Päpstlicher als der Papst

Neue Helden fechten wortreich für Katholizismus und Papst

Von Tyll Schönemann

Verehrt von den Massen und mehr noch von den Eliten. Foto: N. Schmitz / pixelio.de

Eine Errungenschaft der Aufklärung ist die Erkenntnis, dass Glaube und Religion Privatsache sein sollten. Ob jemand Hindu ist oder Christ, Muslim oder Jude, geht niemanden etwas an. Den Staat schon gar nicht. Die Franzosen sind so aufgeklärt, dass sie aus diesem Grunde keine Kirchensteuer kennen. Wir sind da anders.

Hierzulande wird nicht nur Kirchensteuer erhoben, sondern seit geraumer Zeit gehört es zum guten gesellschaftlichen Ton, sich öffentlich zur katholischen Kirche zu bekennen. Und wenn der Anschein nicht trügt, drängen sich umso mehr Katholiken in die Öffentlichkeit, je zweifelhafter der Ruf ihrer Kirche wird.

Auffallend dabei ist, dass es vor allem Prominente aus dem Medienbereich sind, die gar nicht genug gute Worte finden können für den Papst, mit dem Harald Schmidt als erster kokettierte, weil seine Verehrung für den Stellvertreter Gottes so herrlich kontrastiert zu seinem Zynismus, mit dem er den irdischen Vorfällen ansonsten begegnet. Da ist er Kai Diekmann frappierend ähnlich, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit die ganze moralische Autorität der Bildzeitung für den Vatikan in die Bresche wirft. Gerne auch im Umfeld einer stöhnenden Lucy-Anne (24) und eines stolzen Kilian (29), der sagt: Meiner ist 28 cm lang.

Was bei Schmidt schon zweifelhaft erscheint (spätestens seit er es sich zur Gewohnheit gemacht hat, nicht nur den Papst zu loben, sondern auch die Bahn, von der nun jeder weiß, dass sie es nicht kann), ist bei Diekmann nur noch peinlich. Denn wahrscheinlicher ist ein durchs Nadelöhr gehendes Kamel als ein Diekmann, der es ernst meinte mit dem Christentum. Er trägt es eher wie eine goldene Patek-Philippe – nur zu besonderen Anlässen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, mit dem Vatikan zusammen eine Volksbibel herauszubringen, deren Urheber, Martin Luther, bei den Medien-Profis unter den Papst-Fans übrigens völlig unten durch ist. Fasst man die Meinungen zusammen, wird an der nach ihm benannten Kirche folgendes bemängelt: schlechtes Marketing, zu wenig Prunk, kein Weihrauch, kaum Mystik und – eben – kein Heiliger Vater. Wenn es ihn nicht schon gäbe – Schmidt, Diekmann und Matussek (von ihm später mehr) hätten ihn erfunden. Papst – das ist mal ein Alleinstellungsmerkmal!

Und dann diese wunderbare Ohrenbeichte! Günther Jauch, der sich in Branchenkreisen als Pfennigfuchser und Sicherheitsfanatiker einen Namen gemacht hat, stellte schon als Bub die Kosten-Nutzen- Analyse in Sachen Glauben an und kam zu einem durchaus positiven Ergebnis. Schon weil, wenn ihn nach der Beichte ein Blitz träfe, „die direkte Himmelfahrt gewährleistet ist, ohne Umweg über das Fegefeuer“. Positiv wird das Jüngste Gericht auch seinen Einsatz für das Volksbegehren „Pro Reli“ werten, mit dem sich der Moderator (Wohnsitz Potsdam) für verpflichtenden Religionsunterricht (in Berlin) stark machte. Es nützte zwar nichts, aber beim lieben Gott zählt schon der gute Wille.

Darauf kann auch Franz  Beckenbauer hoffen, der eigentlich an die Wiedergeburt glaubt, schon weil er als Jesus zurück auf die Welt kommen will. Er kann sich jedenfalls darauf berufen, halt schon ein älterer Mann gewesen zu sein und ein bisserl vergesslich, wenn im Himmel der Wahrheitsgehalt eines Bildzeitungs-Interviews überprüft wird, in dem der Kaiser angab, täglich ein Vaterunser zu beten. Außer an Weihnachten natürlich. Da musste er immer auf diese Weihnachtsfeiern. An eines aber erinnert er sich genau: An seinen Benedetto-Besuch, weil der „unvergesslich“ war. Dieses Wort „unvergesslich“ sagen und schreiben übrigens alle, die ihre Vatikan-Visiten hinausposaunen wie die Deutsche Bank ihre letzten Rekord-Ergebnisse. Das genau ist auch der Deal des Papstes mit den Promis. Sie sollen zuhause in den einschlägigen Blättern den Weihrauchkessel schwenken.

Der weltbekannte Katholik Michael Schumacher tat das schon. Mit dem wunderbaren Satz: „Da oben ist einer, der mich lenkt“. Womit auch die Formkrise des Ex-Weltmeisters erklärt wäre. Gott hat bekanntlich keinen Führerschein.

Woher kommt sie nur, diese neue Bekennersucht? Wieso dieser Drang, den Medien zu sagen, was man glaubt? Warum kann Hape Kerkeling seinen Erhabensheits-Erguss Millionen Mal verkaufen? Wieso muss Regierungssprecher Steffen Seibert uns mit dem Bekenntnis belästigen, sich nach seinen Erfahrungen in der evangelischen Kirche jetzt in der katholischen so richtig wohl zu fühlen? Warum glaubt Miroslav Klose, die Öffentlichkeit warte auf die Offenbarung seines Papst-Bekenntnisses? Wieso muss Markus Lanz partout den Gläubigen raushängen lassen und mehr „Dunkelheit“ in den Kirchen fordern? Wieso gibt die konfessionslose Nina Ruge zum Besten, wenn sie wieder in eine Kirche eintrete, dann in die katholische? Was treibt Alfons Schuhbeck, öffentlich bekannt zu machen, dass er den Papst bewundert und „so oft es geht“ in der Münchner Asamkirche betet? Mutmaßlich das gleiche Motiv wie Claus Hipp, der mit dem Bekenntnis, regelmäßig im Münchner Dom zu ministrieren, nicht nur seinem persönlichen Image, sondern auch dem seiner Kindernahrung höhere Weihen verleiht.

Das also bleibt übrig: Katholizismus als Geschäft, als weihrauchumnebelter Verstärker der eigenen Persönlichkeit (soweit vorhanden). Es geht um Eigenwerbung, um Aufmerksamkeit, um Karriere-Beschleunigung und Karriere-Verfestigung. Dabei gilt: je konservativer, desto besser. Harald Schmidt hat es so formuliert: „Mir gefällt es, mich öffentlich zum Katholizismus zu bekennen; da es auch relativ leicht ist, gegen die katholische Kirche zu sein. Also denke ich, bin ich genau in der richtigen Kirche“. Ein Mann schwimmt gegen den Strom. Was für ein Mut in Zeiten der Papst-Verfolgung, die in Berlin schon so weit geht, dass dem Heiligen Vater das ganze Olympia-Stadion zur Verfügung gestellt wird, um all seine Verfolger unterbringen zu können!

Das hätten sie gerne, der Schmidt, der Diekmann und die anderen - dass sie auch noch als halbe Märtyrer durchgehen mit ihrer Papst-Anwanzerei und ihrer folgenlosen Religiosität.  Wo doch jeder weiß, dass über die letzten Jahrhunderte hinweg denen nie etwas passiert ist, die sich zur offiziellen Linie der Kirche bekannt haben. Geköpft, gehängt und verbrannt wurden immer die anderen.

Auch Matthias Matussek spielt gerne den Helden, der den Eindruck erwecken möchte, dass er mit seiner Benedetto-Anbetung dem Zeitgeist ein „Statement“ entgegenschleudert. Es ist aber nur so, dass er seinen Glauben prostituiert, ihn auf die Straße schickt, um selbst noch bekannter und wohlhabender zu werden. „Das katholische Abenteuer“ heißt sein Bestseller.   Das klingt nach Schatzinsel und Robinson Crusoe. In Wirklichkeit rennt das Buch die offenen Türen des Vatikans ein. Zu all den Missbrauchs- und politischen Skandalen der jüngsten Zeit hat Matussek nur dies zu sagen: „Jesus hat seine Kirche auf Menschen gebaut, und Menschen sind fehlbar. Damit haben wir zu leben“.  Obwohl Gott darin vorkommt, ist der Satz in seiner Ignoranz derart gnadenlos, dass es einem die Sprache verschlägt. Aber auch das ist Absicht. Matussek wollte nie zu den auch von ihm so genannten „Gutmenschen“ gehören. Zu diesen Langweilern und Toleranz-Fetischisten. Deshalb soll man sein Glaubenbekenntnis nicht falsch verstehen: Er ist nicht fromm, schon gar nicht mildtätig. Er ist nur für den Papst und eine konservative Kirche mit Zölibat und allem Pipapo. Weil das irgendwie geil ist. Irgendwie böse. Irgendwie chic. Und immer noch so, dass er den Frauen zublinzeln kann: Ich bin kein Heiliger!


 

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Ingo Langner

http://keine

Montag, 11-07-11 12:56

Zu diesem antikatholischen Artikel nur dies:
Bei Schwulen und Lesben ist outing ein Muß.
Aber die Katholiken sollen die Schnauze halten. Warum nur?

 

alaman

Montag, 11-07-11 13:38

Super und wahrhaftig der ganze Artikel, und das Beste zum Schluss: "..Matthias Matussek spielt gerne den Helden, der den Eindruck erwecken möchte, dass er mit seiner Benedetto-Anbetung dem Zeitgeist ein „Statement“ entgegenschleudert. Es ist aber nur so, dass er seinen Glauben prostituiert,.."

 

Caruso canary

Montag, 11-07-11 15:07

Offensichtlich ist es zuviel verlangt, einfach zu verstehen, dass die Kirche aus Menschen besteht, die Sünder sind. DIe Vorstellungen, die viele Kirchenferne heutzutage von Heiligkeit oder Katholizismus haben sind derart abgehoben, dass sie jeden normalen Menschen überfordern würden. Da bin ich dann froh, dass mein Gott, mein Glaube und die Kirche mich als Menschen so fehlbar annehmen, wie ich bin. Das sollten Sie auch mal probeieren, es macht ungemein "locker2.

 

Giovanni

http://http:www.dernotizblog.com

Montag, 11-07-11 16:23

"Wo doch jeder weiß, dass über die letzten Jahrhunderte hinweg denen nie etwas passiert ist, die sich zur offiziellen Linie der Kirche bekannt haben. Geköpft, gehängt und verbrannt wurden immer die anderen"....ach ja............
Seltsam wie schnell in Deutschland die Verfolgung von bekennenden Katholiken und Protestanten durch die NSDAP und später im Osten durch das stalinist. System vergessen wird.- seltsam; da bleibt ein fader Nachgeschmack wenn man so etwas liest.........

 

Felix

Montag, 11-07-11 16:59

Ingo, das ist völliger Quatsch, und ich denke das weißt du.
Outing-Kampagnen in der Schwulenszene dien(t)en dem Zweck, der Allgemeinheit die Präsenz von homosexuellen Mitbürgern bewusst zu machen und die Gesellschaft zu Akzeptanz und Toleranz zu bewegen. Bigotterie und Diskriminierung wuchern vor allem dann, wenn man auf eine komfortable schwache Minderheit zeigen kann. Die Bequemlichkeit ist dahin, wenn plötzlich die vermeintlich "sauberen" Mitmenschen und Vorbilder selbst als Minderheitsmitglieder dastehen. Ich muss wohl niemandem zeigen, mit welch auffälliger Regelmäßigkeit besonders Schwulenhasser und Prediger in eindeutigen Situationen erwischt werden.

Da die katholische Kirche keine sich freistrampelnde Minderheit vertritt, sondern den bräsigen, konservativen bis reaktionären, bigotten, angst- und ekelgesteuerten Mainstream repräsentieren möchte, ist es einfach gesagt höchste Zeit fürs Schnauze halten.

 

Felix

Montag, 11-07-11 17:13

Giovanni, die offizielle Lehre der Kirchen in der Nazizeit war es, die Nazis als kleineres Übel bzw. Verbündete darzustellen. Diejenigen, die von den Nazis weggesperrt und ermordet wurden, waren die Minderheit, die sich mutig gegen Nazis und die nazifreundliche Mehrheit der Kirchenoberhäupter stellte. Einige Beispiele: http://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus_in_der_Thüringer_evangelischen_Kirche

Den faden Nachgeschmack liefern auch die Reden des Papstes, in denen er wiederholt und hartnäckig unaufrichtig "ungläubigen" oder "gottlosen" Mitmenschen die Übel der deutschen Geschichte ankreidet.
Tatsache ist, dass 1933 95% der deutschen Bevölkerung Mitglieder der christlichen Kirchen waren. Man mag argumentieren, dass sich in der Folgezeit nur die wenigen Widerständler als "wirkliche Christen" gezeigt haben. Aber wie der Nazirassismus wuchs auch der Stalinismus auf Jahrhunderte lang gepflegtem, fruchtbaren feudalautoritär-theokratischen Boden. Diese Strukturen wusste z.B. Stalin zu nutzen, als er zur großen Vaterlandsrettung die russische Kirche ins Boot gegen Deutschland holte. Und diese Kirche nahm die Hand dankend entgegen, so wie sie es schon mit Diktatoren aller Couleur Jahrhunderte lang praktiziert hatte.
Eine "Kraft für das Gute" sieht anders aus.

 

Felix

Montag, 11-07-11 17:22

Caruso, m.E. verkennst oder verdrängst du das, was aus deinen Worten hervorgeht: es ist die Kirche, die einen überhöhten, gewollt unerfüllbaren Anspruch aus der antiken Theokratiewelt mitschleppt.
Die Überforderung ist nicht der Fehler der Menschheit, sondern das Ziel der Religion. Menschen werden zu Sündern vor Gott erklärt, damit sie scheinbar moralische Vorschriften befolgen, ohne sich die Berechtigung zur Kritik zuzutrauen. Wehe, wir würden den Menschen von klein auf beibringen, selbstständig, kritisch und intersubjektiv ihre Moral zu bilden.

 

Thommy

Dienstag, 12-07-11 07:15

Sehr vernünftig, wenn der Artikel echte Bekehrung einfordert!
Klar auch, dass das Bekenntnis zum katholischen Glauben karrierefördernd sein muss! (Seit der Verurteilung Jesu und seit den Verfolgungen im römischen Reích bis heute). Endlich zeigt ein Artikel, dass er dieses Bekenntnis ersehnt und zeigt, was für ein positives Echo das Bekenntnis zum katholischen Glauben findet!
Die meisten Menschen sehnen sich ja danach, dass jemand ihnen sittliche Ideale vorstellt! (?)
Nur - warum soll man dann nicht darüber sprechen können? Die "Wahrhaftigkeit" des Autors widerlegt sich hier selber!

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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