Madiba im Wunderland

Zum Tode von Nelson Mandela

Copyright: MAGDA

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Er war der berühmteste Gefangene der Welt, die Hoffnung am Kap. Der Ruf "Free Mandela!" begleitete eine ganze Generation. Nach seiner Freilassung bewahrte Nelson Mandela Südafrika davor, im Sumpf des Hasses zu versinken. Jetzt muss das Land ohne seine Aura, ohne seinen Rat und ohne seine farbenfrohen Hemden klarkommen.

Fast fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Madiba, so Nelson Mandelas Clan-Name beim Stamm der Xhosa und sein Kosename bei allen Südafrikanern, nicht schon als Mythos geboren wurde. Zu seinen Lebzeiten sollten keine Straßen nach ihm benannt werden, hatte er einmal verlangt - vergeblich: Nicht nur Straßen, auch Brücken und Parks tragen längst seinen Namen, Forscher tauften sogar neu entdeckte Elementarteilchen Mandela-Partikel. Der Friedensnobelpreis wurde ihm überreicht, außerdem unzählige weitere Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden. Songs wurden für ihn geschrieben.

"Er ist ein Symbol, aber kein Heiliger." Bei all der Verehrung, die dem früheren Widerstandskämpfer und Staatspräsidenten zuteil wurde, schien eine solche Richtigstellung, wie sie Mandelas Frau Graca Machel an seinem 85. Geburtstag aussprach, tatsächlich vonnöten zu sein. Jetzt ist das Symbol für die Befreiung Südafrikas vom Joch der Apartheid tot. Die üblichen Schlagzeilen beim Tod von Staatsmännern "Das Land Sowieso trauert um..." - kaum dürften sie einmal zutreffender gewesen sein als heute. Südafrikas Trauer um den freundlichen alten Mann in den legendären bunten Hemden, der sich in den Townships von Johannesburg eben so sicher bewegte wie auf dem roten Teppich, ist echt und tief.

Als Nelson Mandela am 11. Februar 1990 durch das Tor des Victor-Verster-Gefängnisses bei Kapstadt schritt, begann für das Land eine neue Epoche. Nach mehr als vierzig Jahren wurde das Ende des rassistischen Apartheid-Regimes eingeläutet. Mandela ist zu verdanken, dass dieser Prozess friedlich vonstatten ging. Mandela, der Versöhner: Das ist das Bild, das bleiben wird. Selbst dem späteren Oppositionsführer Tony Leon fielen Ende der Neunziger als Vergleiche für den Präsidenten nur Gandhi und Dalai Lama ein.

Der Unruhestifter

Obwohl der Widerstandskämpfer fast drei Jahrzehnte im Gefängnis verbracht hatte, fand sich in Mandelas Wesen von Bitterkeit keine Spur. Er verzichtete auf Rache; bis auf wenige Ausnahmen kamen die Folterknechte der Apartheid in den Genuss von Straffreiheit. Symbolisch war sein Besuch bei Betsie Verwoerd, der Witwe des Apartheid-Architekten Hendrik Verwoerd. Nur einem Mann mit seinem Charisma - "Madiba Magic" nannten es die Südafrikaner - konnte die Aussöhnung dieses zerrissenen Landes gelingen, in dem nun alle Bevölkerungsgruppen von den ehemaligen weißen Unterdrückern bis zu nationalistischen Zulu ihren Platz fanden.

Es war ein "langer Weg zur Freiheit", wie Mandela seine Autobiografie nannte: Rolihlahla Dalibhunga Mandela kommt am 18. Juli 1918 als Sohn eines Thembu-Häuptlings und einer seiner vier Frauen in dem kleinen Dorf Mvezo in der Transkei zur Welt. Rolihlahla bedeutet so viel wie "der Unruhestifter". Den englischen Vornamen Nelson verpasst ihm erst später eine Lehrerin. Mit 23 reißt er von zu Hause aus, weil er das Amt des Vaters und vor allem die vom Stamm erwählte Braut scheut. Von einer Universität für Farbige fliegt er, nachdem er Studentenstreiks organisiert hat. Daraufhin zieht er nach Johannesburg, heuert als Anwaltsgehilfe bei einer jüdischen Kanzlei an, und beendet nebenbei sein juristisches Fernstudium. 1952 eröffnet er mit Oliver Tambo das erste von Schwarzen geführte Rechtsanwaltsbüro in Johannesburg.

Zu dieser Zeit ist Mandela bereits Mitglied des African National Congress (ANC), mit Tambo und Walter Sisulu gründet er dessen Jugendliga. Als der ANC 1960 verboten wird, geht Tambo ins Exil, Mandela in den Untergrund. Als Anführer der Bewegung "Umkhonto we Sizwe" (Speer der Nation) geht er 1962 der Polizei ins Netz und wird in einem aufsehenerregenden Verfahren, dem so genannten Rivonia-Prozess, zu lebenslanger Haft verurteilt. Die vierstündige Rede, die er zu seiner Verteidigung hält, wird weltweit zum Manifest der Apartheidsgegner. 27 Jahre verbringt Mandela im Zuchthaus, die längste Zeit davon auf der vor Kapstadt gelegenen Gefängnisinsel Robben Island.

Nach Geheimverhandlungen mit dem neu gewählten Präsidenten Frederik Willem de Klerk, der sein Amt mit dem Versprechen angetreten hatte, die Rassenaussöhnung voranzutreiben, kann Mandela schließlich das Gefängnis verlassen. Im Gegenzug hat er sich zum Gewaltverzicht bekannt. Vor einem seiner ersten öffentlichen Auftritte, so will es zumindest die Anekdote, ruft Mandela de Klerk an, um sich von ihm das Geld für einen neuen Anzug zu leihen.

In den kommenden zwei Jahren werden die wichtigsten Apartheidsgesetze abgeschafft, der ANC legalisiert. Im April 1994 schließlich dürfen die Schwarzen zum ersten Mal zur Wahlurne schreiten. Der ANC verfehlt die Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament nur knapp, am 9. Mai wählt die Nationalversammlung Mandela einmütig zum Präsidenten des neuen Südafrikas.

Erfolgsstory mit Schönheitsfehler

"Vor fünf Jahren war Südafrika der Ausgestoßene der Welt", sagte Mandela 1999 am Ende seiner Amtszeit. "Jetzt werden uns alle Türen weit geöffnet. Wir sind ein Wunderland geworden." Als sich Mandela aus dem Präsidentenamt verabschiedete, kamen fast die Hälfte aller afrikanischen Staatsoberhäupter und zahlreiche Politiker aus aller Welt nach Südafrika, um dem großen alten Mann ihre Reverenz zu erweisen.

Doch in Wirklichkeit war Mandelas Bilanz als Präsident freilich keine reine Erfolgsstory. Zwar erhielten während seiner Amtszeit 70 Prozent der Südafrikaner Zugang zu fließend Wasser und Strom. Es wurden Häuser gebaut und Schulen. Doch vieles blieb liegen. Während er das politische Tagesgeschäft seinem Vize Thabo Mbeki überließ, beschränkte Mandela selbst sich lieber aufs Repräsentieren und traf sich mit ausländischen Staatsgästen, darunter Muammar al-Gaddafi und Fidel Castro.

Der größte Fehler des Präsidenten dürfte es gewesen sein, den Kampf gegen die Seuche Aids vernachlässigt zu haben. Jeder vierte Südafrikaner trägt das Virus in sich. Die Infektionsrate ist so hoch wie sonst nirgends in der Welt. Doch Mandela gab dem Problem auf seiner Agenda keine besondere Priorität. Später räumte er ein: Er habe während seiner Präsidentschaft nicht offen über Sexualität und HIV gesprochen, um konservative schwarze Wähler nicht abzuschrecken. Schließlich habe er gewählt werden wollen.

Nach seinem Abtritt als Präsident versuchte Mandela umso energischer, sein Versäumnis auszubügeln - auch wenn er stets damit kokettierte, dass er doch nur ein "beschäftigungsloser Pensionär mit krimineller Vergangenheit" sei. Er verschrieb sich ganz dem Kampf gegen die gefährliche Immunschwächekrankheit. Seinen - ungewollten - Nachfolger Mbeki kritisierte er offen für dessen Aids-Politik. Unter Jacob Zuma sollte sich die Situation dann allerdings noch einmal verschlechtern. Mandela selbst sammelte nun für die Aids-Bekämpfung Milliarden mit seiner Nelson-Mandela-Stiftung. 2003 veranstaltete er ein gigantisches Benefizkonzert.

Harsche Kritik an Bush

Aber auch zu anderen Themen meldete sich der "Pensionär" immer wieder zu Wort. Seine Lebensleistung verlieh ihm dabei eine gewisse Narrenfreiheit. So fasste er seine Kritik an US-Präsident George W. Bush in Worte, wie es kein Kriegsgegner in der deutschen oder französischen Politik je gewagt hätte: "Was ich verurteile, ist eine Macht mit einem Präsidenten, der nicht richtig denken kann und die Welt in einen Holocaust stürzen will. Alles, was Bush will, ist irakisches Öl. Er macht den größten Fehler seines Lebens, indem er versucht, ein Massaker anzurichten." Aber einem Mandela nahm niemand solche Verbalattacken übel - außer Bush: Der verzichtete bei einem anstehenden Staatsbesuch auf den obligaten Fototermin mit dem Grandseigneur der südafrikanischen Politik.

"Ich möchte in mein Dorf zurückkehren und über die Hügel und durch die Täler meiner Kindheit wandern." Mehrfach kündigte Mandela den Rückzug ins Private an. In seinem Heimatdorf hatte er sich ein kleines Bungalow bauen lassen, exakt nach dem Grundriss seiner letzten Behausung in Haft. Doch seine Frau, die 35 Enkel und Urenkel - sie kamen immer erst an zweiter Stelle.

Immerhin fand Mandela zu seinem Lebensabend noch sein privates Glück - in der Person seiner dritten Ehefrau, der 27 Jahre jüngeren Graca Machel, der Witwe des ersten mosambikanischen Präsidenten Samora Machel. 1998, an seinem 80. Geburtstag, heirateten sie und Mandela - nicht ohne dass der Präsident zuvor den Brautpreis von 60 Kühen an Gracas Familie entrichtet hätte.

Mandelas erste Ehe war bereits 1955 an dem vergeblichen Versuch von Ehefrau Evelyn zerbrochen, den Mann zur Aufgabe der politischen Arbeit und zum Rückzug aufs Land zu bewegen. Die zweite Ehe mit Winnie Madikizela-Mandela kühlte schon bei Mandelas Freilassung stark ab; als seine Frau 1991 der Beteiligung an der Entführung und Folterung schwarzer Jugendlicher überführt wurde, trennte er sich schließlich bitter enttäuscht von ihr. Seither erschien der große alte Mann trotz aller Geselligkeit immer auch etwas einsam. "Es ist, als habe er eine Mauer um sich", sagte Zelda La Grange, die burische Büroleiterin, die seit Mandelas Entlassung aus der Haft seinen Alltag organisierte.

Im Juni 2004 schließlich musste Mandela doch kürzer treten. Nachdem er noch kräftig mitgeholfen hatte, die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika zu holen, wurde es selbst für den unermüdlichen Madiba zu anstrengend, von einem Termin zum nächsten zu hetzen, hier mit Naomi Campbell im Arm, dort mit Charlize Theron. In den vergangenen Jahren machte Mandela dann fast nur noch mit seinem Gesundheitszustand Schlagzeilen. Sein Wunsch, in seinem Geburtsort zu sterben, blieb ihm jedoch versagt. Stattdessen erreichte die Nachricht vom Tod des 95-Jährigen die Welt nun aus seinem letzten Wohnort, dem Johannesburger Vorort Houghton. Jetzt steht Südafrika endgültig ohne ihn da. Verabschiedet hatte sich der große alte Mann Südafrikas schon vor Jahren von der Öffentlichkeit: "Ruft mich nicht an, ich rufe euch an."


 


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