"Und morgen wird wie heut"

Betrachtungen über die Wanderlust

Von Tom Dauer

Weggehen. Einen Weg gehen. Sich fort bewegen. Fortbewegung. Es ist kein Zufall, dass Ziel und Mittel einer Verfahrenstechnik, die einen unter Aufbietung eigener Kraft von hier nach dort bringt, denselben Wortstamm haben. Ein Impuls zur Flucht wohnt dem Gehen inne, dem Verlassen eines Zustands – Stillstands – unter Inkaufnahme der Möglichkeit, als anderer oder gar nicht zurückzukehren. Daher ist es kein Wunder, dass das Gehen bis heute als Reflex verstanden wird: auf Bürgerlichkeit, Industrialisierung und Entfremdung in historischer Hinsicht, auf die alltäglichen Lebensumstände von heute.Leider aber greift der zivilisationskritische Ansatz zu kurz, denn zu keiner Zeit war das Gehen nur Reaktion. Es war auch immer Mittel, irgendwann gar Selbstzweck.

Das war so, bevor der Mensch den Fußgang als Leibesertüchtigung, Freizeitbeschäftigung, Philosophie oder Therapie definierte. Erinnerungen an diese Zeit werden wach, wenn die Zimmerer in ihren schwarzen Manchesterhosen und Schlapphüten auf dem Kopf von Dorf zu Dorf ziehen: Erinnerungen an die berufs- und sozialbedingte Mobilität der Handwerker, die gingen, um möglichst schnell von einer Arbeitsstelle zur nächsten zu kommen. Vor der Erfindung des Wanderns lief der Mensch durch, nicht in die Natur. Sein Ziel war das Ziel. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Da begann der Mensch, freiwillig zu gehen und seinen Weg zum Ziel zu machen.

Individualistische Schar

Nicht immer begegnete man ihm mit Verständnis. So notierte der deutsche Schriftsteller Karl Philipp Moritz im Juni 1782, nachdem er seine Fußreise durch England angetreten hatte: »Ein Fußgänger scheint hier ein Wunderthier zu seyn, das von jedermann, der ihm begegnet, angestaunt, bedauert, in Verdacht gehalten und geflohen wird...« Moritz mied daher alle belebten Orte und erklärte stattdessen die Innenschau, die Erforschung der eigenen Seelenlandschaft zum wichtigsten Motiv seines Abenteuers. Wie weit entfernt das Bürgertum davon war, Fußreisen als soziales Phänomen zu akzeptieren, verdeutlicht der Text eines gewissen Heinrich Ludwig Christian Böttger, der im »Journal des Luxus und der Moden« (Ausgabe Mai 1800) den »Vorschlag einer Uniform für Reisende zu Fuße« machte. Damit sollte jeder sofort identifiziert werden können, der um des Gehens willen ging.

Böttgers Vorschlag wurde nie aufgegriffen. Kaum verwunderlich, hätte er doch einen latenten Widerspruch offensichtlich gemacht: Dass sich nämlich bald ganze Scharen von Wanderern bildeten, von denen jeder Einzelne sich als Individualist begriff und begreift. Wandern wurde zur Bewegung in einer Epoche, in der sich der Mitteleuropäer aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien begann – und damit alte Bindungen aufgab. Sich als Subjekt definierte und seine Umwelt Objekt wurde. Dieser moderne Mensch wandert, weil er damit sinnliche Erfahrungen machen kann und gleichzeitig lustvoll genießen, wovon er sich einst entfernte: aus dem Aufgehobensein im Schoß von Mutter Natur. Sein Beitrag zum Seelenfrieden macht das Wandern zu einer individuell wie sozial wertvollen Betätigung.

Dass das Wandern damit Weltsicht und Weltaneignung wird, folgerte auch Johann Wolfgang von Goethe: »Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.« Demnach sind es häufig die wissbegierigen Jungen – und die zum Staunen fähigen Alten –, die gehen. Laut dem Soziologen und Physiker Rainer Brämer, Professor für Natursoziologie am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Marburg und Leiter der »Forschungsgruppe Wandern«, entdecken heute vor allem die 25- bis 39-jährigen das Wandern für sich. Rund 34 Millionen Deutsche tun es, und 70 Prozent aller Deutschland- und Österreich-Gäste.

Altbackener Ruch

Auch die Outdoorindustrie, die mit Werbung und strategischer Öffentlichkeitsarbeit jahrelang versuchte, sich ein möglichst extremes Image zu schaffen – und damit immer nur ein Nischenpublikum ansprach –, hat das Potenzial der wandernden Kundschaft erkannt. Laut Angaben der »Forschungsgruppe Wandern« geben die Aktiven nicht weniger als zwölf Milliarden Euro pro Jahr für ihr Hobby aus: für Bekleidung, Ausrüstung, Urlaub und gefahrene Kilometer – daran wird auch die Wirtschaftskrise wenig ändern.

Trotz aller Zahlen und Prognosen bleibt die Frage, wieso Minderheitensportarten immense öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, während dem Trendsport Wandern penetrant der Ruch des Altbackenen anhaftet. Vielleicht, weil nach Aufklärung und Romantik, die jenseits von Kriterien wie »sinnvoll« und »nutzlos« das ziel- und zwecklose Herumwandern in erhabener Landschaft hervorbrachte, sich vornehmlich die deutsche Nationalstaatsbewegung dem Wandern annahm. So schrieb etwa Friedrich Ludwig Jahn, der »Turnvater«, in seinem 1810 erschienenen »Deutschen Volksthum«: »Und vaterländische Wanderungen sind nothwendig, denn sie erweitern des Menschen Blick, ohne ihm dem Vaterlande zu entführen. Kennenlernen muss sich das Volk, als Volk; sonst stirbt es sich ab... Wandern, Zusammenwandern, erweckt schlummernde Tugenden, Mitgefühl, Theilname, Gemeingeist und Menschenliebe.«

Turnbünde um Jahn sowie studentische Vereinigungen bilden zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten organisierten Wandergruppen. Ihr Blick herunter von Mittel- und Vorgebirgen, befinden Historiker, fügt schon vor Wartburgfest und Paulskirchenversammlung zusammen, was in Wirklichkeit noch in Einzelstaaten zersplittert ist: das Deutsche Reich. Eine Art der Wahrnehmung, die den europäisch denkenden Wochenendausflüglern von heute eher fremd ist. Und doch lautete das Motto des ersten gesamtdeutschen Wandertags nach der Wiedervereinigung »Ein Wandervolk, ein einig Volk«. Erkennen lässt das lediglich, wie wirkungsmächtig bis heute eine Interpretation des Wandergedankens ist, die das gesellige dem individuellen Erleben voranstellt.

Ab etwa 1860 beginnt sich das Wandern als Vereinswandern zu etablieren. Als Protest gegen derart kommerzialisierten Sportsgeist sowie als Gegenentwurf zu den Lebensbedingungen der Moderne – ja, hier dient das Wandern einmal der Flucht – gründen sich die jugendlichen »Wandervögel«. Zunächst 1896 als Schülergruppe am Gymnasium Steglitz entstanden, finden sich Mitglieder bald im gesamten Deutschen Reich. 1912 haben die »Wandervögel« um die 25.000 Mitglieder. Wer dazugehören will, muss sich in bestimmter Weise kleiden, am Lagerleben partizipieren, Volkstänze und –musik beherrschen. »Wandervögel« machen das Gehen zum Lebensstil. Wandern »ist der einzige Sport, bei dem mit der Leibeskultur nicht eine Geringschätzung und Vernachlässigung der intellektuellen Leistungen und Fähigkeiten zusammengeht«, schreibt ein Dr. Alfred Berg 1914 in seinem »Geographischen Wanderbuch«. Und weiter: »Bloß so zur Erholung oder nur zur Stählung und Übung des Körpers hat sicher noch keiner eine Reise getan und erst recht keine Fußreise.«

Luxuriöse Zeitverschwendung

In einem traurigen Sinne behielt der Gelehrte Recht. Der Wandergedanke als Beitrag zur Körpererziehung, wie er vom Pädagogen Johann Christoph Friedrich Guts Muths entworfen worden war, war bereits vor dem Ersten Weltkrieg militärisch korrumpiert worden. In schlimmster Form diskreditierten die Nationalsozialisten die Fortbewegungsart Wandern: Aus schlichtem Unterwegssein machten Hitlerjugend und BDM ein Erziehungsprogramm zur gesellschaftlichen Gleichschaltung.

Erst heute beginnt das Wandern sich von allen ideologischen Aneignungsversuchen zu emanzipieren. Wandern ist das, was es ist: Sport zum einen, wobei es nur so lange als Seniorensport galt, so lange andere und extremere Aktivitäten das Bild des Bergsteigens prägten. Darüber hinaus steht Wandern für Gesundheit, Genuss und Gefühl. Es stärkt das Herz-Kreislauf-System und mehr, erfreut das ästhetische Empfinden und reizt die Sinne – was den Wanderer in den Zustand des »Flow« versetzt, den Albrecht von Haller schon 1729 in seinem Versepos »Die Alpen« in die Zeilen fasste: »Hier macht kein wechselnd Glück die Zeiten unterschieden, / Die Tränen folgen nicht auf kurze Freudigkeit: / Das Leben rinnt dahin in ungestörtem Frieden, / Heut ist wie gestern war, und morgen wird wie heut.« 

Auf landschaftspsychologisch als Emotionsbrücken in archaische Vergangenheit zu definierenden Berggipfeln – früher boten sie Schutz, heute Fernsicht – geriert sich der Wanderer selten als leistungsorientierter Höhenmeterfresser, öfter dafür als genusssuchender Freizeitmensch. »Nur fünf bis zehn Prozent der Leute sind Gipfelstürmer«, sagt Soziologe Brämer. »Der Rest will nur eine Almhütte erreichen. Und das am besten auf horizontalem Wege.« Die wissenschaftliche Legitimation seines Tuns, so er sie sucht, findet der Wanderer in medizinischen Studien, die den gesundheitlichen Wert von frischer Luft und maßvoller Anstrengung belegen.

Heute wandert jeder, der sich irgendwie bewegen kann. Wollte man sehr weit gehen, könnte man die Evolution des Wanderns als dessen Annäherung an das Leben selbst verstehen: Man wandert, man geht durchs Leben. Welchen Sinn das eine oder das andere haben könnte, wer weiß? Vielleicht wäre es am schönsten, den Versuch der Sinnsuche gar nicht erst zu wagen: Wandern bliebe Luxus, bliebe Zeitverschwendung und damit Leben in seiner reinsten Form. »Am besten wandert man«, sagte der englische Reisende und Fußgänger Bruce Chatwin. Wie man eben lebt.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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