Armer Mann

Wie schwer ein Italiener an Berlusconi trägt

Von Sabine Böhne

Copyright: Hytok

Silvio Berlusconi, Italiens oberster Staats-Entertainer, zeigt gern Muskeln (Foto: Hytok)

Mein Mann sitzt am Frühstückstisch, als hätte er eine Schlacht verloren. Die Augen sind vor Müdigkeit rot unterlaufen. Sein volles, von weißen Fäden durchzogenes Haar steht furios vom Kopf ab. Die halbe Nacht hat er am Computer verbracht und auf repubblica.it gelesen, wie sich Silvio Berlusconi seinen Mailänder Richtern zu entziehen versucht. Jeder juristische Winkelzug, den der Regierungschef mit seinen Anwälten ausheckt, jede öffentliche Hassrede, die der Premier auf einem seiner Fernsehkanäle gegen die „linke Justiz“ führt, verursacht meinem Mann körperliche Pein. „Er wird wieder davon kommen“, raunt er düster und schenkt sich aus unserer kleinen Caffettiera Espresso ein.

Die Geschichte von Silvio Berlusconi ist für meinen Mann, den italienischen Musiker Mario Di Leo, eine Geschichte der Verluste. Es begann im Jahr 1986, als der Multi-Millionär den Fußballclub AC Mailand kaufte. Mario war ein glühender Fan des AC Mailand. Die besten Fußballer Italiens kickten für den Verein. Der legendäre Mittelstürmer Gianni Rivera stieg später zum Manager auf. Als jedoch der dubiose Baulöwe aus Mailand den Club übernahm und Rivera entließ, war der Fall für meinen Mann erledigt.

Verlust Nummer zwei erfolgte acht Jahre später mit dem Eintritt Berlusconis in die italienische Politik. Dieses Mal blieben die demokratischen Spielregeln auf der Strecke. Der Anwärter auf die staatliche Macht war zugleich Eigentümer des größten italienischen Fernseh- und Verlagsimperiums. Obendrein stand er in zahlreichen Verfahren wegen Korruption, Richterbestechung und Bilanzfälschung unter Anklage.

Fassungslos verfolgte Mario, mit welcher Dreistigkeit Berlusconi die Justiz und damit die Gewaltenteilung verunglimpfte und seine Medien für den Wahlkampf in eigener Sache instrumentalisierte. Die Tatsache, dass sich der politische Quereinsteiger dabei gezielt die Fußballbegeisterung seiner Landsleute zunutze machte, ließ das Schlimmste befürchten. Berlusconi übernahm den Schlachtruf „Forza Italia!“, mit dem bis dato die „Tifosi“ ihre Nationalmannschaft angefeuert hatten. Die Szenerie seiner Wahlkampf-Videos mit Tausenden azzurri-blauen Fahnen und einer eigens komponierten Hymne glich der Stimmung in einem Fußballstadion.

Nur zwei Monate nach der Gründung von „Forza Italia“ gewann Berlusconi 1994 die italienischen Parlamentswahlen. Er versprach, den Staat wie ein Unternehmen zu führen. Er brachte zusätzlich zu seinen eigenen Medien auch die staatliche RAI mit ihren drei Fernsehsendern unter Kontrolle und besetzte die Programmdirektionen mit Leuten aus seinem Umfeld. 

Copyright: Sabine Böhne

Mein Mann ist in mancher Hinsicht ein untypischer Italiener. Er besitzt kein Handy, weil er öffentliches Telefonieren und ständige Erreichbarkeit hasst. Wenn er am Steuer sitzt, fährt er defensiv und bleibt auch auf der Autobahn immer auf der rechten Spur. Besonders untypisch ist seine Angewohnheit, intensiv Zeitung zu lesen. Damit gehört er zu einem exklusiven Club von rund fünf Millionen Italienern. Die Mehrheit seiner Landsleute informiert sich über das Fernsehen und ist damit der politischen Indoktrination des Regierungschefs ausgeliefert. Darin liegt der Schlüssel für den politischen Erfolg von Silvio Berlusconi und seine bislang vier Amtszeiten.

„Warum wählt ihr ihn immer wieder?“ fragt unser Schwager Christian. „Warum wehren sich die Italiener nicht?“ Weil Berlusconi ihnen das Blaue vom italienischen Himmel verspricht und niemand ihn daran hindert, auf seinen eigenen Hausfrauenkanälen Lügen zu verbreiten. Aktuelles Beispiel ist der Auftritt jenes angeblichen Erdbebenopfers aus L’Aquila. In einer Sendung auf Berlusconis „Canale 5“ stimmte die Frau kurz vor Beginn des Mailänder Prozesses ein Loblied auf den Premier an. Er habe viel für die Erdbebenopfer getan. Später gab sie auf Nachfragen kritischer Journalisten zu, gar nicht in L’Aquila zu wohnen und 300 Euro für ihren Auftritt kassiert zu haben.

„É uno schifo.“ Es ist ekelhaft, sagt Mario beim Mittagessen. „Wo sind unsere Prinzipien des Anstands und der Wahrhaftigkeit geblieben? Denk mal an Sandro Pertini.“ Der ehemalige Staatspräsident war als junger Sozialist unter dem italienischen Faschismus zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Als seine Mutter ein Gnadengesuch an Mussolini schreiben wollte, verbat Pertini ihr jegliche Bittstellerei. Er lehnte es ab, zu Kreuze zu kriechen. „Und heute kommt diese Skandalfigur von einem Ministerpräsidenten, macht sich des Amtsmissbrauchs und der Prostitution mit Minderjährigen schuldig und setzt alles daran, die Justiz zu kontrollieren.“

Den Faschismus hat Berlusconi in Italien, einem Gründerland der EU, längst wieder salonfähig gemacht. Vor einigen Jahren versuchte er pünktlich zum Jahrestag der italienischen Befreiung von den Nazis am 25. April, die Partisanen-Hymne „Bella ciao“ zu diskreditieren. Es handle sich um ein Lied, das die Nation spalte. Seine Botschaft: Es ist höchste Zeit, es aus dem gesellschaftlichen Repertoire zu löschen. Etliche Bürgermeister im Land verboten es daraufhin. Der Zensurversuch ging jedoch schief. Tausende Italiener versammelten sich am 25. April auf den zentralen Plätzen der Städte und sangen trotzig „Bella ciao“.

Mein Mann reagierte auf seine Art. Er arrangierte das Lied neu und rief die italienische Musiker-Szene auf, eigene Versionen auf my space zu veröffentlichen.

Die Freude über diese Form des kulturellen Widerstands währte nur kurz. Als wir im vergangenen Sommer am Strand in der Toskana waren, erstarrte Marios Gesicht beim Anblick eines jungen Beach-Volleyballers. Der trug ein T-Shirt, auf dem Verse der faschistisch-kolonialistischen Hymne „Faccetta nera“ abgedruckt waren. Später sahen wir junge Italiener mit Hakenkreuz-Tattoos am Arm. „Il fascismo è di moda“, bestätigte uns Enrico. Der Faschismus ist wieder in. Monika, die seit 30 Jahren in Italien lebt, berichtet von den Rückkehr-Wünschen, die neuerdings in der deutschen Community grassieren.

Die  Intellektuellen wehren sich. Kürzlich riefen in Mailand kulturelle Granden wie Umberto Eco, Maurizio Pollini und Roberto Saviano zur Verteidigung der demokratischen Werte auf. Egal, ob Oscar-Preisträger Roberto Benigni und Adriano Celentano Millionen von Zuschauern mit einer ironischen Show über den Staatschef vor die Fernseher locken oder hunderttausende Frauen gegen Berlusconi demonstrieren: Jedes Mal kommt mein Mann strahlend aus seinem Arbeitszimmer und berichtet von dem Hoffnungsschimmer. Für einen kurzen Augenblick freut er sich wie ein kleiner Junge über das Zeichen. So, als wolle er sagen, noch ist nicht aller Tage Abend. Noch ist Italien nicht verloren.

In letzter Zeit mehren sich jedoch die Zeichen der Resignation. Neulich hat er sich nach langer Überlegung dazu durchgerungen, die italienische Staatsbürgerschaft abzugeben. Nachdem ihm die Stadtverwaltung 150 Euro für die Übertragung der deutschen Nationalität abknöpfen und den seit 30 Jahren in Deutschland lebenden EU-Bürger einem Aufnahmetest unterziehen wollte, nahm er, insgeheim erleichtert, Abstand von dem Plan. Ob er seinen Lebensabend eines Tages in seiner Heimat verbringen möchte, ist allerdings ungewiss.

„Italia sta a pezzi.“ Italien ist im Eimer, sagt er bitter. „Die Stimmen der Intellektuellen ertönen zwar noch, aber sie dringen nicht mehr durch. Prinzipien und Werte spielen in der Politik keine Rolle mehr. Der Staat ist wie ein Unternehmen geworden, so wie Berlusconi es wollte.“


 

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Dietrich Schulze-Marmelin

Donnerstag, 05-05-11 07:03

Sehr schöner Artikel zu einem sehr traurigen Thema.

 

Karl Kraut

Donnerstag, 05-05-11 11:42

Zum Glueck hat dein Mann seine italienische Staatsbuergerschaft nicht aufgegeben. Es waere defaetistisch gewesen – und obendrein hat es Berlusconi zweifelsfrei nicht verdient, dass man seinetwegen seine Wurzeln aufgibt. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass Berlusconi regelmaessig Mehrheiten einfaehrt in demokratischen Wahlen. Das heisst doch klar: der groesser Teil der (waehlenden) Italiener mag ihn und traut ihm die Steuerung des Staatswesens zu. Freilich kann man sich streiten, warum sie das tun. Du erwaehnst seine Medienmacht, seine dreisten Verdrehungen von Fakten, sein manipulatives Geschick. Auf der anderen Seite steht aber auch sicher eine ganz andere Grundhaltung der Italiener zu demokratischen Institutionen. Koennte es sein, dass die Mehrheit der Italiener - anders als dein Mann - einen Berlusconi an die Spitze ihres (Staats)Apparats stellen moechte, zu dem sie ganz offenbar eine sehr viel groessere Distanz haben als etwa wir Deutschen in unserer mehr oder weniger romantischen Vorstellung von Demokratie?

 

Monika Rick

Donnerstag, 05-05-11 15:13

Cara Sabine, caro Mario,
sono molto triste. È una tragèdia lui, Berlusconi.
Noi abbiamo la Angela, lei non fa bene, ma non è la regina del TV.
Nemmeno siamo contentissimi.
Per fortuna lui a tanti anni ! Speriamo che dio gli da un posto nel
" cielo". Sara sympatico. Non vogliamo che forze armate
vanno caccarlo durante la notte.
In Europa noi siamo gentili, no ?
Voi ci mancate terribilmente ad Amburgo.
Baci per tutti a casa
Moni, * il basso del choro

 

Sabine Böhne

Donnerstag, 05-05-11 19:44

Es ist richtig, dass viele Italiener sich nicht mit dem Staat und seinen Organen identifizieren. Das hat im Süden historische und im Norden separatistische Gründe. Ob jemand wie Berlusconi gerade von dieser Antipathie profitieren kann, bezweifele ich. Sie wählen ihn, weil er sich mit Hilfe seiner Medien perfekt selbst vermarktet, ein genialer Werber. Sie wählen ihn auch, weil sie keine Alternative sehen. Die Opposition ist zu schwach, es fehlen charismatische Persönlichkeiten.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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