Leben in der Pipeline

Oder: Verweile doch, du bist so schön

Von Andreas Weber

Die weiche, graue, laue Luft auf den Wangen, morgens, nach dem Öffnen der Tür. „Wir alle haben so viel in der Pipeline“, schreibt N. „Während wir das abarbeiten, sind plötzlich Jahre vergangen.“ Wahrscheinlich ist es einfach das Leben, das wir in der Pipeline haben, und es ist vergangen, während wir es leben, sozusagen viszeral, also eher gelebt werden, von uns selbst. Unsere ganze Zivilisation hat soviel in der Pipeline, und bis das alles erledigt ist, ist die Dämmerung hereingebrochen. Gesteigerte Effizienz nützt nichts, im Gegenteil. Keine Verschnellerung hilft, sondern Stillstand. Kein Wachstum, sondern Gewahrsein. Keine Fülle, sondern Leere. Paradoxe Intervention in zivilisatorischem Maßstab wäre das Gebot der Stunde. „Ich versuche ja, den Augenblick möglichst nicht versteichen zu lassen, ohne mich ihm geöffnet zu haben/ ihn verstanden zu haben/ ihn gefühlt zu haben/ ihm irgendwie in die Augen gesehen zu haben“, wäre eine Entgegnung, die aber in die Tat umzusetzen ist. Zum Glück sind da die Dinge in ihrer stummen Tiefe. Die Begegnung mit der Luft draußen ist ein bereits das Anathema der verstreichenden Zeit. In jedem wirklichen Moment ist die Zeit aufgehoben. Die Hagebutten im Rosenstrauch vor dem Fenster, sie sind da, namenlos, sprachlos, rot. Gestern waren sie noch die Blüten und die dazu passende Hymne aus Worten. Heute sind sie kleine rote Lichtflecken. Als ich gestern abend den Hahn aufdrehe, um den neuen Dachabfluss zu testen, bewegt sich etwas in der dämmernden Erde. Eine kleine Kröte flieht vor dem ausströmenden Wasser aus ihrem Loch. Sie verharrt, verbirgt sich dann unter ein paar grünen Blättern. Die Kröten hier, die Totemtiere; „Kröte Tom“ steht auf dem kleinen Grabstein, den Emma für den Lurch gesetzt hat, den wir kürzlich unter der Tür eingequetscht fanden. Emma bittet mich, für ihre Freundin eine der letzten drei verbliebenen Rosenblüten abzuschneiden und sie ihr mit in die Schule zu geben. Die schönste aber, die volle, rosenfarbige, hebe ich auf. Ich schneide sie ab, ich beende ihre Existenz in der Zeit, um ihr Leben in der Ewigkeit der Imagination zu beginnen.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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