Päpstlicher als der Papst
Neue Helden fechten wortreich für Katholizismus und Papst
Eine Errungenschaft der Aufklärung ist die Erkenntnis, dass Glaube und Religion Privatsache sein sollten. Ob jemand Hindu ist oder Christ, Muslim oder Jude, geht niemanden etwas an. Den Staat schon gar nicht. Die Franzosen sind so aufgeklärt, dass sie aus diesem Grunde keine Kirchensteuer kennen. Wir sind da anders.
Hierzulande wird nicht nur Kirchensteuer erhoben, sondern seit geraumer Zeit gehört es zum guten gesellschaftlichen Ton, sich öffentlich zur katholischen Kirche zu bekennen. Und wenn der Anschein nicht trügt, drängen sich umso mehr Katholiken in die Öffentlichkeit, je zweifelhafter der Ruf ihrer Kirche wird.
Auffallend dabei ist, dass es vor allem Prominente aus dem Medienbereich sind, die gar nicht genug gute Worte finden können für den Papst, mit dem Harald Schmidt als erster kokettierte, weil seine Verehrung für den Stellvertreter Gottes so herrlich kontrastiert zu seinem Zynismus, mit dem er den irdischen Vorfällen ansonsten begegnet. Da ist er Kai Diekmann frappierend ähnlich, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit die ganze moralische Autorität der Bildzeitung für den Vatikan in die Bresche wirft. Gerne auch im Umfeld einer stöhnenden Lucy-Anne (24) und eines stolzen Kilian (29), der sagt: Meiner ist 28 cm lang.
Was bei Schmidt schon zweifelhaft erscheint (spätestens seit er es sich zur Gewohnheit gemacht hat, nicht nur den Papst zu loben, sondern auch die Bahn, von der nun jeder weiß, dass sie es nicht kann), ist bei Diekmann nur noch peinlich. Denn wahrscheinlicher ist ein durchs Nadelöhr gehendes Kamel als ein Diekmann, der es ernst meinte mit dem Christentum. Er trägt es eher wie eine goldene Patek-Philippe – nur zu besonderen Anlässen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, mit dem Vatikan zusammen eine Volksbibel herauszubringen, deren Urheber, Martin Luther, bei den Medien-Profis unter den Papst-Fans übrigens völlig unten durch ist. Fasst man die Meinungen zusammen, wird an der nach ihm benannten Kirche folgendes bemängelt: schlechtes Marketing, zu wenig Prunk, kein Weihrauch, kaum Mystik und – eben – kein Heiliger Vater. Wenn es ihn nicht schon gäbe – Schmidt, Diekmann und Matussek (von ihm später mehr) hätten ihn erfunden. Papst – das ist mal ein Alleinstellungsmerkmal!
Und dann diese wunderbare Ohrenbeichte! Günther Jauch, der sich in Branchenkreisen als Pfennigfuchser und Sicherheitsfanatiker einen Namen gemacht hat, stellte schon als Bub die Kosten-Nutzen- Analyse in Sachen Glauben an und kam zu einem durchaus positiven Ergebnis. Schon weil, wenn ihn nach der Beichte ein Blitz träfe, „die direkte Himmelfahrt gewährleistet ist, ohne Umweg über das Fegefeuer“. Positiv wird das Jüngste Gericht auch seinen Einsatz für das Volksbegehren „Pro Reli“ werten, mit dem sich der Moderator (Wohnsitz Potsdam) für verpflichtenden Religionsunterricht (in Berlin) stark machte. Es nützte zwar nichts, aber beim lieben Gott zählt schon der gute Wille.
Darauf kann auch Franz Beckenbauer hoffen, der eigentlich an die Wiedergeburt glaubt, schon weil er als Jesus zurück auf die Welt kommen will. Er kann sich jedenfalls darauf berufen, halt schon ein älterer Mann gewesen zu sein und ein bisserl vergesslich, wenn im Himmel der Wahrheitsgehalt eines Bildzeitungs-Interviews überprüft wird, in dem der Kaiser angab, täglich ein Vaterunser zu beten. Außer an Weihnachten natürlich. Da musste er immer auf diese Weihnachtsfeiern. An eines aber erinnert er sich genau: An seinen Benedetto-Besuch, weil der „unvergesslich“ war. Dieses Wort „unvergesslich“ sagen und schreiben übrigens alle, die ihre Vatikan-Visiten hinausposaunen wie die Deutsche Bank ihre letzten Rekord-Ergebnisse. Das genau ist auch der Deal des Papstes mit den Promis. Sie sollen zuhause in den einschlägigen Blättern den Weihrauchkessel schwenken.
Der weltbekannte Katholik Michael Schumacher tat das schon. Mit dem wunderbaren Satz: „Da oben ist einer, der mich lenkt“. Womit auch die Formkrise des Ex-Weltmeisters erklärt wäre. Gott hat bekanntlich keinen Führerschein.
Woher kommt sie nur, diese neue Bekennersucht? Wieso dieser Drang, den Medien zu sagen, was man glaubt? Warum kann Hape Kerkeling seinen Erhabensheits-Erguss Millionen Mal verkaufen? Wieso muss Regierungssprecher Steffen Seibert uns mit dem Bekenntnis belästigen, sich nach seinen Erfahrungen in der evangelischen Kirche jetzt in der katholischen so richtig wohl zu fühlen? Warum glaubt Miroslav Klose, die Öffentlichkeit warte auf die Offenbarung seines Papst-Bekenntnisses? Wieso muss Markus Lanz partout den Gläubigen raushängen lassen und mehr „Dunkelheit“ in den Kirchen fordern? Wieso gibt die konfessionslose Nina Ruge zum Besten, wenn sie wieder in eine Kirche eintrete, dann in die katholische? Was treibt Alfons Schuhbeck, öffentlich bekannt zu machen, dass er den Papst bewundert und „so oft es geht“ in der Münchner Asamkirche betet? Mutmaßlich das gleiche Motiv wie Claus Hipp, der mit dem Bekenntnis, regelmäßig im Münchner Dom zu ministrieren, nicht nur seinem persönlichen Image, sondern auch dem seiner Kindernahrung höhere Weihen verleiht.
Das also bleibt übrig: Katholizismus als Geschäft, als weihrauchumnebelter Verstärker der eigenen Persönlichkeit (soweit vorhanden). Es geht um Eigenwerbung, um Aufmerksamkeit, um Karriere-Beschleunigung und Karriere-Verfestigung. Dabei gilt: je konservativer, desto besser. Harald Schmidt hat es so formuliert: „Mir gefällt es, mich öffentlich zum Katholizismus zu bekennen; da es auch relativ leicht ist, gegen die katholische Kirche zu sein. Also denke ich, bin ich genau in der richtigen Kirche“. Ein Mann schwimmt gegen den Strom. Was für ein Mut in Zeiten der Papst-Verfolgung, die in Berlin schon so weit geht, dass dem Heiligen Vater das ganze Olympia-Stadion zur Verfügung gestellt wird, um all seine Verfolger unterbringen zu können!
Das hätten sie gerne, der Schmidt, der Diekmann und die anderen - dass sie auch noch als halbe Märtyrer durchgehen mit ihrer Papst-Anwanzerei und ihrer folgenlosen Religiosität. Wo doch jeder weiß, dass über die letzten Jahrhunderte hinweg denen nie etwas passiert ist, die sich zur offiziellen Linie der Kirche bekannt haben. Geköpft, gehängt und verbrannt wurden immer die anderen.
Auch Matthias Matussek spielt gerne den Helden, der den Eindruck erwecken möchte, dass er mit seiner Benedetto-Anbetung dem Zeitgeist ein „Statement“ entgegenschleudert. Es ist aber nur so, dass er seinen Glauben prostituiert, ihn auf die Straße schickt, um selbst noch bekannter und wohlhabender zu werden. „Das katholische Abenteuer“ heißt sein Bestseller. Das klingt nach Schatzinsel und Robinson Crusoe. In Wirklichkeit rennt das Buch die offenen Türen des Vatikans ein. Zu all den Missbrauchs- und politischen Skandalen der jüngsten Zeit hat Matussek nur dies zu sagen: „Jesus hat seine Kirche auf Menschen gebaut, und Menschen sind fehlbar. Damit haben wir zu leben“. Obwohl Gott darin vorkommt, ist der Satz in seiner Ignoranz derart gnadenlos, dass es einem die Sprache verschlägt. Aber auch das ist Absicht. Matussek wollte nie zu den auch von ihm so genannten „Gutmenschen“ gehören. Zu diesen Langweilern und Toleranz-Fetischisten. Deshalb soll man sein Glaubenbekenntnis nicht falsch verstehen: Er ist nicht fromm, schon gar nicht mildtätig. Er ist nur für den Papst und eine konservative Kirche mit Zölibat und allem Pipapo. Weil das irgendwie geil ist. Irgendwie böse. Irgendwie chic. Und immer noch so, dass er den Frauen zublinzeln kann: Ich bin kein Heiliger!




