Boris allein zu Haus'

Ausgerechnet der grüne Star aus Tübingen geht in Stuttgart leer aus

Von Philipp Maußhardt

Gäbe es Buchmacher in der Universitätsstadt Tübingen, die Einwohner hätten wohl in ihrer Mehrheit darauf gewettet, dass ihr Oberbürgermeister bei einem Sieg der Grünen bei der Landtagswahl nach Stuttgart abwandert. Boris Palmer wird seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren unterstellt, er sehne sich nach höheren Weihen als jenen eines schwäbischen Rathaus-Chefs.

Doch es gibt keine Buchmacher in Tübingen, jedenfalls nur solche, die wirklich echte Bücher machen und keine unseriösen Geschäfte. Darum hat nun auch niemand sein Geld verloren, wenn Palmer in der neuen grün-roten Landesregierung keine Rolle spielt. Jedenfalls keine sichtbare. Warum das so ist, warum die Grünen auf einen ihrer profiliertesten Köpfe verzichten, bleibt allerdings unklar. Palmer hatte sich in den Schlichtungsgesprächen als der am besten informierte und rhetorisch begabteste Gegner des Projekts erwiesen. Ein Posten als Verkehrsminister hätte ihn auch für ein späteres Amt in Berlin prädestiniert.

Nun bleibt er am Neckar, Chef einer Stadt, die im zurückliegenden Wahlkampf im Beisein von Angela Merkel von Christdemokraten als „grünes Nest“ gebrandmarkt wurde. Tatsächlich erhielt die CDU im Wohnviertel von Boris Palmer gerade mal gut sechs Prozent der Stimmen. Die Grünen sind in den alternativen Wohnquartieren der Unistadt das, was die Schwarzen in Oberschwaben waren: eine Art Glaubensbekenntnis.

Und wieso wird so einer nicht nach Stuttgart gerufen? Der Verdacht liegt nahe, dass Palmers schwarz-grüne Liebeleien aus der Vergangenheit ihm jetzt in die Quere kamen. Bei der letzten Stuttgarter OB-Wahl hatte er zugunsten des CDU-Kandidaten im zweiten Wahlgang verzichtet und damit seine Wiederwahl gesichert – sehr zum Ärger der SPD. Und mit dem grünen Fraktionsvorsitzenden Winfried Kretschmann verband ihn während seiner Zeit als Landtagsabgeordneter nicht gerade eine herzliche Beziehung: Kretschmann, der Biedermann. Palmer, der Tausendsassa. Sie mochten sich nicht besonders, und dass Palmer immer wieder als potentieller Nachfolger für Kretschmann genannt wurde, hat das Verhältnis auch nicht gebessert.

Die Tübinger sind gespalten: Am Anfang waren sie stolz darauf, ihren Rathauschef öfter im Fernsehen bei Maybrit Illner oder Anne Will statt auf der Straße zu sehen. Doch allmählich mehrten sich die Stimmen, ein OB habe sich hinter Aktendeckeln zu verschanzen und bei der Jahreshauptversammlung der Feuerwehr und des Turnvereins zu grüßen. Einen „Sonnenkönig“ nannte ihn der Fraktionsvorsitzende der CDU im Rathaus.

Die Bilanz des grünen OB nach nach vier Jahren ist durchaus vorzeigbar: Sein Versprechen, das Bevölkerungswachstum der Stadt ohne ausufernde Neubaugebiete hinzubekommen, hat er gehalten: Tübingen wächst nach Innen. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke hat er zudem einen bemerkenswerten Spagat hingelegt: den von seinen Vorgängern geerbten Vertrag an der Beteiligung eines neuen Kohlkraftwerks in  Brunsbüttel zu akzeptieren und gleichzeitig die Ökostromproduktion der Stadtwerke zu erhöhen. Manchen Bundes-Grünen war soviel Realismus schon wieder unheimlich.

Er wolle seinen Job zu Ende bringen, sagte Palmer vor ein paar Tagen. So richtig zufrieden klang das nicht.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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