Sonntag, der 13.

Wolfgang Kubicki, Christian Lindner und wann der Chef gut schlafen kann

Von Dominik Baur

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Parteichef unter Druck: Rösler dankt Lindner (Foto: Dominik Baur)

Die CDU auf fast 25 Prozent runterzubringen wie Norbert Röttgen, die Liberalen auf über acht Prozent zu hieven wie Christian Lindner – das sind respektable Leistungen. Doch das vielleicht größte Kunststück an diesem Abend vollbringt Patrick Döring: Nur wenige Minuten nach Bekanntgabe der ersten Prognosen zum Ausgang der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen tritt der Generalsekretär der Liberalen in Berlin freudestrahlend vor seine Parteifreunde und spricht von „einem guten Tag für Nordrhein-Westfalen“ und davon, dass Solidität sich auszahle. „Prosit auf NRW!“ Nur einen erwähnt er mit keinem einzigen Wort: Christian Lindner.

Das muss man erstmal schaffen. Hätte nur noch gefehlt, dass Döring fragt: Christian wer? Denn schließlich ist der Mann nicht ganz unschuldig an der Feierlaune im Thomas-Dehler-Haus. Als Jörg Schönenborn um 18 Uhr die erste Prognose vorstellt, wird der Ton laut gestellt. Doch als über den Buchstaben FDP ein üppiger gelber Balken und darunter die Zahl 8,6 zu lesen ist, brandet lautstarker Jubel auf. Schönenborns Worte „Der andere Sieger heißt FDP“, sind kaum noch zu hören, der Rest geht unter, die Sitzeverteilung interessiert keinen mehr. Die Liberalen sind begeistert. Erst Kubicki, jetzt Lindner. Man ist wieder wer.

Doch die Begeisterung an der Parteibasis springt nur in übersichtlichen Dosen auch auf die Führungsriege über. Das Schweigen, mit dem Döring seinen Amtsvorgänger und den Star des Abends bedenkt, ist bezeichnend: Denn so recht weiß man in der Berliner Parteispitze einfach nicht, wie man mit den Wahlerfolgen in Schleswig-Holstein und jetzt auch noch in Nordrhein-Westfalen umgehen soll. Die Wahlen an Rhein und Ruhr werden immerhin gern als „Kleine Bundestagswahl“ bezeichnet – wegen der Größe des Landes und weil sie schon öfter Entwicklungen im Bund vorweggenommen haben.

Wenn man Zahlen tatsächlich immer für sich sprechen lassen könnte, wäre alles recht einfach: Noch bis vor ein paar Wochen hatten die Umfrageinstitute der FDP bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gerade mal zwei bis vier Prozent der Stimmen prognostiziert. Und jetzt hat die FDP nicht nur die Fünf-Prozent-Hürde gepackt, sie hat das Ergebnis von 2010 (6,7 Prozent) um rund zwei Prozentpunkte übertroffen und zu allem Überfluss auch noch die Parteifreunde an der Waterkant getoppt, die das satte Ergebnis von 8,2 Prozent eingefahren hatten. In normalen Zeiten würde nun der Bundesvorsitzende vor seine Partei treten, mit ihr jubeln und sich bejubeln lassen.

Doch normale Zeiten, das sind für die FDP so was wie die „guten alten Zeiten“, die Tage von Otto Graf Lambsdorff, Hans-Dietrich Genscher und Gerhart Baum, die der siegreiche nordrhein-westfälische FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner zeitgleich in Düsseldorf als Vorbilder beschwört. Solche Zeiten kennt man hier in Berlin schon lange nicht mehr. Wenn Parteichef Philipp Rösler also etwas später im Thomas-Dehler-Haus ebenfalls ans Mikrophon tritt, dann schwingt die ganze Zeit die Frage mit: Ist das ein Parteichef auf Abruf?

Denn schon vorher war klar, dass Philipp Rösler einen Erfolg der FDP bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen nicht als Leistung für sich würde verbuchen können. Er war der vorherbestimmte Wahlverlierer. Schon vor der Kieler Wahl hieß es: Wenn die FDP scheitert, dann ist die Schuld auf Bundesebene zu suchen, sprich bei Rösler, sollte sie aber triumphieren, dann haben das allein die Herren Lindner und Kubicki geschafft – trotz Rösler.

Immerhin wiederholt Rösler den Fehler seines Generalsekretärs nicht. Artig bedankt er sich in seiner kurzen Ansprache bei Lindner und gratuliert ihm. Wofür? „Für diesen großartigen Tag für die Menschen in Nordrhein-Westfalen, aber auch für uns alle bundesweit.“ Bundesweit also. Und er spricht von dem „Vertrauensvorschuss der Wähler, den wir jetzt nutzen werden“. Denn auch die Menschen außerhalb Nordrhein-Westfalens, so behauptet Rösler an dem Wahlergebnis ablesen zu können, „wollen eine Partei der Mitte, eine starke liberale Stimme“. Ach ja?

Dann wünscht er noch „uns allen einen schönen Abend“ – und ist verschwunden. Die Aufgabe, das Wahlergebnis weiter zu deuten, überlässt er seinen Parteifreunden. Allen voran den beiden Fraktionschefs Rainer Brüderle (Bund) und Wolfgang Kubicki (Schleswig-Holstein). Ob denn die Personaldiskussion in der FDP jetzt beendet sei, wird etwa Brüderle gefragt. Die Antwort ist knapp: „Ich sehe keine Personaldiskussion.“ Und Kubicki wird fast beschwörend: „Philipp Rösler wird heute Nacht seliger schlafen können als noch vor einer Woche“, erklärt er den Journalisten, die ihn umringen. „Nein, er kann ganz ruhig bleiben.“ Und: „Rösler steht nicht zur Wahl.“

Von den angeblichen Putsch-Plänen, über die der „Spiegel“ vor gut einer Woche berichtet hat, ist hier jedenfalls keine Rede mehr. Vielmehr, den Eindruck bemühen sich jetzt alle zu vermitteln, geht es darum, den „neuen Schub“ aus Kiel und Düsseldorf für die gesamte Partei zu nutzen. Es spricht einiges dafür: Philipp Rösler kann heute tatsächlich aufatmen. Vorerst zumindest.


 


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