Schluss mit der Ludwixerei!

Kini-Derblecken zum 125. Todestag

Von Wolfram P. Kastner

Photo: privat

Kastner kurz vorm Wassergang an Weihestätte (Photo: privat)

Vor 125 Jahren wurden im oberbayerischen Würmsee (oder amtlich: im Starnberger See nahe der Ortschaft Berg) zwei Leichen im Wasser gefunden. Die eine wurde als die sterbliche Hülle eines fortschrittlichen Psychiaters identifiziert, die andere als die eines verfetteten, stark alkoholisierten und zumindest in seiner Wahrnehmung der Realität völlig gestörten, abgesetzten Kronenträgers.

Einer der beiden wird im südlichen Teil Bayerns nach 125 Jahren gefeiert, als hätte er Großes geleistet und nicht nur völlig unsinnige Schlösser bauen lassen - in blanker Selbstüberschätzung und als Imitat dessen, was der französische Sonnenkönig sich bescherte. Ludwig ließ in einer Zeit bauen, als – auch in Bayern - Millionen Menschen in den Manufakturen und Fabriken ausgebeutet wurden und jämmerlich lebten und starben.

In Bayern hupften im Sommer 2011 kurzlederhosige Mannen mit dicken Gamsbärten und Abbildungen der nachmaligen Wasserleiche herum, wünschen sich 125 Jahre zurück und spekulieren bei starkem Bierfluss über die möglichen Todesarten ihres hochverehrten „Kini”.

Auf Herrenchiemsee, wo das Grundgesetz der Bundesrepublik 1948 beraten wurde, wird eine mit Millionen Steuergeldern finanzierte Verblödungsausstellung gezeigt, die posthum oder postaqua den Ludwig-2-Bayern in einer „Götterdämmerung“ (so der Untertitel der Ausstellung) vergöttlicht. Da wird er zum Erfinder der Glühbirne, der Luftfahrt und der Sozialgesetzgebung stilisiert, mit Kennedy und Michael Jackson verglichen. Urheber dieser Ausstellung sind Wissenschaftler des „Haus der Bayerischen Geschichte”. Wissenschaftler? Oder Verblöder mit Auftrag?

Und angesichts dieser Volks- und Ungetümlichkeiten dachten sich ein paar Menschen, die noch bei Sinnen waren, man könnte vielleicht das Ganze ein bisschen ironisieren, derblecken oder verhohnepiepeln.

Sie meldeten eine Versammlung zum Thema „Demokratie und Monarchie” mit kulturellem Beitrag am Seeufer an. Also dort, wo sich die Ludwixer unterhalb einer fürchterlich pathetisch-hohlen Gedächtniskapelle zum Beten für die arme Seele ihres Idols angesichts eines Kreuzes im Wasser versammeln.

Alle Demokraten und Freunde des Wassersports wurden eingeladen, dort wo das Schwimmen ansonsten verboten ist, sich freizuschwimmen von den Relikten der Monarchie.

Der Park gehört dem sogenannten Wittelsbacher Ausgleichsfonds, einer 1926 gegründeten Stiftung zur Alimentierung der arbeitsscheuen Angehörigen der 1918 vor der Demokratie geflohenen königlichen Räuberbande. Diese Stiftung ist wohl die einzige, die ihr Vermögen nicht offen legen, sich keiner Rechnungsprüfung unterziehen und keine Steuern bezahlen muss. Die Funktionäre dieser monarchistischen Vereinigung wollten die satirische Versammlung „aus Pietätsgründen” verbieten lassen. So als sei das Versammlungsrecht von ihren Gnaden abhängig. Ein freundlicher Beamter des (immerhin 1918 gegründeten) Freistaats klärte die Herren darüber auf, dass das Versammlungsrecht ein hohes Gut sei und sie die Versammlung zwar nicht begrüßen, aber dulden müssten, sonst hätten sie wohl einen Prozess zu erwarten, den sie nur verlieren würden. Da waren die Herren mit dem „von” ganz kleinlaut und brummelten nur noch etwas von einer „Verunglimpfung” ihrer Vorfahren.

Am 13. Juni 2011 versammelten wir uns am Seeufer mit Schwimmflossen, Badehauben, Schnorchel, Schwan, aufgeblasenem Krokodil und Dinosaurier, Krönchen, Luftmatratze, LudwixBier und Ludwiximitat. Auch die grünen uniformierten Ordnungswahrer waren mit vielen Kräften zu Wasser und zu Lande einsatzbereit. Zu Lande tarnten sie sich mit grünen Büschen, zu Wasser saßen sie mit Ferngläsern und Fotoapparaten in einem stattlichen Motorboot und in einem unauffälligen Ruderkahn.

Der mit insgesamt 12 silbernen Sternen dekorierte 1. Polizeioberrat Reller teilte uns zwar „aus polizeitaktischen Gründen” die Anzahl der Uniformierten nicht mit, verwahrte sich dagegen, von uns – und sei es in satirischer Absicht – als unser „Dienstleistungspersonal” benamst zu werden, machte uns dann aber in strömendem Regen das Kompliment, wir seien „keine Schönwetterdemonstranten”. Das fanden wir für einen 1. Polizeioberrat ungeheuer witzig und ein Zeichen großer Entspanntheit.

Das Gedicht „In Treue fest” von Erich Mühsam wurde a capella gesungen, ein toter Ludwig, von einem lederhosigen Jungmann wachgeküsst, ging zu Wasser – begleitet von etlichen Schwimmern in bunter Kostümierung. Streng beobachtet von der Obrigkeit schwammen wir uns frei von der enthirnten, bierseligen Ludwixerei, an der auch Franz Bayern teilgenommen hatte – das Oberhaupt der alimentierten Wittelsbachnachkommen. Die trauern um ihre verlorene königliche Ehre – die Freischwimmer hatten eine wunderbare demokratische Gaudi und sind zuversichtlich, dass der sog. Wittelsbacher Ausgleichsfonds bald abgeschafft und für kulturelle und soziale Zwecke verwendet wird.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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