Das Giftloch

Wie ich mal den sozialistischen Frieden der DDR gestört habe

Von Erdmann Wingert

Copyright: Robert-Havemann-Gesellschaft/Johannes Bittner

Radler-Demo 1982 in der Ostberliner Invalidenstraße (Foto: Johannes Bittner/Robert-Havemann-Gesellschaft)

Frühjahr 1989: Wir drei aus dem Westen waren verwirrt. „Wo ist die Presse?“ fragten wir das Häuflein Ostberliner Umweltschützer, die uns ein paar Ecken hinterm Bahnhof Friedrichstraße erwartete, acht junge Frauen und Männer. Die zuckten die Achseln und grinsten: „Presse?“ sagte eine, die auf einem rostigen Fahrrad saß. „Wat glaubste, wo du hier bist!“

Dennoch, als Mitglied der Umweltorganisation Robin Wood lag es zwingend nahe, nach dem Sinn einer Aktion zu fragen, über die keiner berichten würde. Wir schluckten die Frage runter und strampelten auf quietschenden Rädern, die uns die Ostberliner mitgebracht hatten, dem Aktionsziel entgegen – eine ehemalige Kiesgrube bei Rüdersdorf, in die westdeutsche Unternehmen ihren Giftmüll abkippen durften. Zum Spottpreis, verglichen mit den Gebühren, die Deponien im Westen erhoben hätten. Zu den Grenzübergängen in Berlin gehörte eine, die ausschließlich für die Sondermüllfuhren aus dem Westen geöffnet war. 

Unsere Freunde waren guter Dinge, wir nicht. Offenbar waren sie davon überzeugt, dass es uns mit dieser ersten gesamtdeutschen Umweltaktion gelingen würde, die Zufahrt zur Kiesgrube mit einer Sitzblockade zu sperren. Dabei kümmerte es sie keinen Deut, dass Pressepräsenz bei solchen Unternehmen neben Öffentlichkeit auch einen gewissen Schutz vor Übergriffen der Staatsgewalt garantiert hätte. Sie hätten es besser wissen müssen. Während wir über leere Chausseen und verödete Dörfer im Weichbild Berlins radelten, erzählten sie von Schikanen, Verfolgungen, Strafen, Berufs- und Studienverboten, denen sie, wie nahezu alle Mitglieder der Ostberliner Umweltbibliothek, seit Jahren ausgesetzt waren. Einer von ihnen, der besonders scharf im Visier der Stasi stand, hatte gerade drei Monate Gefängnis abgesessen. Man hatte ihn verhaftet, weil er bei Rot über eine Kreuzung gegangen war.

Das konnte ja heiter werden – und wurde kurz vor dem Ziel schlagartig ernst. Hinter einer Biegung stand ein Mannschaftswagen quer über der Straße, hinter uns rauschte ein zweiter Wagen heran, Volkspolizisten sprangen heraus, Gewehre im Anschlag, Hunde an der Leine, Beamte brüllten Befehle, trieben uns auf die Ladefläche. Im Abfahren sahen wir noch, wie unsere Räder in den Straßengraben geworfen wurden.

Wir landeten in einem vergitterten Haftraum des Schönefelder Flughafens. Mit uns Westlern wurde kurzer Prozess gemacht: Weil wir „den sozialistischen Frieden der DDR gestört“ hätten, schob man uns ab. Flankiert von einem Trupp Polizisten stolperten wir ins Freie, während sich hinter uns winkende Arme durch das vergitterte Fenster reckten und die Freunde im Chor den Schlachtruf unserer Aktion skandierten: „In Ost und West stinkt’s wie die Pest!“


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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