Der Zukunftsbaumarkt

In der Ostschweiz werden Baumärkte zu Lernorten fürs Überleben

Von Erdmann Wingert

Das also ist der große Josias Gasser, dieser drahtige Typ mit dem grauen Stoppelbart, der eine Erdkugel in der Hand hält, sie dreht und wendet und ein Stückchen in die Höhe wirft. „Was meint ihr?“ fragt er die zehn jungen Leute, die vor ihm sitzen und ihn ein wenig ratlos anschauen, „würd’ eine Erde reichen, wenn alle Menschen auf der Welt so leben wollten wie wir hier in der schönen Schweiz?“

Es dauert ein Weilchen eh’ sich unter den Schirmmützen und bunten Strähnen der sechzehnjährigen Realschüler so etwas wie ein Kopfschütteln andeutet.

„Richtig!“ ruft der Gasser, blitzt ein Lächeln in die Runde und tippt auf den fußballgroßen Globus in seiner Linken. „Da bräucht’ es vier, fünf davon, damit wir überleben können.“ Ein Blick über die Schulter auf die Statistik, die der Beamer an die weiße Wand wirft: Fünf Säulen zeigen den Energieverbrauch in verschiedenen Ländern. Bis zur Mitte ragt die Säule, die den eines durchschnittlichen Schweizer Haushalts zeigt, daneben eine, die bis an den oberen Rand reicht und demonstriert, dass ein Haushalt der USA doppelt soviel Strom, Gas, Öl und Benzin verpulvert wie einer in der Schweiz – und daneben die verschwindend kleinen Stümpfchen, die den Verbrauch der  Chinesen und Inder zeigen.

Milliarden Menschen leben da, das wissen auch die Realschüler. „Wenn von denen erstmal jeder zweite ein Auto fährt“, sagt Gasser und lässt mit einem Knopfdruck die Jalousien vor den wandgroßen Fenstern raufrutschen, „ gibt’s bald keinen Treibstoff mehr auf der Welt. Ich werd’s nicht mehr erleben. Aber ihr.“

Düstere Aussichten, und das an einem so schönen Tag! Die Mittagssonne steht über Graubünden, lässt Schneegipfel zu beiden Seiten des Rheins leuchten und leckt die Schatten aus den Gassen des Städtchens Chur. Dass sie auch noch den größten Baumarkt vor Ort heizt, selbst dann, wenn’s draußen Stein und Bein friert, hat bisher kaum einer wahrgenommen. Doch das könnte sich ändern, dank Josias Gasser, dem dieser Baumarkt gehört, dazu noch sieben andere in der Schweiz.

Ein Erfolgsmensch also, aber so sieht er eigentlich gar nicht aus, wie er da in Turnschuhen, ohne Schlips und Kragen vor seinen Gästen steht, hört sich auch nicht so an, wenn er ihnen im vertrauten Graubündner Dialekt seine unbequemen Wahrheiten vermittelt. Zum Beispiel, dass Häuser neben Autos und Fabriken zu den gierigsten Energiefressern der Welt gehören. Es sei denn, man nutze die Sonne als Heizkörper! Dass so etwas funktioniert, diesen Beweis wird er gleich antreten, wenn er die Schülerschar durch seinen Baumarkt führt, der sich mit einer Fensterfront nach Süden, den Lärchenholz vertäfelten Fassaden und einem kleinen See vor der Tür schon auf den ersten Blick von anderen Baumärkten unterscheidet.

Worin er allen anderen gleicht, das ist das Angebot von rund zwanzigtausend Produkten, die sich auf einer fußballfeldgroßen Fläche über drei Stockwerke stapeln: Vom Abbindverzögerer über Dübel, Feuerschutztüren, Gips, Nägel, Schrauben bis hin zu Zwingen und Zungenkellen reicht die Palette, nicht zu vergessen Hölzer in allen Formen und Größen, die in einem zwölf Meter hohen Seitentrakt und auf dem Hof lagern, hier gibt’s’ so gut wie alles, was Heim- und Handwerker  brauchen.

Er hat schon oft Besuchergruppen durch seinen Laden geführt, dem der Schweizer Ingenieur- und Architektenverein (SIA) im Jahr 1999 den Preis für nachhaltiges Bauen verliehen hat. Weitere Preise wie der Solar 91 und der Europäische Solarpreis 2000 folgten, bald darauf sogar  eine Auszeichnung der Stiftung „Natur & Wirtschaft“, die dem naturnah gestaltetem Umfeld des Hauses mit seinem Feuchtbiotopen, dem Naturlehrpfad vor der Haustür und dem üppig begrünten Dach galt. Seitdem geben sich Besucher aus allen Teilen der Schweiz und sogar aus dem Ausland die Klinke in die Hand.

Aber auch bei der hundertsten Tour, dieses Mal  mit Schülern im Tross, zeigt sich, dass es ihm immer noch Spaß macht, die ingeniösen Feinheiten der Konstruktion zu erklären. Sie sind auf den ersten Blick für einen Außenstehenden kaum zu erkennen, aber ihre Wirkung wird schon nach den ersten Schritten spürbar.

Dazu muss man zunächst auf einem Eisensteg einen Teich überqueren, in dem Frösche abtauchen, Eidechsen auf Findlingen dösen und Libellen über Schilfspitzen huschen. Danach geht’s durch einen gläsernen Windfang in die Eingangshalle – mitten in eine Atmosphäre hinein, die in dreifacher Weise wohltemperiert wirkt: Als erstes spürt man, welche Stille in diesem sogenannten Niedrigstenergiegebäude herrscht, das mannsdicke, mehrfach isolierte Mauern nicht nur gegen Kälte und Hitze, sondern auch gegen Lärm von außen abschirmen. Hinzu kommt, dass den Besucher ständig eine zarte Brise aus Frischluft umfächelt, die nie unter zwanzig Grad sinkt, und als drittes fällt auf, wie licht die Räume auf allen Ebenen wirken, bedingt durch die großen Fensterfronten, vor denen Sonnensegel zwei Drittel der einfallenden Strahlen nach oben lenken, wodurch sich das Licht über die Decken bis tief ins Gebäude verteilt, ohne zu blenden.

Ein zusätzlicher Gewinn ist, dass die dreifach verglasten Scheiben in Rahmen aus Bündner Föhrenholz stecken. „Wozu denn Urwälder in fernen Kontinenten roden, wenn das beste Material vor unserer Haustür wächst?“, fragt Gasser seine jungen Besucher mit einer Geste, die den bewaldeten Hang hinter den Fenstern erfasst, ein Argument, das ihnen sofort einleuchtet, weil sie dieser Landschaft entstammen und von ihr leben wollen, darunter der sechzehnjährige Fabian, der Landwirt und sein Freund Robin, der Förster werden will.

Doch große Fenster allein lösen die Energieprobleme nicht. „Die Sonne bringt’s an den Tag“, gesteht Gasser lächelnd, während er die Schüler zum Ausstellungsraum führt. Wenn sie nämlich vom Sommerhimmel brennt, würde sich das Haus von der Südseite aus unerträglich stark aufheizen; im Winter dagegen könnte es sich schnell in einen eiskalten Kasten verwandeln. „Dagegen hilft nur eine ausgetüftelte Lüftung. Und natürlich dicke und winddichte Wände.“

Von der ausgetüftelten Lüftung, dem Herzstück der Anlage, wird noch die Rede sein, aber zunächst führt Gasser seine Gäste in den Ausstellungsraum und zeigt, wie sich innovative Techniken mit nahe liegendem Material umsetzen lassen. Das Fundament seines Baumarktes bietet ein Beispiel, es ruht auf einem Schotterbett aus Altglas, das mit seiner fest geschütteten und feinkörnigen Struktur keine Wärmebrücke zulässt; eine fünfundzwanzig Zentimeter dicke Schicht aus demselben Material isoliert das Dach. Ebenso dick ist die Dämmschicht der Außenwand, die auch aus einem billigen, aber höchst wirksamen Wegwerfprodukt besteht, nämlich aus abertausend Remittenden der Bündner Zeitung.

„Damit sich nicht Mäuse in der kuscheligen Masse einnisten und sie aushöhlen, haben wir das Zeitungspapier mit Borax behandelt“, erklärt er vor dem Querschnittmodell, das die Schichten aus Holzverschalung, Kalksandstein und Altpapier zeigt. „Das Zeug ist außerdem noch Brand hemmend.“ Ein Lächeln, ein Zwinkern und schließlich das Bekenntnis: „Die Materialien sind eigentlich ganz und gar marginal, auf die Konstruktion kommt es an.“

Vor allem auf die der Lüftung, die innerhalb von drei Stunden das gesamte Luftvolumen des Hauses von immerhin zehntausend Kubikmetern austauscht, ein Prozess, der fast unmerklich abläuft, aber das Gefühl vermittelt, als gehe ständig ein leiser Atemzug durch alle Ebenen des Gebäudes. Ein anderer Wohlfühleffekt besteht in der gleich bleibenden Raumtemperatur von knapp über zwanzig Grad und nicht zuletzt in der gesicherten Tatsache, dass sich in solch konstant durchlüfteten und temperierten Gebäuden niemals Kälte- und Schimmelecken bilden können.

Ein weiterer Vorteil ist, dass sich aus der verbrauchten Luft neunzig Prozent der Wärme zurückgewinnen lässt. Die wiederum dient dazu, die Frischluft aufzuheizen, die von außen kommt, sodass erst nach Dauerfrost und vielen lichtlosen Tagen, also unter Bedingungen, die gelegentlich bei Gassers Öko-Baumarkt im 1728 Meter hoch gelegenen Punt Muragl herrschen, eine konventionelle Wärmequelle angeworfen werden muss. In Gassers Baumärkten hat sie die Dimension eines Stubenofens und verbrennt kinderfingerkleine Pellets, die „natürlich aus dem Holz sind, das vor unserer Haustür wächst.“

Geiz ist sicher nicht das Motiv, das ihn zu solchen Materialien greifen lässt, was ihn bewegt ist eher die gedankenlose Verschwendung von Ressourcen. „Wer langfristig denkt, kommt um ökologische Fragestellungen gar nicht mehr herum“, sagt er, wobei die wichtigste Antwort im Prinzip der Nachhaltigkeit liegt. Wo sie sich ideal verwirklicht, hebt sie den Gegensatz zwischen Ökologie und Ökonomie auf. In seinen Baumärkten und dem vierstöckigen Wohnhaus, das er in seiner Heimtatstadt Chur nach denselben Prinzipien bauen lässt, scheinen beide gleichsam zu verschmelzen. Ein Prozess, der nicht nur höhere Lebensqualität garantiert, sondern sich auszahlt.

Als studierter Ökonom fällt es ihm leicht, die Bilanz zu ziehen. Obgleich der Bau seiner Öko-Märkte pro Kubikmeter 450 Schweizer Franken kostete und damit um rund fünfzehn Franken über dem Preis einer konventionelle Bauweise lag, summiert sich auf Dauer das Sparpotenzial, das ihm die Sonne beschert. In Chur sind es pro Jahr fünfzehntausend Liter Heizöl, in Punt Muragl, dem wahrscheinlich kältesten Ort der Schweiz, erspart sie ihm Jahr für Jahr sogar bis zu fünfundzwanzigtausend Liter. Ein Indiz für die strengen Verhältnisse, die in dieser Allgäuer Höhenlage herrschen, ist auf dem Dach des Baumarkts zu besichten. Dort musste Gasser die Solarzellen der Photvoltaikanlage auf  schulterhohe Gestelle montieren lassen, weil sie sonst regelmäßig unter Schneehalden verschwunden wären.

Dass sich sein Engagement auszahlt, steht außer Frage: Nachdem  er 1984 das Unternehmen von seinem Onkel übernommen hatte, konnte er den Umsatz um das Sechsfache steigern. Ein Erfolg, der für sich spricht und es ihm erspart, das Menetekel einer Klimakatastrophe an die Wand zu malen. Muss man denn unbedingt schwindende Ressourcen und die verheerenden Wirkungen fossiler Brennstoffe auf das Klima beschwören, um zu erklären, wie notwendig einer Wende der Energiepolitik wäre? Erklärt sich so ein Passiv-Energiehaus nicht schon allein aus seinen Vorzügen vor stinknormalen Gebäuden?

Auch das spricht für seine Methode, dass er seinen jungen Gästen nicht den Lebensmut nimmt, sondern ihnen sein Botschaft so menschenfreundlich ans Herz legt, dass am Ende jeder von ihnen das Gefühl gewonnen hat, einen eigenen kleinen Erdball in der Hand zu halten. Den es zu retten gilt.

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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