"Hamse Waffen dabei?"

Über die bizarre Begegnung von westdeutschen K-Grüpplern mit ostdeutschen Grenzern

Von Claus-Peter Lieckfeld

Copyright: Grenzhus e.V.

Ehemaliger Grenzübergang zur DDR (Foto: Grenzhus e.V.)

Ab und zu, mindestens aber jeden zweiten Monat, fuhren wir von der Liga gegen den Imperialismus zum Brunnen des Marxismus/Leninismus um frisches Wasser zu schöpfen. Wir, das waren Hamburger Studenten, die sich um eine K-Gruppe namens Kommunistische Partei AO (AO stand für Aufbauorganisation) geschart hatten. Der Brunnen des Marxismus/Leninismus befand sich in Westberlin. Dort hatte die AO – von unseren Verächtern auch A-Null genannt – die meisten Kader.

Lästig waren die Kontrollen an der deutsch-deutschen Grenze. Sehr lästig, und die Uniformierten waren keineswegs unsere Genossen. Sie waren Soldaten der Revisionisten, der SEDler, die mit ihrem kleinbürgerlichen Sozialismus den nach Revolution lechzenden westdeutschen Massen den Blick auf den wahren Sozialismus, den chinesischen, den albanischen und den vietnamesichen, verstellten. Mithin Klassenfeinde.

An einem Dezemberabend, ich glaube es war 1972, war es wieder mal soweit. Irgendeine Schulung im Wedding war angesagt.

„Hamse Waffen dabei?“ schnarrte ein Vopo durchs runtergekurbelte VW-Fenster.

„Ja!“ sagte Oltmann, „eine Atombombe.“

Es entstand eine ziemlich lastende Pause.

„Steingse mal aus, aber schöööön langsam!“

Oltmann reckte eine Mao-Bibel in die Höhe und schmetterte: „Die Worte des Großen Vorsitzenden Mao Tsetung sind Waffen. Sie sind die geistige Atombombe unserer Tage!“

Es wurde eine sehr lange Nacht. Ich erinnere mich an Bohnerwachsgeruch, von einer überhitzten Heizschlange aufgekocht und an stereotype Fragen. Und daran, dass die Stacheldrahtspitzen rund um die Baracke von dicken Eisklumpen entschärft waren.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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