Auszapft is!

Abgang mit Pauken und Trompeten – und Vuvuzelas

Copyright: Dominik Baur

Schloss Bellevue: Gut bewacht, aber derzeit herrenlos (Foto: Dominik Baur)

Der längste und unrühmlichste Abgang eines Bundespräsidenten hat ein Ende gefunden. Nach dem Großen Zapfenstreich hat Christian Wulff sein Schloss nun endgültig verlassen – nicht voller Demut, aber völlig gedemütigt.

Über Schloss Bellevue kreisen zwei Bussarde. Ob das was zu bedeuten hat an einem Tag so wunderschön metaphorisch wie heute? Während sich drinnen der ehemalige Hausherr von seinen Gästen und final aus dem Amt verabschiedet, werden draußen die letzten Vorbereitungen für den Großen Zapfenstreich getroffen. Im Schlossgarten sind es das Wachbataillon und das Musikkorps der Bundeswehr, auf der anderen Spreeseite und im Tiergarten sind es die Demonstranten, die Aufstellung nehmen. Die Stimmung hat etwas Surreales.

Rund 150 Gäste sind gekommen zu dieser Veranstaltung, zu der angeblich keiner wollte, bei der jeder sich lautstark erleichtert zeigte, der nicht eingeladen wurde. Etwa genauso viele, so las man, hätten abgesagt. Und worum geht es? Eigentlich nur darum, dass eine Blaskapelle am Rande des Berliner Tiergartens vier Lieder spielt. Was die Sache brisant macht, ist, dass die Blaskapelle das besagte Musikkorps der Bundeswehr ist und sich die vier Lieder Christian Wulff ausgesucht hat, derjenige unter den bisherigen Bundespräsidenten, der das unrühmlichste Ende genommen hat. Großer Zapfenstreich nennt sich das Ganze. Es ist eine ehrenvolle Verabschiedung von besonderen Persönlichkeiten – in der Politik wird diese Ehre nur dem Bundespräsidenten, dem Bundeskanzler und dem Bundesverteidigungsminister zuteil.

Ehre? Viel war davon die Rede in den letzten Wochen. Steht Wulff der Ehrensold von 199.000 Euro im Jahr zu? Hätte er sich nicht ein letztes Fünkchen Ehre bewahren und still und leise aus dem Amt stehlen können, statt auch noch auf dieses Zeremoniell zu bestehen? Hat der Mann denn gar keine Ehre, so fragte man.

Es ist kurz nach halb sieben, als die ersten Pfiffe ertönen. Etwa zu der Zeit, als die ersten Fackelträger sich im Schlossgarten positionieren. Trillerpfeifen hört man und Vuvuzelas, alles, was Lärm macht eben. Der Geräuschpegel steigt – und bleibt. Bis zum bitteren Schluss.

Und sonst? Was bleibt noch aus der 20 Monate dauernden Präsidentschaft des Christian Wulff? Außer einem Hauskredit, Urlaub mit und bei Freunden, dem Verdacht der Vorteilsnahme, den Bobbycars und natürlich dem legendären Anruf beim „Bild“-Chefredakteur? Wenn es gut läuft, ein Satz. Nicht „Ich bin auf dem Weg zum Emir“, und auch nicht „Der Rubikon ist überschritten“. Sondern: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Dieser Satz, vorgebracht zu einer Zeit, als sich in Deutschland gerade, angestachelt von Thilo Sarrazin, ein Klima des Hasses gegen Migranten breitmachte, ist es, für den Wulff nach wie vor Dank gebührt. Ein Satz. Immerhin.

Angeblich soll sich Wulff für den Zapfenstreich zunächst „Ebony and Ivory“ gewünscht haben, ganz dem Motto seiner Präsidentschaft entsprechend – United Colours of Bellevue. Doch dann, so hieß es, habe man ihm das Lied ausreden müssen: nicht trompetentauglich.

Unter den vier Stücken, die nun tatsächlich gespielt werden, ist es das zweite, das den Militärmusikanten besondere Contenance abverlangt: „Over the Rainbow“ aus dem Soundtrack des „Zauberers von Oz“. Das Lied wird an Stellen so leise, dass es förmlich untergeht im Chor der Vuvuzelas. Mit einem schmissigen Marsch hätte man den Wettstreit mit den Bläser da draußen vielleicht aufnehmen können, aber nicht mit „Over the Rainbow“.

„Schande, Schande“, skandieren die Demonstranten, die sich spontan via Facebook zu der Aktion zusammengefunden haben. Man kann nur erahnen, was in Christian Wulff jetzt vorgeht. Noch größer kann man sich die Demütigung kaum vorstellen – der Klangteppich des Protests überdeckt die gesamte Zeremonie.

Ist es nur gefühlte Wahrnehmung oder sorgen die Großen Zapfenstreiche für scheidende Bundespräsidenten erst neuerdings für Aufsehen, seit dem fahnenflüchtigen Horst Köhler? Mit der einen Ausnahme vielleicht: dem Zapfenstreich für Gustav Heinemann. Der fiel dadurch auf, dass er nicht stattfand. Das Militärische war Heinemanns Sache nicht, deshalb verzichtete er auf die Zeremonie. Sympathisch eigentlich.

Die letzten Politiker, denen die Ehre des Großen Zapfenstreichs zuteil wurde, waren von anderem Kaliber: Franz Josef Jung, Horst Köhler und Karl Theodor zu Guttenberg. In dieser Reihe steht nun auch Wulff. Das kann man ihm gönnen. Aber die Vuvuzelas? Die sollte man ihm nicht gönnen. Wenn einer schon am Boden liegt, dann tritt man nicht noch auf ihn ein. Hat das John Wayne gesagt oder ist es eine alte bayerische Volksweisheit? Jedenfalls hat es auch etwas mit Ehre zu tun.

Als die Soldaten abgetreten sind und Wulff ein allerletztes Mal zurück ins Schloss geht, dreht er sich noch mal kurz um und winkt seinen Gästen. Dann ist er weg. Es ist ausgestanden. Für alle.

Darauf ein Ständchen:



PS der Redaktion: Das ist ja alles gut und schön, aber wenn Sie etwas wirklich Interessantes zum Thema Zapfenstreich lesen wollen, dann sollten Sie auf keinen Fall die nächste Folge von Weltiswortwechsel versäumen – an diesem Wochenende!

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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