Axel aus dem Kofferraum

Die Geschichte einer Flucht, die sich kurz darauf als überflüssig erwies

Von Philipp Maußhardt

Foto: Christoph Püschner

Vielleicht ist dies die letzte Chance, diese Geschichte zu erzählen. Wer weiß, ob sich in zehn Jahren noch irgendwer dafür interessiert? Zum 50. Jubiläum des Mauerfalls, im Jahre 2039, bin ich 81 Jahre alt und werde wahrscheinlich als „Zeitzeuge“ mit einem Rollator in die Aula der Grundschule von Kirchentellinsfurt geschoben. Der Rektor wird den Kindern sagen: „Das ist der Herr Maußhardt. Er wird euch nun erzählen, wie das damals war.“

Damals, im November 1989, als ich mit meinem Freund Axel vor dem brennenden Kamin in der Toskana saß, das Telefon klingelte und jemand sagte, die Mauer sei gefallen. Die Kastanien, die wir gerade rösteten, schmeckten auf einmal nicht mehr. Denn nur wenige Monate vorher hatte ich Axel im Kofferraum meines Autos aus der DDR geholt.

Den Plan dazu hatten wir ein Jahr davor ausgeheckt. Ich hatte Axel in Dessau kennen gelernt. So ein netter Kerl und so ein böser Staat passten einfach nicht zusammen. Meine Freundin Friederike schlug vor, ihn zu heiraten, ich war einverstanden. Aber ein Rechtsanwalt riet uns ab: Das dauert Jahre. Die Kofferraum-Lösung versprach schneller zu gehen.

Die strengen Kontrollen an der innerdeutschen Grenze wollten wir vermeiden. Die sächselnden Gänsefleisch-Zöllner („Gänse-fleisch-mol-den-Gofferraum-öffnen?“) hätten unseren schwarzen Passagier sicher entdeckt. Die Ungarn dagegen galten immer schon als die realen Schlawiner des Sozialismus. Allerdings erhielt Axel, ein bekanntermaßen unzuverlässiger DDR-Bürger, für Ungarn kein Visum.

Als schon alles gescheitert schien, bekam Axel ein Visum für Rumänien. Rumänien war die Rettung, denn der Zug nach Rumänien musste durch Ungarn! Von diesem Moment lief die „Operation K“ an, K wie Kofferraum. Ich baute das Auto auseinander, verstaute in den Verkleidungen der Türen zwei Funksprechgeräte, von denen ich heute nicht mehr weiß, wofür sie taugen sollten. Aber wenn man eine Sache noch nie gemacht hat, und ich hatte noch nie jemanden zuvor im Kofferraum über eine Grenze geschmuggelt, tut man bisweilen merkwürdige Dinge.

Im Frühsommer 1989 trafen wir uns auf dem Bahnhof von Budapest. Ich verstaute Axel  im Kofferraum und deckte ihm mit schmutziger Unterwäsche, meuchelnden Schlafsäcken und Gerümpel zu. Ganz obenauf legte ich ein paar eisgekühlte Coladosen.

Auch ungarische Zöllner sind nur Menschen. Als die Grenzer an jenem heißen Tag damit begannen, das Chaos in meinem Kofferraum zu durchwühlen, schwitzten sie sehr und hielten auf einmal diese kühlen Coladosen in der Hand. „Bitte sehr, für Sie“, sagte ich und bedeutete ihnen, sie mögen doch diese durstlöschenden Dosen als Geste der Völkerfreundschaft behalten. Sofort hörten sie auf zu wühlen, winkten mich freundlich weiter. So einfach ging das. Axel stieg in Österreich mit rotem Kopf aus der Versenkung auf.

Vier Monate später, es war der 9. November, saßen Axel und ich im Dämmerlicht einer Solarfunzel in einem toskanischen Bauernhaus, im Kamin loderte ein Feuer und wir brieten uns zuvor im Wald gesammelte Esskastanien. Das Telefon klingelte. Es war Axels Schwester aus Dessau. Die Grenze sei offen, sie fahre jetzt mal hinüber. Einfach so.


 


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