BILD, du Schwert des deutschen Volkes! Erlöse uns!

Ein Essay über den deutschen Selbsthass und den Wulff in uns

Von Wolfgang Michal

Es war klar. Über Weihnachten herrschte Feuerpause. Fest des Friedens und so. Doch dann (in der Januaroffensive) begann die eigentliche Schlacht um den Bundespräsidenten. Mit einem geschickt lancierten Tonbandprotokoll.

 

1.Teil: Getretener Quark...

Am 12. Dezember 2011 rastete Bundespräsident Christian Wulff auf der Handy-Mailbox des unerreichbaren BILD-Chefredakteurs Kai Diekmann aus. Wegen einer für den nächsten Tag geplanten Enthüllungsstory über seinen Hauskredit. Damit (und vielleicht auch wegen einiger anderer Privatleben-‚Recherchen’) war „der Rubikon“ für Wulff und seine Frau (!) überschritten. Der Inhalt dieses Telefonats gelangte zufällig von der Diekmannschen Mailbox in die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung - und das, obwohl der Bundespräsident sich zwei Tage nach seinem Anruf beim Chefredakteur der Boulevardzeitung für seinen Wutanfall entschuldigt hatte.

Der eklatante Vertrauensbruch durch den Chefredakteur erscheint uns Journalisten presserechtlich, moralisch und politisch vertretbar, weil BILD durch seine tapfere Maßnahme Schaden vom deutschen Volke abzuwenden im Begriffe war. BILD, du Schild und Schwert des deutschen Volkes! Tapfer und ohne Eigennutz sorgst du dafür, dass von deutschem Boden aus nie wieder ein Vorzugskredit aufgenommen werden kann oder Reisekosten generös von Freunden bezahlt werden (denn alle deutschen Redaktionen zahlen - wie es sich gehört – alle ihre Reisekosten selbst, sogar die Auto- und die Reisejournalisten. Da gibt es ein hohes Unrechtsbewusstsein. Und natürlich lässt sich auch kein deutscher Journalist von Rang ein Mercedes-Cabrio zu Testzwecken vors Haus stellen. Wegen der hohen Moral also im deutschen Journalismus – was Sonderkonditionen im Amt angeht - muss dieser kleine Einschub erlaubt sein).

Im Telefonat mit der Diekmannschen Mailbox soll der Bundespräsident wutentbrannt mit dem „endgültigen Bruch“ zwischen ihm und dem Hause Springer gedroht haben. Denn wie man inzwischen weiß, hat es vor dem „endgültigen Bruch“ ein wie geschmiert funktionierendes Zusammenspiel zwischen Wulff und BILD, BILD und Wulff gegeben. BILD saß mit den Wulffs in der ersten Reihe, und die Wulffs wurden von BILD als Glamour-Paar gefeatured und gepampert.

Doch dann muss etwas Schreckliches vorgefallen sein. Etwas, das größer ist als ein Hauskredit. Oder kleiner. Doch der Vorzugskredit war das bessere Aushängeschild für eine Abrechnung, über deren Motive wir nichts wissen.

In hellster Empörung und völlig respektlos wird der Bundespräsident seither in die Enge geschrieben, gerade so, als sei in diesem Land zum allerersten Mal versucht worden, Einfluss auf die Berichterstattung eines Mediums zu nehmen, gerade so, als habe in diesem Land noch nie ein Betroffener eine Veröffentlichung aus Sorge um seinen guten Ruf verhindern wollen.

Kritisiert man die Medien wegen ihrer kanonenkugelgroßen Krokodilstränen, dann bekommt man immer wieder zu hören: Bei Leuten wie du und ich mag eine Vorteilsannahme oder ein lautes Gespräch „unter Freunden“ ja vorkommen, Schwamm drüber, aber der Bundespräsident, mein Gott, der B-u-n-d-e-s-p-r-ä-s-i-d-e-n-t, der kann doch nicht, der muss doch!! Die WÜRDE DES AMTES, die WÜRDE DES STAATSORGANS! Die GLAUBWÜRDIGKEIT mitten in der KRISE!! Da dürfe nun wirklich kein Staubkörnchen eines unlauteren Verhaltens hängen bleiben, sonst wälzt sich der deutsche Bürger nachts ruhelos in seinem Bett – in tiefster Sorge um sein Vaterland.

Selbst Blogger sorgen sich neuerdings um „die Würde des Amtes“ und rufen wegen eines zinsgünstigen Hausdarlehens „eine Staatskrise“ aus. So viel deutsches Pathos hätte man den Netz-Feuilletonisten gar nicht zugetraut. Allerdings auch nicht den Mutwillen, sich Kai Diekmann unbedingt als neuen Ed Murrow schön saufen zu wollen. Wer vor der BILD-Zeitung einen Knicks hinlegen will, muss eben in die Knie gehen.

Das crossmediale Bohei, das um das (politisch eigentlich überflüssige) Amt des Bundespräsidenten veranstaltet wird - ein Amt, das kaum einen Journalisten jemals ernsthaft interessiert hat - ist ein psychohygienisches Rätsel. Und ein Symptom. Aber für was? Gab es im deutschen Journalismus eine moralische Ruck-Rede? War es die Sehnsucht nach dem guten Prinzen? Oder schmerzt einfach die herbe Enttäuschung, dass es wieder nur ein Frosch ist?

 

2.Teil: ...wird brei(t), nicht stark.

In Zeiten des Übergangs mischen sich die Gegensätze. Alte Feindschaften lösen sich auf, sorgsam getrennte Sphären fließen ineinander, Maßstäbe werden relativ, Pro und Kontra kehren sich um. Das freut den Dialektiker (der leider oft für einen Zyniker gehalten wird).

Welche Veränderungen erleben wir also? Wir erleben, wie die BILD-Zeitung auf ihrem verlustreichen Weg zum seriösen, in sich ruhenden LeitBILD der Nation auf hochnervöse Leitmedien trifft, die sich dem Boulevard öffnen und ins „wahre Leben“ stürzen wollen. Verkehrte Welt! (Man lese nur die schmierige Kitschstory über Wulffs angeblich hundsgemein verschwiegene Halbschwester in der WELT).

Die alte Trennung von Privat- und politischer Sphäre ist aufgelöst. Und sie wird weder von den Medien noch von den Politikern zurückverlangt. Politiker entschuldigen ihr Tun (wie Guttenberg) heute ganz selbstverständlich mit ihrem fordernden Familienleben. Und Familien (wie die Wulffs) treiben ihre Politik im Familienverband (im engeren und weiteren Sinne). Chefredakteure, die sich einst vornehm im Hintergrund hielten, drängen heute wie Stars in die vorderste Reihe und werden zum Gegenstand von Klatsch-Reportern, während echte Schauspieler angesichts der Weltereignisse zu seriösen Publizisten reifen (Clooney, Penn, Redford, Eastwood). U wird E, und E wird U. Das Interdisziplinäre, das Grenzüberschreitende, das „überraschend andere“ wird ja in Wissenschaft und Kultur bevorzugt gefördert.

Auch Bundespräsidenten sind heute „erfrischend anders“ - zum Leidwesen vieler Leitartikler. Es sind keine „Amtsträger“ mehr aus dem Bilderbuch-Sozialkundeunterricht der Adenauer-Ära, sondern normale Mitbürger, Zeitgenossen, genauso fehlbar, genauso impulsiv, genauso gierig, genauso faul, genauso bieder und genauso liebenswürdig wie Otto Normalverbraucher, Lieschen Müller oder Max Mustermann. Und umgekehrt sind wir alle längst zu Bundespräsidenten geworden, schwingen öffentliche Reden zu allen möglichen Themen (kommentieren!), verleihen Orden (Likes), schütteln Hände (auf Twitter und Facebook) und schauen genauso interessiert wie Wulff „auf Dinge“ (#ChristianWulffLookingatThings). Wulff ist der ideale Präsident inter pares. Diese frohe Botschaft - mutig vertreten - hätte seine Präsidentschaft retten können.

Blogs und Leitmedien, früher zerstritten wie die Kesselflicker, verschmelzen heute zu einer einträchtigen Super-Macht, die Rücktritte erzwingen (#notmypresident) und neue Kandidaten küren will (#mynewpresident). Politiker werden umgekehrt zu Medienfiguren und richten ihr Benehmen danach aus. Ein Bundespräsident inter pares findet eben nichts dabei, sich auf der Mailbox eines Chefredakteurs so rüpelhaft zu benehmen wie es Chefredakteure sonst gegenüber unbotmäßigen Mitarbeitern tun. Alle fallen irgendwie aus der Rolle. Alle überschreiten ihre Grenzen. Alle leiden unter dem Peter-Prinzip. Kontrollverlust? Eher Koordinatenverlust. Und Emanzipationsgewinn.

Politiker benehmen sich heute so selbstverständlich daneben (und finden nichts dabei) wie Piraten staatstragende Statements abgeben (und nichts dabei finden). Medien werden zu politischen Akteuren, und politische Akteure halten (oder erschreiben) sich Medien („Er kann es!“). Fraktionen und politische Sitzordnungen lösen sich auf. Konservative stellen die Systemfrage viel bereitwilliger als Linke, und Linke loben überschwänglich Ludwig Erhards zigarrenrauchumwölkte Marktwirtschaft. Hinten und vorn, oben und unten, links und rechts sind so verdreht und vermischt wie im Karneval.

Unsere Zeitungen machen es vor. Große Themen werden kleingedruckt, und kleine Themen zu Schlagzeilen aufgeblasen. Die Titelseiten von Tageszeitungen machen – wenn man sie miteinander vergleicht - den Eindruck, als würden sie auf verschiedenen Planeten erscheinen. Ihre Themen-Gewichtung ist an den meisten Tagen willkürlich und anhand der realen Ereignisse nicht mehr vorhersagbar. Ein lächerlicher Hauskredit entfacht einen moralischen Tsunami, während die für Millionen Menschen tödliche Börsenspekulation mit Rohstoffen („Wetten auf Hunger“) nur in kleinen Publikationen wie den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ Beachtung findet. Die Titelseiten der überregionalen Tageszeitungen sind heute durchzogen von Glossen und Gags, während sich die Feuilletons vor Leitartikeln kaum retten können. Vermischung und Auflösung der Grenzen und Kategorien auch hier. Und Emanzipation.

Die alten Strukturen zerfließen und werden allmählich zu Brei. Zu einer zähen Soße, die schmatzend und schlürfend in den Schlund eines schwarzen Loches namens Deutschland tropft. Weil uns dies ängstigt und aufregt, kühlen wir unser Mütchen an einer Symbolfigur. Denn Wulff ist der, in dem das Unbehagen an unserer Kultur zusammenfließt. Er ist der Phänotyp der Vermischung. DER MIXXER. Dieser Bundespräsident mixt das Private mit dem Politischen, das Hohe Amt mit den niedrigen Beweggründen, die Repräsentanz mit der Ehefrau, das Christentum mit dem Islam, die Aufklärung mit der Vertuschung, die kleinen Verhältnisse, aus denen er emporgekommen ist, mit den hehren Ansprüchen, die ein starkes Deutschland (aka BILD) an seinen Präsidenten stellt. Ein Versöhnler und Vermischer wie Wulff bleibt immer Mittelmaß. Denn er ist das Spiegelbild unseres Landes, er ist wie wir. Keine Leitfigur, kein Wegweiser, keiner, der Klartext redet und große, wenn’s sein muss Gaucksche (Spar)Ziele formuliert. Der sanfte Wulff will bloß gut leben. In seinem Amt ist er die Geldsorgen endlich los. Das vor allem - diesen Mangel an deutschem Idealismus - werfen wir uns und ihm als dem „obersten Repräsentanten“ vor. Es ist banaler Selbsthass.

Denn eines Tages, das ist im Unbehagen an der Kultur schon zu spüren, wird das schwarze Loch namens Deutschland so übervoll sein mit zähem Vermischungs-Brei, dass es durch den Druck seines Eigengewichts explodiert. Erst dieser Urknall wird die Dinge wieder trennen und auseinandertreiben, und ein neues (politisches) Koordinaten-System etablieren. Allerdings: Wann dieser Brei explodiert und wie das neue Koordinatensystem aussehen wird, das wissen wir noch nicht.

Fragen wir am besten BILD!

 

Crosspost von wolfgangmichal.de


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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