Das Laugenweckle-Gefühl

Wie es ist, von einem Grünen regiert zu werden

Und? Wie ist das jetzt, von einem Grünen regiert zu werden? Seit ein paar Wochen wird mir von Ausländern häufig diese Frage gestellt, und man schaut mich erwartungsvoll an. Ich weiß nicht, stammle ich, kann dazu noch nichts sagen. Das hatte ja schließlich niemand erwartet: ein grüner Ministerpräsident im Land der Maultaschen und Kehrwochen. Vielleicht in Bremen. Vielleicht in Hamburg oder Berlin. Aber doch nicht bei mir vor der Haustüre.

Und? Wie ist das jetzt?

Schaue ich morgens zum Fenster hinaus, fließt der Neckar noch immer von rechts nach links, also von Hirschau nach Altenburg. Nicht umgekehrt. Das heißt: man sieht es eigentlich nicht, weil das Stauwehr die Fließgeschwindigkeit so vermindert, dass man sie mit bloßem Auge von meinem Küchenfenster aus nicht erkennen kann. Es ist also nur eine Vermutung. Ich müsste es überprüfen. Ich werde es überprüfen.

Die Tübinger Neckarbrücke, die von meinem Küchenfenster aus gut einzusehen ist, wird morgens um sieben Uhr noch von relativ wenigen Menschen überquert. Ich beiße in mein Laugenweckle mit Erdbeermarmelade und zähle manchmal, ob mehr Fußgänger in Richtung Innenstadt oder mehr in Richtung Bahnhof laufen. Das Zählen hat keinen tieferen Sinn, außer dass sich mein Kopf  dabei langsam an den neuen Tag gewöhnt.

Vergangene Woche, beim Zählen, fiel mir an zwei aufeinander folgenden Tagen ein Mann auf, weil er es besonders eilig hatte. Er trug einen Anzug, aber keine Krawatte, hatte eine Ledertasche im Arm und, obwohl es noch nicht einmal sieben Uhr war, schon die Sonnenbrille auf. Er lief in Richtung Bahnhof. Als er am dritten Tag wieder an meinem Küchenfenster vorbei kam, erkannte ich ihn: es war mein Minister. Winfried Hermann, oder „dr Winne“, wie man ihn in der Tübinger Altstadt nennt, ist jetzt Verkehrsminischter in Schtuttgart und muss frühmorgens mit dem Zug zum Regieren. Abfahrt auf Gleis 3 um sechsuhrachtundfünfzig, „Fahrradmitnahme begrenzt möglich.“

Dass ein grüner Verkehrsminister aus Tübingen mit dem Zug zur Arbeit fährt, ist in Ordnung. So wie es in Ordnung war, dass ein schwarzer Verkehrsminister aus Reutlingen sich jeden Tag mit einer schwarzen Limousine abholen und mit Blaulicht nach Stuttgart chauffieren ließ. Sogar die schwarzen Staatssekretäre ließen sich jeden Tag Zuhause abholen und saßen mit Stolz geschwellter Brust auf den wichtigen Rücksitzen ihrer dunklen Karossen. Wäre beispielsweise der schwarze Minister mit dem Zug gefahren, oder führe der grüne Minister mit der schwarzen Limousine, beides hätte zu einer gewissen Verwirrung in der jeweiligen Wählerschaft gesorgt. Und Verwirrung mögen wir hier nicht.

Man könnte also sagen: Es hat sich nichts geändert. Es ist ruhig geblieben. Sie tun, was man von ihnen erwartet. Auf der anderen Seite: Das Gefühl, beim Biss in mein Laugenweckle einen Minister zur Arbeit hetzen zu sehen, ist ein neues, ein schönes Gefühl. Er tut es ja für mich. Er eilt über die Brücke, um den Zug um sechsuhrachtundfünfzig noch rechtzeitig zu bekommen, damit er pünktlich zum Regieren in Stuttgart ist und dort für mich die richtigen Entscheidungen trifft.

Und, wie ist es jetzt?

Schön ist es jetzt. Dieses Laugenweckle-Neckarbrücken-Gefühl.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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