Der Papst auf der Schwäbischen Alb

Wie Pius XII. beinahe entführt wurde

Copyright: Juan Pablo Garnham Oyarzún

Pius-Bildnis in einer chilenischen Kirche (Foto: Juan Pablo Garnham Oyarzún)

Der Papst in Deutschland! Wenn schon ein einwöchiger Besuch des katholischen Kirchenoberhauptes die Bevölkerung in Wallung versetzt, wie erst in diesem Herbst wieder bei der Visite von Benedikt XVI., was erst hätte es bedeutet, wenn der Papst seinen Wohnsitz von Rom auf die Schwäbische Alb verlegt hätte?  

Als der „Spiegel“ vor nicht langer Zeit in einem Artikel über den Plan berichtete, Adolf Hitler habe den damaligen Papst Pius XII. vor den anrückenden amerikanischen US-Truppen auf Schloss Lichtenstein verbringen wollen, rieben sich manche Leser verwundert die Augen. Der Papst auf Schloss Lichtenstein?!? Wäre es April gewesen, über diesen Scherz hätte man wahrlich gelacht. Folgt man allerdings dieser merkwürdigen Nachricht auf ihren verschlungenen Wegen bis zur Quelle, wird deutlich: Die Idee hatte es tatsächlich gegeben, so unglaublich sie auch klingen mag. 

Im Vatikan saß zur damaligen Zeit mit Pius XII. ein Mann an der Spitze der katholischen Kirche, der gegenüber Hitler und den Nationalsozialisten äußerst vorsichtig lavierte. Er gilt bis heute als ein großer Schweiger, dort, wo er hätte reden müssen. Weder die Judenverfolgung noch alle anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die Nazis lösten dem Papst die Zunge. Möglicherweise aber hätte eine päpstliche Klarstellung Hitler und seine Schergen in Nöte gebracht. Zumindest fürchtete das Naziregime eine solche öffentliche Verurteilung durch den Papst. Als im September 1943 amerikanische Truppen in Süditalien landeten und langsam auf Rom zumarschierten, entwarfen die Kriegsstrategen in Berlin ein düsteres Bild: Der Papst könnte unter dem Einfluss der Amerikaner seine bisherige Neutralität aufgeben und zum Widerstand gegen das Naziregime aufrufen. Um dem vorzubeugen, entstand ein aberwitziger Plan. 

Der ranghöchste SS- und Polizeiführer in Italien, Karl Wolff, erzählte von diesen Plänen erstmals während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, und später wiederholte er sie gegenüber der Kirche und Journalisten. Demnach sollte Pius XII. vor der Ankunft der US-Truppen in Rom nach Deutschland entführt und auf Schloss Lichtenstein gebracht werden. Unter dem Decknamen „Operation Rabat“ wurde die Geheimaktion vorbereitet. „Ich erhielt von Hitler den persönlichen Befehl, den Papst zu entführen“, schrieb Wolff. Tatsächlich fing der englische Geheimdienst am 1. Oktober 1943 eine verschlüsselte Botschaft der Deutschen ab, in dem die „Überführung“ des Papstes auf das Schloss Lichtenstein erwogen wird. 

Warum aber ausgerechnet der Lichtenstein? Auf der Suche nach Erklärungen stößt man auf Albrecht Fürst von Urach, einen Spross aus dem Hause Württemberg. Albrecht war schon 1934 in die NSDAP eingetreten und bei Ausbruch des Krieges als Presseattaché im diplomatischen Dienst der Deutschen Botschaft nach Rom geschickt worden. Möglicherweise war er es, der die Nazis auf die aberwitzige Idee brachte. Albrecht gehörte jenem Zweig der Württemberger an, der im 19 Jahrhundert wieder zum katholischen Glauben übergetreten war und der bis heute das Haus Württemberg repräsentiert.  

Glücklicherweise wurden die Pläne vom Lauf der Geschichte überrannt: Der Papst blieb in Rom –  und den vorwiegend evangelischen Bewohnern von Honau blieb der „Urbi et orbi“-Segen vom Felsen herab erspart. Nicht auszudenken, was für ein Rummel heute herrschen würde im „Papstgefängnis“ auf dem Lichtenstein!

Copyright: Donald

Endstation Lichtenstein? Beinahe wäre Pius XII. hier gelandet (Foto: Donald)


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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