Wunderland mit "W"

Ganz Bayern eine Demokratur. Ganz Bayern? Nein! Ein kleines Dorf …

Von Claus-Peter Lieckfeld

Foto: Gemeinde Weyarn

Voller Durchblick für Weyarn

Unter der meisterlichen Stuckdecke des Dominikus Zimmermann leuchten die heiligen Buchstaben IHS: In hoc signo (vinces) – in diesem Zeichen (wirst du siegen).

Das kirchliche Motto wird hier, im Sitzungssaal der Gemeinde Weyarn, säkular gelebt: Inmitten des denkmalgeschützten Dekors eines ehemaligen Chorherrnsstiftes versammelt sich der Rat. Seine Mitglieder siegen, weil sie für ihre Gemeinde Bürgerpolitik machen, die ihren Namen verdient: nachhaltig, von Bürgern gestaltet, ideenreich, Glück und Wohlstand mehrend. Kurzum, keine 40 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt zwischen Mangfalltal und der Autobahn Richtung Salzburg weben Rat und Bürger - nun schon sein vielen Jahren – gemeinsam an einem Gesamtkunstwerk: bürgerbestimmte Ortsentwicklung.

Frustrierte Lokalpolitiker, aber auch Bürger aus der Umgebung und aus ganz Europa kommen rund ums Jahr; denn hier, das hat sich herumgesprochen, kann man besichtigen, dass „Bürgernähe“ nicht notwendigerweise eine Polit-Spruchblase ist. Die Anatomie des Wunders – das wissen die meisten Weyarn-Neugiertouristen schon aus dem Internet – hat eine unverzichtbare Voraussetzung: Die hiesigen Gemeindevertreter haben sich ein gut Stück frei gemacht – frei von Alleinverantwortung und Alleinbefugnis. Man kann es auch so sagen: Sie haben sich für ihre Bürger mächtig entmachtet.

 

Entmachten macht mächtig Spaß

Wie das? So etwa lautet auch die Hauptfrage von 24 Bürgern, die aus einer Münchner Randgemeinde – in Größe und Struktur Weyarn vergleichbar – zum Batterienaufladen angereist sind. Die Windacher Bildungsreisenden haben eine Autobus-Stunde hinter sich, durch Januarschnee und Stau am Mittleren Ring. Es herrscht gespannte Aufmerksamkeit. Ausflug nach Fantasia, Durchatmen im befreiten Gebiet.

Aber zur Sache: Wo ist der Trick, der Kniff, der Ansatzpunkt? Wie kann es glücken, dass Gemeinderäte sich hier von ihren Bürgern perfekt zuarbeiten und das Volk souverän gestalten und entscheiden lassen?

Weyarns Bürgermeister Michael Pelzer, Gastgeber der Windacher Lerngruppe, stellt einen ersten Leitsatz in den gut gefüllten Sitzungsraum: „Eine Gemeinde darf an Grundstücksgeschäften nicht verdienen.“

Wie bitte? – kollektives Aufmerken im Saal: Soll sich denn eine Gemeinde die einzige Geld-Druckerpresse aus der Hand nehmen lassen, die noch nicht total klemmt: den Verkauf von Bauland?

„Genau das!“, Bürgermeister Pelzer nutzt die Steilvorlage, „denn dieser Verzicht ist langfristig ein Gewinn – und dieser Gewinn, liebe Leute, ist wun-der-schön.“

Pelzer hat jahrelange Routine darin – geschult in Hunderten von Führungen, aber auch in Fachvorträgen und Interviews –, sein Heimatbild  zu skizzieren: Anfang der Neunziger wurde deutlich, dass Weyarn und seine 20 umliegenden Dörfer und Weiler mehr und mehr in ein Kraftfeld gerieten, in eines, das auf Dauer schwächt. Da war zum einen die immer dichter befahrene Autobahn München-Salzburg am Nordrand der Gemeinde, eine Direttissima, die den Abstand zur Bayernmetropole schmerzhaft verkürzte. Und da war die Lieblichkeit der Voralpenhügel, etwas, an das Bauspekulanten und Erschließungsgesellschaften, wenn man sie denn lässt, ihre Preisschilder hängen. Vielleicht half in Weyarn auch der Blick zur Nachbargemeinde Holzkirchen, einer beton-adipösen chronisch Kranken, die sich in den Bau-Boomjahren alles einverleibt hatte, was sich anbot.

 

Leitbild, kein Leidbild

Einige Engagierte aus Weyarn und der Umgebung schlossen sich zusammen und erarbeiteten ein Leitbild: Was soll aus unserer Gemeinde werden? Wollen wir uns „städtisch entwickeln“? Oder wollen wir ländlich bleiben? Es zeigte sich, dass die überwältigende Mehrheit Ländler aus Überzeugung sind. Das Wollen war damit klar formuliert, aber wie stand es mit dem Können?

Die Zeitenwende für Weyarn begann damit, dass das Bürgervotum nicht zu den Gemeideakten gelegt wurde – also dorthin, wo Bürgerinitiativisches gern entsorgt wird –, sondern in Versammlungen bestätigt und für verbindlich erklärt wurde. Verbindlich besonders für den Rat.

Man beschloss eine Baugrundbewirtschaftung. Den protestierenden Gegenstimmführern („Kommunisten! Enteigner! Umstürzler!“)  blätterte man die Bayerische Verfassung auf. Die fordert klipp und klar, dass Grundstücks-Wertsteigerungen, die ohne eigenes Zutun zustande kommen, der Allgemeinheit zustehen. Und wer leichter glaubt als weiß, bekam es auch noch mal mit Moses (3; 25, Vers 23) gesagt: „Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen für immer; denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Gäste vor mir.“

 

Also schrieb man fest, dass Verkäufer von künftigem Baugrund immer zwei Drittel der Gesamtfläche an die Gemeinde verkaufen müssten – zum Doppelten des Preises, der sich für landwirtschaftlichen Grund erzielen ließe. Das restliche Drittel bleibt frei verkäuflich. Die Gemeinde, schon seit einigen Jahren größter Grundbesitzer vorort, verpachtet (nach den Regeln des Erbbaurechtes) Baugrund zu Vorzugspreisen auf 149 Jahre; in der Regel an junge, bauwillige, einheimische Familien. Die monatlichen Erbpachtraten liegen bei 90 Euro für ein Normalgrundstück. Und siehe da, die Jugendabwanderung wurde gestoppt, die bayern- und bundesweit übliche Heimatvertreibung per Baupreis war abgesetzt. Weyarn gelang es damit sogar, positiv an der demographischen Kurve zu biegen: Auf günstigem Gemeindegrund wachsen  pro Haus 2.7 Kinder heran, in den Häusern des „freien“ Wohnunsmarktes dagegen nur 1,2.

 

Die Jungen bleiben. Sie bleiben auch deshalb, weil sie von Anfang an in Weyarn mitbestimmen konnten und weiterhin können. Ein Jugendarbeitskreis – wie alle 12 Weyarner AKs mit festem, selbst verantworteten Budget ausgestattet - hat eine komplette Skater-Anlage geplant und gestaltet. Statik und Feinschliff kamen natürlich von Profis, wie sie jeder Weyarner Arbeitskreis – über sein Budget hinaus! - anfordern kann.

Bürgermeister Pelzer lehnt sich, nach einführenden Worten an die Windacher, entspannt zurück, während der 19jährige AK-Leiter Jugend und seine Kollegin vom AK Altenplanung gemeinsam darlegen, wie sich gerade die Jobbörse für Jugendliche  mit den Wünschen der Senioren vernetzt: Schneeschippen, Einkaufen, Vorlesen.

 

Wir wollen Licht!

Das System, Bürgern Kompetenz und Gestaltungsraum zu geben, durchdringt Weyarns Politik. Überall. Die neue Grundschule zum Beispiel: „Wir wollen viel Licht. Wir wollen alle nahe beieinander sein. Und wir wollen draußen Wasser haben“, hatten die Schüler beschlossen. Nach diesen Vorgaben wurde geplant und gebaut.  

Wie ernst die Wünsche der Sieben- bis Zehnjährigen genommen wurden, erlebt die Windacher Besuchergruppe an diesem Januartag: Sie durchschreitet einen lichtdurchströmten Quader mit elegant überdachtem Innenhof und bestaunt nebenbei ein Heizungssystem, das weniger Energie frisst als ein herkömmliches Einfamilienhaus.

 

Die Windacher fallen nach dem Rundgang erlebnissatt in die Polster ihres Reisebusses. „Das war wie eine Wellnesskur“, seufzt eine  Gemeinderätin, die daheim notorisch in der Minderheit ist, wenn es um die Themen Nachhaltigkeit und Bürgerbeteiligung geht. „Ja, Himmel nochmal, bei uns müsste doch auch was gehen!“, stoßseufzt ihr Sitznachbar, ein bürgergewegter Neu-Windacher. „Vielleicht hilft es ja, wenn wir denen daheim im Rat beweisen können, dass Weyarn nicht zusetzt sondern sogar spart, wenn es seine Bürger mitplanen und entscheiden lässt … aber vielleicht hilft’s auch nicht, weil … aber schaun wir mal!.“

Eine Fönwolke schiebt ihre weißglänzenden Rundungen über den Alpenhauptkamm. Es wird tauen, und man wird sehen.

  

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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