frei handelbar, und wie im Kapitalismus üblich, bestimmte die Nachfrage den Preis für diese Zertifikate. Emissionen, die ohne Emissionsrecht erfolgten, wurden mit einer hohen Strafe belegt. Der Handel mit Emissionszertifikaten war anfänglich als Instrument der Umweltpolitik gedacht, die das Ziel hatte, Schadstoffemissionen zu verringern – mit gleichzeitig möglichst geringen volkswirtschaftlichen Kosten.

Doch das änderte sich schnell.

Ich habe einen Job als Art Director in der Abteilung »Greenwashing« einer internationalen Werbeagentur. Mein erlaubter jährlicher Standardwert an CO2-Ausstoss (Auto, Heizung, Ernährung, Flugreisen) beträgt 3.500 kg, aber der ist beim besten Willen nicht zu halten. Wobei »bester Wille« natürlich ein Begriff ist, der direkt mit meiner Lebensweise verknüpft ist. Meine Frau hat eine schwere Psoriasis, deshalb müssen wir zweimal im Jahr ans Tote Meer fliegen, zur Salzwassertherapie. Dazu kommt ein Flug nach Sri Lanka, wo wir für zwei Wochen eine traditionelle Ayurveda-Klinik besuchen. Meine Geschäftsreisen werden anteilig zwischen mir und dem CO2-Abschreibungskontingent der Firma aufgeteilt.

Natürlich verbrennt mein Audi Future-Bound X9 im Fahrbetrieb nichts, was in die Atmosphäre entweicht – das ist ja auch seit dem 18. 11. 2017 verboten - aber die CO2 -Last, die durch die Herstellung meines X9 entstand, fällt natürlich auf mich und muss jährlich verrechnet werden. Und was die Ernährung angeht: Man will ja wenigstens anständig essen, auch wenn wir schon lange kein Kobe-Filet mehr gekauft haben. Im Moment liege ich bei etwa 9.800 kg CO2, das heißt, ich muss für 6.300 kg Emissionszertifikate zukaufen. Dafür habe ich drei Veganer angestellt, die mir meinen CO2-Mehrausstoss abnehmen. Das lohnt sich nur deshalb für mich, weil ich den dreien weniger zahle als ich Strafsteuer für die entsprechende CO2-Grenzwertüberschreitung zahlen müsste. Sie sehen, das Leben ist komplizierter geworden, seit wir versuchen, der globalen Erwärmung einen Riegel vorzuschieben.

 

Veganer rechnen sich

Zwei meiner Zertifikatpartner leben in einem Niedrigenergiehaus, einer sogar in einem Zelt, keiner hat ein Auto, und weil sie Veganer sind, verbrauchen sie tatsächlich unter 1000 kg CO2 im Jahr. Vegetarier haben eine deutlich schlechtere CO2-Bilanz. Im Schnitt nimmt mir jeder 2.100 kg ab. Und von dem, was ich ihnen zahle, davon leben sie. So werden weltweit die Klimaziele erreicht, und obendrein unterstützen die Reichen die Armen, weil die unsere Giftstoffe statistisch eliminieren. Nicht so kriminell wie früher, als giftiger Abfall noch nach Russland oder Italien verkauft wurde, wo er auf die Müllkippe kam oder als Säure im Meer verklappt wurde.

Noch vor rund zehn Jahren – man erinnere sich nur an den Kopenhagen-Schock vom Dezember 2009 - blickte man äußerst pessimistisch in die Zukunft. Heute hat sich alles zum Guten gewendet, dank der globalen CO2-Grenzbestimmmung, die gleichzeitig die Arbeitslosigkeit bekämpft, weil viele Menschen, die keine Ausbildung und keinen Job haben, als CO2-Kompensierer arbeiten.

Das ist inzwischen ein anerkannter Beruf, der von über fünf Milliarden Menschen auf der ganzen Welt ausgeübt wird. Die Ausbildung ist sehr kurz, und um CO2-Kompensierer sein zu können, bedarf es keiner besonderen Befähigung. Das hat ganz nebenbei enorme Kosten im Bildungssystem eingespart. Der optimale CO2-Kompensierer ist Veganer (triple A), aber auch als Vegetarier kann man immerhin noch eine AA-Wertung erreichen. Jeder CO2-Kompensierer ist verpflichtet, seinen CO2-Ausweis mit seiner speziellen CO2-Notation ständig bei sich zu tragen, dazu einen gut sichtbaren Aufnäher auf der Kleidung – ein grüner Kreis mit einem, zwei oder drei A’s darauf, die seinen Status markieren. Natürlich kommt es auch bei CO2-Kompensierern manchmal zu Unregelmäßigkeiten, aber darum kümmert sich die CO2-Kontrollbehörde, eine Unterorganisation der UNO.

 

Currywurstbuden sind Tatorte

So darf man sich nicht mehrfach verdingen (CO2-Unterschleif!) oder sich anders ernähren, als es im persönlichen CO2-Ausweis vorgesehen ist. Wird etwa ein Veganer an einer Currywurstbude erwischt, verliert er sofort seine Zulassung, kann nie wieder als CO2-Kompensierer arbeiten und bekommt natürlich auch keine Rente und Sozialhilfe. Er ist ein Umweltschädling.

Diese Welt gründet sich auf einen fairen Umgang miteinander, darauf, dass manche Leute Arbeit haben und ökologische Sünden begehen – besser gesagt, begehen müssen, sonst würde unser globales Wirtschaftssystem nicht mehr funktionieren – und dafür von anderen Menschen, die keine Arbeit haben, ökologisch entlastet werden. Es gibt zwar politische Strömungen, die diese neue Art des Broterwerbs als moderne Sklavenarbeit bezeichnen, man kann sie allerdings auch im Sinne der katholischen Kirche als Absolution oder Öko-Ablass verstehen. Alles Ansichtssache. Hauptsache, der blaue Planet überlebt.

Unsere Welt ist eine Welt im Gleichgewicht, die nur noch ein Ziel hat: Zwei Grad plus und Schluss! Wobei sich inzwischen zugegebenermaßen kein Mensch mehr für die globale Erderwärmung interessiert, denn das Wichtige ist der very new deal: Statistisch ist alles in Ordnung, der Frieden ist gesichert, Nahrung und Arbeit sind ausreichend vorhanden – 4/5 der Menschheit hat sich auf veganische Ernährung umgestellt, reist nicht mehr und hat sich in den heißen Klimazonen geballt, um Heizkosten zu sparen. Nach der zweiten großen Völkerwanderung, 2014 bis 2016, bewegen sich nur noch vereinzelt Touristen auf der Erde (und Geschäftsreisende natürlich), und das Migrationsproblem ist dadurch gelöst worden, dass für CO2-Kompensierer keine Auto-, Schiffs- oder Flugreisen mehr erlaubt sind, um den CO2-Ausstoß zu begrenzen. Die ökologische Bewegung hat eine bessere Welt geschaffen.

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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