Was soll schon sein?

Wie eine Journalistengruppe in Westberlin die Öffnung der Mauer erlebte

Von Sabine Böhne

Copyright: Christoph Püschner

Am 10. November 1989 stürmten die Westberliner die Mauer (Foto: Christoph Püschner)

Politische Ereignisse sind manchmal vorprogrammiert und dennoch undenkbar. Obwohl viele Signale darauf hin deuten, bleiben sie außerhalb jeglicher  Vorstellungskraft. Die Signale verursachen allenfalls ein nervöses Flimmern, das für einen Zustand gesteigerter Aufmerksamkeit sorgt. So war es auch an jenem Donnerstag, dem 9. November 1989. Ich war als junge Journalistin aus Münster auf einer Pressereise mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Wolf-Michael Catenhusen in Berlin. Am Tag zuvor war unsere Gruppe nach Ostberlin eingereist. Am Alexanderplatz strömten wie auch an dem Wochenende vorher die Menschen zusammen. Sie trugen Plakate, auf denen sie Presse- und Reisefreiheit forderten. Später, bei der Rückkehr in den Westteil der Stadt, filzten Grenzsoldaten in gewohnt stieseliger Manier unseren Reisebus. Ich weiß bis heute nicht, wonach sie suchten. Es war absurd, denn die DDR-Regierung und das SED-Politbüro waren wenige Tage zuvor unter dem Druck der Massenproteste zurückgetreten.

Das nervöse Flimmern nahm zu. Zurück im Hotel schaltete ich um 19 Uhr das „heute journal“ ein. Die Hauptmeldung stammte von einer erst wenige Minuten vorher zu Ende gegangenen Pressekonferenz des SED-Zentralkommittees. Günther Schabowski verlas auf Nachfrage des italienischen Korrespondenten Riccardo Ehrmann eine Sensation, die freilich im Ton einer Pressesprecher-Phrase daher kam: „... haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergänge der DDR auszureisen.“ Auf die W-Fragen der Journalisten folgten die berühmten hilflosen Worte: „Das trifft nach meiner Kenntnis, ähh, ist das sofort, unverzüglich.“ Die Nachricht war so brandaktuell, dass die heute-Redaktion keine Zeit für eine redaktionelle Einordnung hatte. Ich schaltete den Fernseher aus, überlegte, was ich da eben gehört hatte und rannte zu meinen Kollegen in die Hotellobby. „Die Reisebeschränkung ist aufgehoben“, rief ich. „Die Leute kommen raus.“ Leider schenkten sie mir, dem Küken der Gruppe, kein Gehör. Wir hatten uns zum Essen verabredet. Das ging jetzt erst mal vor. Wir gingen in eine Kneipe, aßen, tranken ein Bier und langweilten uns. „Lasst uns raus“, drängte ich. „Mal sehen, was am Grenzübergang los ist.“ Amüsierte Gesichter. „Was soll schon sein? Meinst du, die tanzen da auf den Straßen, oder was?“, raunzte eine Kollegin. Zwei Stunden später tanzten die Ostberliner auf dem Kurfürstendamm.

Am nächsten Morgen kletterten wir mit den Westberlinern auf die Mauer. Zwischen uns und dem Brandenburger Tor hatten sich DDR-Grenzsoldaten mit umgehängtem Gewehr in breiter Formation aufgebaut. Plötzlich marschierten sie vorwärts. Die Menschen auf der Betonwand antworteten mit einem gellenden Pfeifkonzert. Die Uniformierten taten ein paar Schritte rückwärts. Dafür bekamen sie Beifall. Es war ein seltsames Zwiegespräch. Pfeifen und klatschen. Vor und zurück. Ein paar Mal wiederholte sich die wellenartige Bewegung der verunsicherten Staatsgewalt. Das war also das unfassbare Ereignis, für das es noch am Abend zuvor keine Worte gegeben hatte: Die Mauer hatte ihren Schrecken verloren.

Am Grenzübergang Friedrichstraße war sie besonders durchlässig. Als wir dort ankamen, standen die Wessis frenetisch klatschend Spalier für die Ossis. Sie marschierten winkend und jubelnd in einem endlosen Strom an uns vorbei. Unter den Grenzgängern war eine alte Frau mit Knoten im Haar. Sie konnte nur schlecht laufen und hatte sich bei einem jungen Kerl mit Punkfrisur eingehakt. Vielleicht war er ihr Urenkel. Das seltsame Paar schwenkte keine Sektflasche und weinte keine Tränen. Es lächelte fein und ging sehr aufrecht vorbei. 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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