Diplomat mit Doppelleben

Ein italienischer Konsul betätigt sich nach Feierabend als Fascho-Rocker.

Von Sabine Böhne

Tagsüber Konsul, abends rechtsextremer Einheizer: Mario Vattani

Der Mann auf der Bühne nennt sich Katanga. Er ist 45 Jahre alt, hat eine Glatze und trägt ein schwarzes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. „Im Frühling“, grölt er zum Hardrock ins Mikro, „werden die schwarzen Fahnen blühen.“ Unten vor der Bühne recken ihm die Zuhörer die Arme zum faschistischen Gruß entgegen. Auch Katanga hebt seinen rechten Arm. Er ist dicht mit Tattoos bedeckt. Sie reichen allerdings nur bis kurz unter den Ellenbogen. Unter einem langärmeligen Hemd würden sie verborgen bleiben.

In seinem anderen Leben trägt Katanga immer lange Ärmel. Als Anzugträger heißt er Mario Vattani und ist italienischer Generalkonsul in der japanischen Stadt Osaka. Die linke italienische Tageszeitung L’Unità enthüllte mit Hilfe eines Youtube-Videos kürzlich das Doppelleben des Diplomaten. Sie entdeckte ihn auch in rechtsradikalen Internetforen, wo er Hymnen auf die Republik von Salò, jenen norditalienischen Marionetten-Staat der deutschen Nazi-Besatzer, sang. In einem seiner Hasslieder brüstet sich der studierte Politologe damit, wie er während seiner Ausbildung an der Sapienza-Universität in Rom einen pazifistischen Kommilitonen zusammengeschlagen hat.

Sein früherer Dienstherr Franco Frattini, Außenminister der Regierung Berlusconi, dürfte die politischen Vorlieben des Glatzkopfs gekannt haben. Wie das Nachrichtenmagazin L' Espresso online meldet, hat er für den Sohn des ehemaligen Botschafters in Deutschland, Umberto Vattani, eigens die Personalregeln des Außenministeriums geändert und ihm so erst die Beförderung zum Konsul in Japan ermöglicht. Zuvor war der Fascho-Rocker mehrere Jahre rechte Hand des römischen Bürgermeisters Giovanni Alemanno. Der einst militante Aktivist der neofaschistischen Partei Movimento Sociale Italiano und spätere Landwirtschaftsminister unter Berlusconi hatte das junge Schwarzhemd als außenpolitischen Berater engagiert. Perfiderweise begleitete Mario Vattani seinen  Chef Alemanno auf offiziellen Auslandsreisen nach Auschwitz und Hiroshima.

Die pikante Personalie kommt nicht aus heiterem italienischen Himmel. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Faschismus-Renaissance auf dem Stiefel. An den Stränden der Toskana tragen Jugendliche Hakenkreuz-Tätowierungen. An den Kiosken der Hauptstadt gibt es Mussolini-Kalender zu kaufen. Der römische Stadtrat unter der Führung von Rechtsaußen Alemanno will eine Straße nach dem berüchtigten Antisemiten und Kultusminister der Salò-Regierung Giorgio Almirante benennen. In Florenz erschoss ein Rechtsradikaler kurz vor Weihnachten zwei Männer aus dem Senegal. Der Täter gilt als Sympathisant der neofaschistischen Bewegung "CasaPound". Sie ist nach dem amerikanischen Schriftsteller und Mussolini-Fan Ezra Pound benannt und betreibt in Rom seit acht Jahren in einem besetzten Haus ein rechtes Kulturzentrum. Mit ihrer Mischung aus sozialer Anklage, Subkultur und rechtsradikaler Ideeologie spricht sie mittlerweile in vielen italienischen Städten junge Leute an. 

Der wachsende antidemokratische Geist ist womöglich das schlimmste Erbe der 18 Jahre währenden Politshow von Silvio Berlusconi. Zwar bildete das MSI vor allem in Süditalien bereits kurz nach 1945 eine starke politische Kraft. Bekennende Faschisten wie der spätere Außenminister Gianfranco Fini oder die Duce-Enkelin Alessandra Mussolini waren allseits präsente Politiker. Dank Berlusconi gelangten sie jedoch erstmals an die Regierung. Dessen langjähriges Bündnis mit der aus dem MSI hervor gegangenen Alleanza Nazionale ebenso wie seine dreisten Attacken gegen die Partisanenkultur und die angeblich linke Justiz haben den Rechtsradikalismus in Italien längst wieder salonfähig gemacht.

Der neue Außenminister der Regierung Monti, Giulio Terzi di Sant’ Agata, hat zunächst abwiegelnd auf den Skandalauftritt seines Konsuls reagiert. Inzwischen kündigte er einen Untersuchungsausschuss an.


 


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