Also sprach Gott van Gaal

Ein dicke Kuss von die Trainer von der Meister

Es gibt Trainer, die sind ziemlich schnell beleidigt. Vlado Stenzel war so einer, wenn man mit ihm über Handball sprach. Da kannte der Kroate keinen Spaß, weil diesen Sport außer ihm natürlich keiner verstand. Schon gar nicht irgendein dahergelaufener Reporter. Er war ein altmodischer Trainer, der noch glaubte, Milchsäure könne man in den Kaffee tun. Einmal schrieb ich über ihn, dass er in einen Teller mit Cevapcici griff, um mir mit den Würstchen auf dem Tisch das Überzahlspiel unter besonderer Berücksichtigung adipositärer Wichtigtuer zu erklären. Obwohl ich mir bis heute sicher bin, dass er Adipositas für ein Abführmittel hielt, fürchtete ich um mein Leben. Ich sah dunkle Gestalten vor meinem Haus stehen, am liebsten wäre ich durch das Abfüllen von Slibowitz ermordet worden.  

Emil Beck war auch so einer, der führte heimliche Listen über liebe und doofe Journalisten: über hofberichterstattende Speichellecker und hinterfotzige Schofseggl, wie er seine linksradikalen Arschlöcher nannte, die gefälligst alle zom Deifl gangad sollten. Weil sie seinen Freund Kohl nicht mochten. Oder seinen eigenen Großkotz. Emil kam aus Tauberbischofsheim, war ein Zuchtmeister mit sehr deutschen Eigenschaften und lehrte als dickwanstiger Despot die hohe Kunst des Fechtens; ich fragte mich schon damals, was ich falsch gemacht hatte, weil er mich nie zu seinem Geburtstag einlud. Den hatte er nämlich jedes Jahr, ohne mich. Im Gegensatz zu einigen Kollegen, die von Gelagen bis zum späten Mittag schwärmten. Dabei fielen mir doch manchmal nett gemeinte Geschichten wie: „Ein Leben zwischen Hauen und Stechen“ über ihn ein.

Meinem Chef erging es noch schlimmer. Er hatte über den ehemaligen Friseur geschrieben, sein Haupt  sähe so aus als habe man ihm vor dem Schneiden einen Nachttopf übergestülpt. Danach wurde mein Chef regelmäßig bedroht, Herr Beck hatte schließlich beste Kontakte bis in die Politik. Bis nach Oggersheim, ein kurzer Anruf reichte. Doch mein Chef und ich entschieden uns irgendwann, sich herzlich darüber zu freuen, nicht zu den hofberichterstattenden Speichelleckern zu gehören; die eifrigsten unter ihnen feierten mittlerweile nicht nur mit Emil Beck Geburtstag, sondern ließen sich auch gern von der Autofirma mit dem Stern vorne drauf in schrecklich heiße Wüsten einladen, um das neue Modell standesgemäß mit Champagner zu begießen. Später ließen sie dafür die Autos mit Emil drin dankbar durch ihre Artikel fahren.

Die Frisur von Aloysius Paulus Maria van Gaal sieht ebenfalls stark nach Pisspott aus. Oben wirr wie seine Worte, unten die Haare nachgerade abgequetscht. Man munkelte bereits Perücke, Abwehrreihe gegen Kahlschlag und so. Leise, versteht sich, denn der holländische Trainer von Bayern München ist härter drauf als ein Otto Rehhagel auf Ecstasy. Seine Hand reicht weit, nicht nur bis in die Politik. Bis in den Himmel,  und er ganz vorne auf der Bank. „Ich bin Gott“, sprach er, „ich werde niemals krank, ich habe immer Recht.“ Eine Erkenntnis, die ihm am nächsten Tag den Titel „Gott van Gaal“ einbrachte, und überhaupt: Ich finde, er hat wirklich so was Erhabenes. Auch wenn sein Gesicht häufig zerknautscht aussieht wie eine eingedrückte Pommestüte. Gott van Gaal! Nicht schlecht. Da kommt selbst ein Kaiser nicht mit.

Louis van Gaal ist ein Machtbaber, wie er sich selbst nennt. Ein Stratege im Maßanzug, der Bügelfalten liebt und keine Widerreden. Das letzte Wort ist ihm stets sicher, zu Hause lässt sich er von seinen Töchtern siezen. Er ist ein notorisch schlecht gelaunter Besserwisser, der niemals aufgibt, und hat mit Methoden Erfolg, die seit der Erfindung von Mattenwagen oder Riesenfelge verschwunden schienen aus dem Bohnerwachsgeruch der Turnhallen. Er ist ein Mann der Tat und Tätlichkeiten, der so ein rotzfreches Selbstbewusstsein vor sich herträgt, als könne er das Problem mit Afghanistan an einem Wochenende mit Brückentag regeln. Früher soll er gern mal nach Kameras mit Menschen dran geschlagen haben, und als es in München am Anfang nicht so richtig lief und er fast zum fliehenden Holländer geworden wäre, bemerkte er gar garstig: „Wir haben ein Spiel verloren und nicht den Krieg.“ Das kommt als Niederländer in Deutschland natürlich besonders gut an. Wenn er streng guckt, hat er große Ähnlichkeit mit Gurbanguly Mälikgulyýewiç Berdimuhamedow, dem Präsidenten von Turkmenistan. Finden Sie nicht auch?

Er wirkt ziemlich endgültig. Wie mein Lehrer Hubert Handke aus Bottrop, von uns allen nur Zuppzupp gerufen. Weil wir gleich, zuppzupp, hundertmal den Satz „ich darf nicht Ball auf dem Schulhof spielen“ schreiben mussten, wenn er uns beim Ballspielen auf dem Schulhof erwischte. Louis van Gaal ist auch ein Hubert Handke: Ein Oberstudienrat für Leibesübungen kurz vor der Rente, der lieber rechthaberisch in seine Trillerpfeife schleimt als sich stundenlang um die Seele  eines schussgehemmten Mittelstürmers zu kümmern. Nicht so ein Klinsmann. So ein didaktisches Weichei. Der redete ja sogar mit seinen Spielern statt sie Erde fressen zu lassen; der ließ sie nicht wie Mijnheer van Gaal schön alphabetisch geordnet am Büffett anstehen. Alles hört auf mein Kommando! Wenn er es in seinem, na ja, Deutsch herausruft, klingt es eher wie eine Halskrankheit. Ich bin ganz sicher, wenn seine Spieler ihre Tage hätten, müssten sie beim ihm ihr Regelheft abgeben.  

Aber letztes Wochenende war er richtig nett. Erstens: Muttertag. Zweitens: Deutscher Meister. Da lief er völlig gegen seine Gewohnheit in einer zerbeulten Jogginghose herum, weil ihm die Weißbierdusche seiner Spieler schwante. Die kriegt jeder Trainer übern Kopf, wenn er mit Bayern einen Titel holt. Mia san mia? Mir san Bier! Erst sah er ein wenig verloren aus, wie einer dieser traurigen Gestalten, die sich noch nachts an der Tanke Nachschub holen müssen. Doch als ihm der Gerstensaft nicht nur über den Schädel, sondern auch durch die Kehle strömte, hatte er seinen großen Auftritt. Auf dem Balkon des Münchner Rathauses auf dem Marienplatz. In Trachtenhemd und Lederhose, die ihn im Schritt so eng machte, dass man um das Platzen seines Latzes bangen musste. Jedenfalls wusste ich danach, warum er sich selbst als Feierbiest bezeichnet. Hören wir doch mal kurz rein:

„ Zuerst ich habe gesehen, viele Frauen sind hier. So auch viele Mutti.“  

Jubel.

„Ein dicke Kuss von die Trainer von der Meister.“

Jubeljubel.

„Wer hat die beste Verteidigung? FC Bayern! FC Bayern!“

Jubeljubeljubel.

„Wer hat die beste Angriff? (Sie ahnen es sicher schon) FC Bayern!"

Jubeljubeljubeljubel.

„Und deswegen sind wir Meister. Nicht nur von München. Auch von Kelsenkirchen. Auch von Bremen. Auch in Hamburg. Wir sind die Besten. Von Deutschland. Und vielleicht Europas.“

Nach dieser rhetorischen Meisterleistung hüpfte er wie wild herum, als würde man ihm den Weg zum Klo versperren. Gott schaute nach oben, so wie es sich gehört, und hielt die Schale hoch. Nächste Woche Pokal! Die Woche drauf Inter Mailand! Mia san mia! Dann griff er sich Christian Ude zum Tanz, der wo Bürgermeister und großer Fan von München 1860 ist. Herr Ude sah sehr unglücklich aus.










 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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