Aggression, Gewalt und die deutsche Geschichte

Die Nazis waren keine Aliens

Copyright: Jochen Zimmermann

Foto: Jochen Zimmermann

Die Menschheitsgeschichte ist nicht eben arm an grauenvollen Episoden. Ich beginne mit einer, die weit genug zurückliegt, um keinen Streit der Meinungen auszulösen...
 

Anno 1256 marschierte ein riesiges mongolisches Heer in den mittleren Orient – angelockt durch eine Hilfeersuchen, das der König von Frankreich, Ludwig IX., „der Heilige“, über den Franziskanermönch Wilhelm Rubruk an den Großkhan Möngke gerichtet hatte. Der verfolgte zwar durchaus eigensüchtige Ziele, aber es schien ihm doch lohnend, das Reich der Abbasidenkalifen zu zerschlagen. Die von seinem Bruder Hulagu geführten Truppen eroberten am 15. Februar 1258 Bagdad. Sämtliche Einwohner – über 150.000 Menschen – wurden unterschiedslos ermordet; aus ihren Schädeln errichteten die Mongolen eine Pyramide, die über 20 Meter hoch gewesen sein soll.

Wir machen uns nicht gerne diese Schreckenszenarien bewusst, von denen die verschriftete Menschheitsgeschichte nicht eben wenig zu bieten hat - man denke nur an die Ausrottung der Einheimischen in den beiden Amerika, oder daran, wie die Briten in Indien, die Belgier im Kongo, die Japaner in China gehaust haben. Wer sich mit dieser Mühsal konfrontiert, wird, wenn er sich speziell mit der Geschichte der Deutschen befaßt, auf ein Dilemma stoßen, das an die von den Gestaltpsychologen vielfach erörterte Figur-Hintergrund-Beziehung gemahnt. Der meistenteils schreckliche Hintergrund einer bluttriefenden Menschheitsgeschichte bildet jene Bühne, auf der sich zwischen 1933 und 1945 auch das Drama des Nationalsozialismus inszeniert hat. Inwieweit hebt es sich als eigenständig von dieser Geschichte ab, ja sogar aus ihr heraus? Sind die Verbrechen der Nationalsozialisten wirklich einzigartig – und wenn ja, worin und wodurch?

Vielleicht kommen wir einer Antwort auf diese quälenden Fragen näher, wenn wir zwei zeitgenössische Dokumente auf uns wirken lassen:

Das erste ist ein Schreiben der deutschen Seekriegsleitung an die Heeresgruppe Nord, die Belagerung Leningrads betreffend, die 1941 begann und rund eine Million Menschenleben kostete:

„Es ist beabsichtigt, die Stadt eng einzuschließen und durch Beschuß mit Artillerie und laufendem Lufteinsatz dem Erdboden gleichzumachen. Sich aus der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen werden, da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teiles dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht.“

Ganz ähnlich in Satzbau und Diktion das Protokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942, also wenig später:

„Unter entsprechender Leitung  sollen die Juden im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrungen der Geschichte.)“

Es ist, so mag es angesichts dieser Dokumente scheinen, wohl weniger das Verbrechen als solches (denn derartige Blutbäder hat es immer wieder gegeben, siehe Bagdad 1258), als vielmehr die Art und Weise seiner Planung und Durchführung, die den Nationalsozialismus einzigartig gemacht hat - jene affektfreie Kanzleisprache, mit der ungeheuerlich anmutende Geschehnisse schon vorweg beschrieben werden, nota bene, ohne dass dabei je Worte wie „Tod“, „Tötung“ und natürlich erst recht nicht „Mord“ fallen. Es ist dies dieselbe Sprache, in der die tüchtigen Ingenieure der Firma Topf und Söhne in Wiesbaden ihre nach Auschwitz gelieferten Krematorien als einen „kontinuierlich arbeitenden Leichen-Verbrennungsofen für den Massenbetrieb“ etikettiert hatten. Diesen „Massenbetrieb“ galt es mit deutscher Gründlichkeit zu organisieren, und selbstverständlich optimal - nach dem Warum und Wozu fragte man gar nicht erst. Oder in der Sprache Adolf Eichmanns, der die Gräueltaten von Auschwitz ja nie geleugnet hat, aber immer – auch noch mit der Schlinge um den Hals – betonen zu müssen glaubte, dabei auf höhere Weisung gehandelt zu haben: „Der Befehl war für mich das höchste, und dieser war gehorchend zu befolgen“ (Die Welt, 12. 8. 1999). Wobei hier das Adverb „gehorchend“ besonders ins Auge fällt – als gelte es, die ja ohnehin unstrittige Befolgung des Befehls noch mit einer besonderen Würde zu umkleiden, mit der der „gehorchenden Befolgung“. Gemeint ist vermutlich die innere Übereinstimmung – etwa in Abhebung von einer „widerwilligen Befolgung“ oder ähnlich. Eichmann hätte es freilich auch unter dem Galgen nicht noch beteuern müssen – es hat ihm diese Gehorsamsbereitschaft ohnehin jeder geglaubt.

Adolf Eichmann, sein Untergebener, der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß und andere Männer von – vermutlich – ähnlichem Schlag sind von mir in Anlehnung an Alexander Mitscherlich und Jan Philipp Reemtsma als „Grausamkeitsprofessionelle“ bezeichnet worden (BASTIAN 2000, 2001). Gewiss, viele dieser „kalten Vollstrecker“ mögen durchaus früher einmal geprügelte, gequälte und missbrauchte Kinder gewesen sein, also Opfer von „heißer“ Grausamkeit. Und dennoch -  Heranwachsende mit schrecklichen Kindheits-erfahrungen dürfte es am Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland, Frankreich und dem zaristischen Russland – um nur diese drei Länder zu nennen – jeweils in großer Menge gegeben haben, aber nur in einem dieser Länder ist es zu der bekannten Explosion der Zahl von „kalter Grausamkeitsprofessionalität“ gekommen, wie sie sich in den oben zitierten Schriftstücken ebenso wie in einem Ensemble schrecklicher Taten offenbart hat. Es handelte sich dabei um aggressive Akte,  die sich – auch das muss immer wieder betont werden – eben nicht nur in einem „terminalen“ Antisemitismus (um mit Daniel Goldhagen zu sprechen) verwirklicht haben, sondern ebenso auch im Terror gegen Slawen (siehe die Belagerung von Leningrad), „Zigeuner“ und andere Menschengruppen, zum Beispiel Homosexuelle und Behinderte. Diese Vernichtungsbereitschaft traf samt und sonders alle Mißliebigen und „Unbrauchbaren“, die dem deutschen Drang zur Großmacht, die der vermeintlichen Suprematie der arischen Herrenrasse im Wege zu stehen schienen.

Es muß also, zum möglicherweise gequälten kindlichen Ich, noch etwas anderes hinzugetreten sein, um die Bereitschaft der Täter zum gleichmütig-technokratischen Massenmord zu erklären. Wählen wir, um das deutlich werden zu lassen, drei exemplarische Täterbiographien aus vielen möglichen aus: Adolf Hitlers Vater war ein cholerischer Finanzbeamter gewesen, Heinrich Himmlers Vater ein tyrannischer Lehrer, und der Vater von Rudolf Höß ein ehemaliger Missionar mit fanatischen Zügen. Neben der lieblosen, jeden Anschein von „Schwäche“ verachtenden Atmosphäre, die diese „Familienoberhäupter“ in den von ihnen dominierten Kleinwelten allem Anschein nach zu schaffen wussten, fällt noch etwas anderes ins Auge: Daß die Berufe der Väter (und möglicherweise auch das von ihnen verwaltete und vermittelte „Weltbild“) sehr viel mit Ordnung zu schaffen haben, mit dem Versuch die Welt nach einem vorgegebenen, von übergeordneten Autoritäten generierten Muster bürokratisch und ideologisch zu strukturieren. Nicht allein die Brutalität des Elternhauses steht also zur Debatte, sondern, in meinen Augen sogar erstrangig, die Verknüpfung dieser Brutalität mit kleinbürgerlicher Pedantiere, auch dem Wunsch, eine „geordnete Fassade“ zu wahren, mit „Sekundärtugenden“, die sich in mehr als einer Hinsicht als „staatstragend“ und „patriotisch“ rechtfertigen konnten. Es ist die äußerlich wohlgeordnete, strenge, gefühlskalte Lebenswelt subalterner Beamter, in deren Weltverständnis „Vater Staat“ (laut Nietzsche „das kälteste aller kalten Ungeheuer“) eine übergroße Rolle spielt. Exakt diese Gegebenheiten dürften für den deutschen Sprachraum in den „Gründerjahren“ (also zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Kriegsbeginn 1914) eine entscheidende Rolle gespielt haben – die Zeit, in die Hitler (Jahrgang 1889), Himmler (Jahrgang 1900)  und Höß (ebenfalls Jahrgang 1900) hineingeboren worden und in der sie aufgewachsen sind.

Etwa drittes kommt noch hinzu:

Die erwähnte Zeitspanne 1871 - 1914 war, insbesondere seit dem „Scharnierjahr“ 1897, auch die Epoche kollektiver Größenphantasien. In jenem Jahr 1897 hat der damalige Reichskanzler Bernhard von Bülow seine berühmte Reichstagsrede gehalten, in der er für Deutschland einen „Platz an der Sonne“ forderte und somit jene „Weltpolitik“  einleitete, die letztlich in die Katastrophe von 1914 mündete (deshalb darf man von einem „Scharnier“ sprechen!). „Am deutschen Wesen wird die Welt genesen“, so hatte Kaiser Wilhelm II. exakt zehn Jahre später, in einer Ansprache anno 1907 Emanuel Geibels bekanntes Gedicht neu formuliert (im Originaltext von 1861, also aus einer Zeit noch vor der Reichsgründung, hatte es immerhin noch „mag“ geheißen). Seine Reichstagsrede zum Kriegsbeginn am 4. August 1914 beendete derselbe Kaiser Wilhelm mit dem Satz „Nun wollen wir sie aber dreschen!“ Und noch 1918, am 10. März, notierte die Kaiserliche Hoheit am Rand eines Artikels der „Münchner Allgemeinen Zeitung“: „Der kommende Friede wird unseren Feinden, so Gott will, aufgezwungen werden müssen. Sie werden erst zum Frieden schreiten, wenn sie so geschlagen sind, daß sie genug haben... Also ein echter, rechter hausbackener Friede, wie er bisher immer nach jedem siegreichen Kriege geschlossen wurde. Volksbeglückende Weltbürgerschaftsgedanken finden darin keinen Platz. Nur das nackte eigene Interesse und die Garantie für die eigene Sicherheit und Größe dürfen maßgebend sein!“   

Ein vergleichbares nationales Größen-Selbst existierte gewiß in nahezu allen imperialistischen Staaten jener Zeit; im deutschen Reich war es allerdings, da erst spät entwickelt, besonders virulent und damit auch besonders aggressiv. Dies deshalb, weil ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit nicht nur fest davon überzeugt gewesen ist, der eigenen Nation stehe jener „Platz an der Sonne“ von Rechts wegen zu, sondern auch bereit gewesen ist, ihn nötigenfalls mit Waffengewalt zu erkämpfen (ausführlich dazu BASTIAN 2000). Dieses von vorneherein auf Konfrontation ausgerichtete Selbstbild („Platz da, jetzt komme ich“ rufen kleine Jungen bei ähnlich strukturierten Spielen) erlitt freilich in der Realität 1918 fürchterlich Schiffbruch. Es kam nicht nur zur militärischen Niederlage, zu deren „Bewältigung“ kollektive Verdrängung und Verleugnung alsbald in erstaunlichem Ausmaß aufgeboten werden konnten („Im Felde unbesiegt“, „Dolchstoßlegende“ etc.), sondern, in der Folge, auch zum „Schandvertrag“ von Versailles, der als Demütigung und Entrechtung erlebt wurde. Hellsichtig schrieb der im Ersten Weltkrieg wegen pazifistischer Gesinnung inhaftierte, jeglicher Sympathie für das Naziregime ganz gewiss unverdächtige Philosoph Bertrand Russell schon 1935, also zwei Jahre nach Hitlers „Machtergreifung“ und vier Jahre vor dem nächsten großen Krieg: „Wer in seiner Selbstachtung tödlich getroffen ist, denkt nicht mehr wie ein geistig gesunder, vernünftiger Mensch; und diejenigen, die eine Nation vorsätzlich demütigen, haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn daraus eine Nation von Irren wird“ (RUSSELL 1935/1971, S. 127)

Einer, der diese Wendung der Dinge miterlebt und gewiß als schwerste Kränkung empfunden hat, ist der dreißigjährige Soldat Adolf Hitler gewesen. Später hat er oft genug betont, für ihn sei der Weltkrieg nie zu Ende gegangen. Daran, daß dieser Mann – nachdem in einer klassischen „Wendung vom Passiven ins Aktive“ (WURMSER 1987) beschlossen hatte, „Politiker zu werden“ – einen zweiten, die Schmach von 1918 korrigierenden Waffengang anstrebte, daran konnte für alle kritischen Beobachter des Zeitgeschehens schon bei der Lektüre von „Mein Kampf“ kein Zweifel mehr bestehen. Auch, dass militärische Niederlage und demütigender „Friedensvertrag“ jene verheerende „Katalysatorwirkung“ entfaltet haben, die dem bis dato sich sozusagen im europäischen Durchschnitt bewegenden deutschen Antisemitismus eine neuartige, äußerst aggressive Schubkraft verleihen konnten – auch darüber kann nach der Lektüre von „Mein Kampf“ eigentlich kein Zweifel bestehen. Schreibt der Verfasser, der in Landsberg am Lech recht komfortabel inhaftierte Münchner Putschist, doch ganz offen, jener Weltkrieg von 1914-1918 wäre seiner Meinung nach von Deutschland gewonnen worden, wenn man nur rechtzeitig genügend „hebräische Volksverräter“ getötet hätte, wobei er sogar das Stichwort „Gas“ erwähnt! „Der Vernichtungsfriede – Werk der Juden!“ so hieß es auf vielen Flugblättern, die in der Weimarer Republik verteilt wurden, und „Das deutsche Schwert ist von der Judenfeder besiegt worden. - Das darf kein Deutscher vergessen.“ Das, was so viele in Deutschland bewegte, fasste dann im Frühjahr 1928 ein Werbeplakat der NSDAP für die Reichstagswahl am 20. Mai prägnant zusammen: „2 Millionen Tote! Umsonst? Niemals! – Frontsoldaten! Adolf Hitler zeigt Euch den Weg!“

Von den Täterpersönlichkeiten nun zu den Opfergruppen. Wer stand in Gefahr, Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu werden? Die Antwort ist ernüchternd einfach: Jeder, der dem Weg der arischen Rasse- und Volksgemeinschaft im Wege stand auf ihrem Weg zur angestrebten Weltherrschaft – der nicht arische Untermensch, der Jude oder auch Sinti oder Roma sein mochte, aber auch der slawische Kriegsgefangene oder der „Gemeinschaftsschädling“, sei es ein homosexueller Mitbürger oder ein geistig behinderter Mitmensch. Infolge meiner eigenen Profession und wegen des ihr geschuldeten Forschungsinteresse vermag ich diese Täter-Opfer-Dialektik am besten auf dem Gebiet der Medizin zu beurteilen. Hierzu wäre zunächst zu sagen: „Die“ NS-Medizin gibt es nicht. Der während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Diktatur in Deutschland und in den von ihm annektierten Territorien praktizierten Medizin mangelte es erst recht an jeder Eindeutigkeit – naturwissenschaftliche Schulmedizin, Naturheilkunde, „Lebensreform“ und Paramedizin vermengten sich unter der Herrschaft des Vegetariers Adolf Hitler und des Reichsführers SS Heinrich Himmler, der auf dem Gelände des Konzentrationslagers Dachau eine Heilkräuterplantage anlegen ließ, zu einer unübersichtlichen Gemengelage, und unter den „furchtbaren Ärzten“ dieser Jahre waren karrierebewusste, streng naturwissenschaftlich gesonnene Akademiker, homöopathisch und naturheilkundlich orientierte „Alternativmediziner“ und opportunistisch handelnde Eklektiker gleichermaßen zu finden, ein einheitlich zu fassender theoretischer Standpunkt ist nicht auszumachen. Außer vielleicht in der einen Grundüberzeugung, die sie dann in der Praxis doch auf einen gemeinsamen Weg führte: nämlich dem sich als wissenschaftlich begründet verstehenden Glauben, dass das eigene medizinisch-therapeutische Wissen auch auf einer anderen Ebene als der der individuell orientierten Heilkunde angewendet werden können, nämlich an einem „Organismus höherer Ordnung“, am „Volkskörper“ bzw. an der „Volksgemeinschaft“. Diese Auffassung ließ sich – auch damals schon von sehr verschiedenen wissenschaftlichen bzw. geistesgeschichtlichen Ausgangspunkten – schon in der eugenischen Debatte vor 1914, in der Militärmedizin des Ersten Weltkrieges und in der rassenhygienischen Diskussion zwischen 1918 und 1933 vernehmen und nahm in Verlauf der Jahre einen immer drohenderen, immer militanteren Tonfall an. Sich als „Arzt des Volkskörpers“ zu verstehen, der sich dessen Genesung zu widmen habe – diese Haltung einzunehmen und, mehr noch, sie auch für rational und medizinisch begründet zu halten: das lag insbesondere nach der Katastrophe von 1918 einer Vielzahl von Ärzten nahe, die ansonsten wenig wissenschaftliche und weltanschauliche Gemeinsamkeiten teilten (unter ihnen auch solche jüdischen Glaubens, die später selbst Opfer des von ihnen propagierten Standpunktes wurden!); eben dadurch ist zu erklären, wie leicht in jenen Zeiten so vielen Begriffe wie „Minusvarianten“, „Minderwertige“, „Gemeinschafts-schädlinge“, „Ballastexistenzen“ etc. etc. aus der Feder flossen.

Und das sind eben die potentiellen und später auch aktuellen Opfer gewesen: Die, die der arischen Volksgemeinschaft als Feinde galten oder ihr aus anderen Gründen zur Last geworden waren. Es konnte alle und jeden treffen – alle, die dem nationalsozialistischen Streben, durch zügellosen Terror eine neue Weltordnung zu bewirken, hinderlich und im Wege waren.

Könnte desgleichen wieder geschehen? Aus anthropologischer Sicht muss gesagt werden: Vermutlich ja. Die Nationalsozialisten waren keine Fremdwesen aus dem Weltenraum, keine Aliens, sondern Menschen wie wir, und Deutschland in jener Zeit eine Art Versuchlabor des Bösen, in dem experimentell erforscht wurde, was Menschen einander antun können. Wir, die wir nach 1945 geboren sind, tragen daran keine Schuld, auch nicht als Deutsche, sehr wohl aber haben wir die Pflicht, die Vergangenheit präsent zu halten, um alles zu tun, was verhindern kann, dass Menschen noch einmal die selben Wege und Irrwege beschreiten.  Wenn es also eine Lehre der Vergangenheit gibt, dann die, dass sie in diesem Sinn noch gar nicht vergangen ist.


Literatur:

BASTIAN, T.: Furchtbare Ärzte. Medizinische Verbrechen im Dritten Reich, München 2001³

BASTIAN, T.: Das Jahrhundert des Todes. Zur Psychologie von Gewaltbereitschaft und Massenmord im 20. Jahrhundert, Göttingen 2000

BASTIAN, T.: Unorthodoxe Fragen zum Thema Destruktivität. Anmerkungen zur Kulturgeschichte von Gewalt im 20. Jahrhundert, in: M. KLÖPPER u. R.LINDNER (Hrsg.): Destruktivität. Wurzeln und Gesichter, Göttingen 2001

FESSER, G.: Der Traum vom Platz an der Sonne. Deutsche „Weltpolitik“ 1897 – 1914, Bremen 1996

RUSSELL, B.: Die geistigen Väter des Faschismus (1935), in: Philosophische und politische Aufsätze, Stuttgart 1971

REEMTSMA, J. P.: Falun et al. , Hamburg 1992

 


 


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