Dumme Luft

Groborientierung für meinen Minikosmos, Teil 1

Von Tom Schimmeck

Holdes Landleben - der Städter hat da ein komplett verklärtes Bild. Natürlich liebt er die malerische Natur, die lieben Tiere, das satte Grün, die guuute Luft. Begibt er sich - in aller Regel selten - einmal aufs Land, streckt er sich sogleich wohlig, saugt das schon erwähnte Qualitäts-Gasgemisch bis zum Zwerchfell ein und seufzt: "Ach, ist das schön hier."

Zugleich lebt er mit einem zermürbenden Widerspruch. Gewiss: Das Land, die unberührte Natur – ein Traum. Doch wie ist es zu fassen, dass in solchen Biotopen Menschen leben, dauerhaft. Landbewohner? Sind allerbestenfalls rustikal, weiß der Stadtmensch. Und in der Regel wohl doch ein wenig – naja, einfach. Oder sagen wir's ruhig klarer: Unterentwickelt. Wie könnte es auch anders sein? Fehlen dem homo ruralis doch all die Segnungen urbaner Spitzenzivilisation: Multiplex-Kino und Massentransit, Oper, Speed-Dating und Speisegaststätten mit Köstlichkeiten aus 77 Kulturen. Auch kann der homo urbanis sich in jedem zweiten Fernsehkrimi überzeugen, dass sein armer Vetter, der gemeine Landmensch, einen IQ eher unterhalb seiner Raumtemperatur hat und besonders darauf spezialisiert scheint, einfachste Tätigkeiten zu verrichten. Wobei er recht ähnlich dreinzublicken pflegt wie sein milchspendendes Getier.

Man sieht es, wenn Sie ihrem polierten Geländewagen entsteigen, ihre neueste Outdoor-Mode ordnen und einen Blick über unseren Zaun wagen. In ihrem Blick: Die Faszination. Und den Zweifel: Immer hier leben in all diesem Grün? Mit sich allein? Das scheint doch arg bizarr. Da lockt bald wieder die Stadt, mit lauter, bunter Zerstreuung. Flugs zurück. Nur schnell noch einmal tief einatmen – die gute, dumme Luft.

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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