Dinge, die wir noch nicht kannten

Vom Alltag im Südosten Berlins

Von Fritz-Jochen Kopka

Gleich geht’s los: kaufen und raten

An der Kasse des Supermarkts sitzt ein magerer Jüngling mit bleicher Haut und malerischen Augenringen, einer der profiliertesten und leidenschaftlichsten erotischen Selbstversorger Deutschlands dem Anschein nach. Vor mir legen zwei junge Mütter ihren Einkauf aufs Band. Der Kassierer nimmt einen Kohlkopf in die Hand und fragt: Was ist das? Die junge Mutter sagt, na, ein Weißkohl!, und wirkt irritiert. Der Kassierer tippt die entsprechende Nummer ein.

Meiner Meinung nach ist das Chicoree, melde ich mich abwägend zu Wort. Die junge Mutter will protestieren. Dann kriegt sie mit, wie es gemeint ist und lacht. Es könnte auch Knollenspargel sein, gebe ich zu bedenken. Beide junge Mütter lachen. Ist ja jetzt auch Saison, sagt die zweite junge Mutter. Ja, sage ich, der Knollenspargel gelangt bekanntlich später als der Stangenspargel zur Reife. Der Kassierer hat keine Ahnung, warum wir lachen und arbeitet mit unerschütterter Ernsthaftigkeit. Als ich an der Reihe bin, fragt er abermals, was das sei. Es handelt sich um Brokkoli. Ich antworte wahrheitsgemäß.  Hinter mir steht eine ältere Dame und lächelt so verwundert wie dezent. Ich lächle – bilde ich mir ein – ebenso dezent zurück.

Wir kennen unsere Jugend nicht, sage ich mir, und unsere Jugend kennt das junge Gemüse nicht. Wozu auch. Das kommt später von ganz allein. Wenn einem weisgemacht worden sein wird (Endlich mal wieder ein Futur zwei! Futur zwei? Was soll das denn sein?), dass man sich gesund ernähren müsse. Vorerst kennt unsere Jugend Cola und Burger, das reicht aus.

Inzwischen gibt es bereits Pilgerzüge zu unserem Supermarkt, Leute, die Kohlköpfe, Kohlrabis, Radieschen, Champignons und zur Tarnung auch Minutensteaks aufs Band legen, um sich fragen zu lassen, was das sei. Ignoranz kann ein Ereignis sein. So lernen wir unsere Jugend verstehen, und die Jugend, nun, Äpfel erkennt sie bereits selbständig.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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