Ein Wort zum Sonntag

Uta Ranke-Heinemann schreibt einem einsamen Mann

Es war der 23. Januar, Christian Wulff war noch Bundespräsident. Der Resident von Schloss Bellevue stand jedoch schon seit Wochen im Kreuzfeuer der Kritik. Da setzte sich Uta Ranke-Heinemann hin und schrieb dem Präsidenten einen Brief. Zwei Tage nach Wulffs Rücktritt und eine Woche nach dem 109. Geburtstag Georges Simenons dokumentieren wir das kurze Schreiben als heutiges Wort zum Sonntag:

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

ich hoffe, dass Sie und Ihre tapfere Frau die Welle oder den Sturm des Neides und der Missgunst überstehen. Ihr Fall erinnert mich an den Roman von Georges Simenon, dieses Meisters der Psychologie, "Le Président". Georges Simenon hat ihn mir vor Jahrzehnten mit hundert seiner Bücher, die mir zu meinen hundert Simenons fehlten, geschickt. Ich erinnere noch das kopfschüttelnde Staunen des Paketboten, der die Kartons in meine Haustür schob mit den Worten: "Das ist ja immer dasselbe." Und ich sagte, nein, das sind 100 verschiedene Simenons. Die Einsamkeit von "Le Président", umgeben von Neidern und Missgünstigen, so wie nur Simenon es beschreiben kann, ist mir noch heute in frostiger Erinnerung.

Mit freundlichen Grüßen und der Hoffnung, dass der Neid sich langsam anderen Opfern zuwendet,

URH


Uta Ranke-Heinemann ist die Tochter von Gustav Heinemann, dem dritten deutschen Bundespräsidenten. Sie war die erste Frau der Welt, die eine Professur für katholische Theologie erhielt (1970), und die erste Frau der Welt, die sie wieder verlor (1987), weil sie an der Jungfrauengeburt zweifelte. Selbst in keiner Partei, kandidierte sie 1999 auf Vorschlag der PDS für das Amt des Bundespräsidenten. Das Rennen machte jedoch Johannes Rau, der Mann von Ranke-Heinemanns Nichte Christina. Ihre bekanntesten Bücher sind "Eunuchen für das Himmelreich", das soeben (Februar 2012) in einer erweiterten und aktualisierten Ausgabe neu erschienen ist, und "Nein und Amen: Mein Abschied vom traditionellen Christentum".


 


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