Bis der Notarzt kommt

Über einen skurrilen Wahlkampf in Tübingen

Von Philipp Maußhardt

Die ersten Schwalben sind zurück am Neckar. Es geht dem Frühling zu, und ausgerechnet dort, wo der wahnsinnig gewordene Dichter und Philosoph Friedrich Hölderlin von seinem Turm auf das Schwabenflüsschen schaute, spielen sich in diesen Tagen Szenen ab, die unterhaltsamer sind als jedes Theaterstück. Am 27. März wird der Landtag in Baden-Württemberg gewählt und zum ersten Mal seit rund 50 Jahren kann man nicht mit Sicherheit vorhersagen, wer gewinnt. Die CDU ist nervös, weil sie mit der Verliererperspektive keine Erfahrung hat. Die Grünen sind nervös, weil sie mit der Siegerperspektive keine Erfahrungen haben. Und die SPD ist nervös, weil sie mit der Perspektive der Bedeutungslosigkeit keine Erfahrung hat.

In der Universitätsstadt Tübingen, wo mit Oberbürgermeister Boris Palmer schon die grüne Fahne über dem Rathaus weht, liegen die Nerven blank. Die Vorstellung, dass ein Kandidat der Grünen hier das Direktmandat gewinnen könnte, ließ die Lokalgrößen der Christdemokraten zum Äußersten schreiten: Kein bodenständiger Konservativer mit Schnauzbart und Plauze (schwäbisch: Ranzen) aus dem katholischen Hinterland der Unistadt sollte dieses Mal die CDU in den Wahlkampf führen, sondern eine Frau mit wuschelig-roten Haaren und einer Biographie, die zur CDU passt wie der Storch ins Schwalbennest. Lisa Federle heißt die Bewerberin, unverheiratet, vier Kinder von verschiedenen Männern, Jahre ihres Lebens verbrachte sie hinterm Tresen einer Studentenkneipe, über den zweiten Bildungsweg machte sie die Hochschulreife. Heute ist Federle leitende Notärztin und, wann immer es in Tübingen „lalü-lala“ macht, nicht weit. Sie hat den unschlagbaren Vorteil, fast jedem in der Stadt schon einmal den Puls gefühlt zu haben.

Erste Hilfe ist auch angesagt: Im Wohnquartier des grünen Oberbürgermeisters kam die CDU bei den letzten Bundestagswahlen noch auf sechs Prozent. Vielleicht ist deshalb auch der Auftrieb an Politprominenz in der kleinen Stadt am Neckar so auffallend hoch. Lisa Federle mit Ministerpräsident Stefan Mappus. Lisa Federle mit Finanzminister Wolfgang Schäuble. Lisa Federle mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei einem dieser Auftritte wurde von Federle der Satz ausgesprochen, sie wolle das „grüne Nest Tübingen“ , ja was genau? ausräuchern? ausdünnen? verkleinern? oder gar ausmerzen? Jeder hatte etwas anderes gehört, gelesen oder gedacht und die Lokalzeitung, das „Schwäbische Tagblatt“, musste seine Leserbriefspalten verbreitern. 

Es war „verkleinern“, wie man inzwischen weiß. Doch der Aufschrei unter den „Nest“-Bewohnern wurde nicht leiser. Nest (schwäbisch: Nescht bzw. Nestle) bedeutet im Dialekt soviel wie Hintertupfingen. Das wollten sich die Weltbürger der Universitätsstadt mit Geistesgrößen wie Walter Jens, Ernst Bloch und eben Friedrich Hölderlin dann doch nicht gefallen lassen. Am meisten Aufsehen aber erregte der Leserbrief des geschiedenen Ehemanns von Lisa Federle. Er leide seit der Kandidatur seiner Ex schwer unter seinem Nachnamen und bitte daher alle Einwohner mit dem Namen Schmid, Maier oder Müller seine Adoption in Erwägung zu ziehen.

Als habe sie nur auf das Stichwort gewartet schrieb die örtliche SPD-Landtagsabgeordnete an ihren Landesvorsitzenden Nils Schmid einen offenen Brief mit der Bitte, dem Wunsch des Herrn Federle zu entsprechen („schlimmer kann es einen Menschen nicht treffen“). 

Notärztin Federle ließ derweil die Stadt zupflastern mit Plakaten, wie man sie bei der CDU bislang nicht kannte: Kein Foto, nur ein dezenter Parteihinweis. Dafür mit Großlettern: „Lisa, immer im Einsatz“. Und: „Lisa, mitten im Leben“. 

Weitere Slogans sind denkbar: „Lisa, am Puls der Zeit“, „Lisa, hilft in der Not.“ Das prognostizierte Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen schwarz-gelb und rot-grün im Ländle weckt offenbar die letzten Fantasie-Reserven. „Oben bleiben!“ – der Schlachtruf der Stuttgart21-Gegner – wurde auf einmal zur Durchhalteparole der CDU. 

Dabei hatten Mappus&Co. ihre Hoffnungen ausgerechnet auf den Wahlkämpfer Karl-Theodor zu Guttenberg gesetzt. Kein anderer Spitzpolitiker der Union wurde so häufig zu Terminen in den Südwesten eingeladen wie der Verteidigungsminister. Mitten hinein platzte der erschlichene Doktortitel, und Mappus erklärte schnell: „Wir haben in diesem Land wahrlich andere Sorgen als die Frage, ob die Fußnoten einer Doktorarbeit richtig gesetzt sind.“ 

Lisa Federles Doktortitel ist dagegen unbestritten. Sie muss noch eine Woche durchhalten. Notfalls bis der Notarzt kommt.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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