Magda - Das Magazin der Autoren

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Früchte der Zeit

Jede Äußerung des Lebens ist plötzlich

Von Andreas Weber

Die verschrumpelten Birnen unter dem Baum. Es müssen Hunderte sein. All die Birnen, die wir nicht essen konnten, weil sie vorher vom Stamm fielen, angefault, angebissen von den kleinen Kiefern unbekannter Insekten, des Hängens müde geworden und einfach herabgeplumpst. Mit einem vernehmbaren Bumm landet immer wieder eine Birne auf dem Dach des Gewächshauses, mit einem dumpferen Plumpsen auf dem Boden, auf den Ziegeln des Weges, auf der Blechumfassung der Mauer. Kaum etwas illustriert so sehr den Effekt des Seins gegenüber dem bloßen Beharren, dem Nichts der Reglosigkeit, wie dieser plötzliche Schlag. Es ist die gleiche Plötzlichkeit, die gleiche vollkommen unerwartete, arbiträre, letztlich den Quantenfluktuationen geschuldete Spontanität, mit der alles Neue in die Welt kommt und alles einmal daraus verschwindet. Das Kind, aus dem Mutterleib geglitten: Plötzlich ist es da. Eben war es nicht. Der Tod, unvorhersagbar, aber absolut, genauso absolut wie das Leben zuvor. Jedes Bumm auf dem Gewächshausdach ist ein Pendelschlag des Seins und seiner ganz eigenen Früchte. Die Birnen unter dem Baum, ein Reigen des Sterbens. Saurer Gärungsgeruch steht in der Luft. Jede einzelne Birne, eine Welt, ein Kosmos, der sich zusammenzieht. Wer eine Apologie der gefallenen Birne schreibt, ist schon zurückgewichen, hat sich schon in einen minimal möglichen Raum zurückgezogen. Die Falten der toten Früchte, Gebirge, Halden, zeitbenagte Borken, Kosmen, immer noch. Schlacke von Tagen voller Bewegung. 


 


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