Habemus Wulff – na und?
Willkommen in der Bunten Republik Deutschland!
Am Ende sind die Wulffs fast die letzten, die den Plenarsaal des Bundestags verlassen – Christian Wulff hat zuvor noch allzu viele Hinterbänklerhände zu schütteln. Die Merkels und Westerwelles, die schwarz-gelben Fraktionsspitzen, all diejenigen, die aus parteipolitischen Gründen Wulff zu ihrem Kandidaten erkoren haben, sind längst wieder zum Tagesgeschäft übergegangen. Von der Regierungsbank ist nur noch Pastor Hintze da und schäkert mit Bettina Wulff, der neuen First Lady.
„So wahr mir Gott helfe!“ Mit diesen Worten ist hier kurz zuvor bei einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat der Personalwechsel im Schloss Bellevue besiegelt worden. Mit ihnen tritt Wulff seinen politischen Lebensabend an und lässt sich zum zehnten Bundespräsidenten der Republik vereidigen.
Von Zuversicht spricht das neue Staatsoberhaupt dann, von Demut und Dankbarkeit. Von der Vielfalt dieses Landes, der „bunten Republik Deutschland“. Er erinnert an die Verhüllung des Reichstags durch Christo und Jeanne-Claude vor 15 Jahren, die der Welt „ein neues fröhliches Gesicht unseres Landes“ gezeigt habe. Dann spricht er über die Weltwirtschaftskrise, den Klimawandel, Migration, Terrorismus und organisierte Kriminalität, Armut, Unterentwicklung und Naturkatastrophen. Über die Globalisierung und die Wichtigkeit Europas. Alles wird brav abgehakt. Vom Geist der Demokratie spricht er und von kühnen Ideen. Nur die Fußball-WM vergisst er zu erwähnen.
„Wann wird es bei uns endlich selbstverständlich sein“, fragt Wulff, „dass unabhängig von Herkunft und Wohlstand alle gleich gute Bildungschancen bekommen?“ Wann werde es bei einer Bewerbung egal sein, ob einer Yilmaz oder Krause heiße, fragt er. Und antwortet sich selbst: „Wenn wir weniger danach fragen, wo einer herkommt, als wo er hin will. Wenn wir nicht mehr danach fragen, was uns trennt, sondern was uns verbindet.“ Das sind schöne Sätze. Und richtige Sätze. Sätze, wie sie einem Bundespräsidenten stehen – und wie sie keinem weh tun.
Beliebt sein ist nicht schwer
Die Rede ist so unspektakulär wie der Mann, der sie hält. „Kühne Ideen“? Das ist nichts, was zu Wulff passt, der vor allem deshalb Präsident wurde, weil er so schön harmlos ist. Und weil er der größte gemeinsame Nenner ist, auf den sich das Regierungslager in der Kürze der Zeit hatte einigen können. Die Umstände seiner Inthronisierung waren ebenfalls nicht die besten: Nur mit Mühe und Not war der Kandidat am Mittwoch ins Amt gehievt worden, aber – wie die „Süddeutsche“ heute in Anspielung auf die Kohlsche Art, Politik zu betreiben, schreibt: Wichtig ist doch, was hinten rauskommt.
Für Wulff dürfte der verpatzte Start sogar ein Vorteil sein: Eigentlich kann der Niedersachse nun nur noch wachsen. Das Bundespräsidentenamt bietet die besten Voraussetzungen dafür. Die Schlossherren von Bellevue haben es schwer, nicht beliebt zu werden: Sie brauchen sich nicht an ihren Worten messen lassen. Und sie können sagen, was sie wollen. Denn es gibt kein politisches Leben nach Bellevue. Zu verlieren jedenfalls hat Wulff nichts mehr.
Und sollte er es dennoch schaffen, bei Volk, Presse und Politikern nicht zu punkten? Was soll’s? Es ist ja nur der Bundespräsident. Dem Land wird es dann nicht schlechter gehen. Und zu beschädigen gibt es bei diesem Amt längst nicht mehr viel: Mal diente es in den vergangenen Jahren als Altersruhesitz für verdiente Parteifreunde, die keine Ruhe geben wollten, mal als Heimstatt für einen Kompromisskandidaten, den sich drei Oppositionspolitiker in einer Berliner Wohnung ausgedacht hatten, um der Regierung eins auszuwischen. Diese Präsidenten hat Deutschland glücklich überstanden, es wird auch Wulff überstehen.
Am Ende wird er auf jeden Fall mehr sein als nur das, was hinten rauskommt. Das ist nicht viel, aber immerhin etwas.




