Katyn - Der doppelte Tod
Zum Unglück verdammt
Jeszcze Polska nie zginela ... "Noch ist Polen nicht verloren", so lautet die erste Zeile der polnischen Nationalhymne, und vielleicht gibt es keine andere, die das Schicksal ihres Volkes besser ausdrückt als die polnische: Aufstand und Niederlage, Utopie und Scheitern, Empörung und wieder Empörung. Und nun, jenseits aller Erfahrung, wie ein kosmisches Unglück, unvorhersehbar, sinnlos, sprachlos – wie die Schrift an der Wand, in Blut getaucht, die blinde Macht, die Schicksal heißt: Warum heute? Warum ich? Warum wir? Warum alle? Ein Abgrund namens GOTT.
Wieso Polen? Daß man das erklären muß, einem Deutschen, einem Russen. Wie man das schreibt: KATYN. Dieses Drecknest. Das war ihr Reiseziel. Das Ehrenmal im Nichts. Siebzigster Jahrestag. Fast die komplette Staatsführung der Republik an Bord, inklusive Generalstab. Die immer noch brennende Wunde, nie geheilt.
Jenes arme Land
Das blutend vor dem Himmel stand
Und keine Hilfe fand,
Als die Verzweiflung der Poeten.
(Georg Herwegh)
Die Fotos sollten um die Welt gehen. Versöhnung zwischen Tätern und Opfern? Quatsch. Die Gnade der späten Geburt? Längst sind alle Spuren gelöscht. Das muß ein tolles Gefühl gewesen sein, der SS-Führung unter Rotkreuz-Beobachtung die exhumierten Leichen von tausenden polnischen Offizieren vorzuführen. Der NKWD sparte sich die Mühe mit den Gaskammern. Die Ermordungen erfolgten durch Genickschuß, Mann für Mann. 4143 wurden namentlich erfasst.
Es heißt, die Maschine kam ins Trudeln und berührte eine Tragfläche beim Anflug über den Bäumen. So eine erprobte Maschine. Und so ein erfahrener Pilot.
Alle Insassen sind ums Leben gekommen. Wegen Nebel.
Das wollen sie nicht glauben, auf beiden Seiten der früheren Grenze nicht. So schlampig arbeiten sie nicht mal in Smolensk.
Manchmal klingt das, als wäre der Krieg gestern aus gewesen. War er ja auch nicht.
Als während des Warschauer Aufstandes, der fast ein halbes Jahr tobte, die Rote Armee seelenruhig zusah, wie die (antikommunistische) polnische Heimatarmee auf dem anderen Weichselufer Straße für Straße niedergemacht wurde, da lehnte Stalin alle Gesuche um alliierte Luftunterstützung ab: Die Reichweite der Royal Air Force und der US-Air Force reiche für Hin- und Rückflug nicht aus. Dabei hätten sie nur auftanken müssen.
Es sollte ein historischer Handschlag werden. Versöhnung und Neubeginn. Kranzniederlegung an den Massengräbern. Was sollen wir mit diesen vielen Worten anfangen, die ungesagt geblieben sind? Wer sagt sie uns zu Ende?
Noch immer ragt das mörderische 20. Jahrhundert wie ein Menetekel in die Gegenwart. Wir haben zu viel Blut, Lüge und Verrat gesehen. Geschichte hat einen langen Atem im Osten. Die Reise nach Katyn sollte Frieden stiften, aber etwas wie ein dunkles Verhängnis machte den Ort abermals zu einem Schauplatz des Entsetzens.
Wir suchen nach Worten - und wissen zugleich, dass es keinen Begriff dafür gibt. Nur vier dürre Worte: "Herr, erbarme dich unser ! "



