Das Atomkraftpröble

Sir Psycho und die Kunst des stilvollen Ärgerns, Teil eins

Copyright: Savas Savidis

Stefan Mappus: Bald ausgetanzt? (Bild: Savas Savidis)

Man muss nicht Mitglied der CDU sein, um davon überzeugt zu sein, dass man die Sprache des Landes sprechen sollte, in dem man lebt. Einen Kaffee bestellen, als an den Fahrbahnrand gedrängter Fahrradfahrer den dafür verantwortlichen Autofahrer beschimpfen – dafür mögen Hände und Füße ausreichen. Doch wer sich autonom am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen möchte, muss sich auf die Herausforderung einlassen, eine Fremdsprache zu erlernen. Vokabular, Grammatik, Aussprache – das ganze Programm. Für die Unionsanhänger steckt hinter der Forderung, dass jeder, der in Deutschland lebt, auch Deutsch sprechen muss, aber mehr als die Sorge um gesellschaftliche Teilhabe. Ihnen geht es um die grundsätzliche Frage, wer sich hier wem anzupassen hat. Für sie gilt: Wer hier lebt, muss sich unterordnen, unserer Kultur, unseren Traditionen, unserer Sprache. Doch warum halten sich dann ausgerechnet die CDU-Politiker nicht an diese Forderung? Nehmen wir den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus: Der kann offenkundig ohnehin nicht viel – am allerwenigsten aber Hochdeutsch.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Wer als Schwabe zur Welt kommt, hat es gut getroffen. Man ist ab Werk ausgerüstet mit einem sonnigen Gemüt. Und in der Welt, in der man lebt, lauert allein deshalb weniger Schrecken, weil man an alles, was einem Angst macht, ein -le anfügen kann – schon wirkt es nicht mehr so bedrohlich. Doch man hat eben auch mit dem Handicap zu kämpfen, sich in eine neue Sprache einarbeiten zu müssen, sobald man die Landesgrenze passiert. Davon kann ich ein Liedle singen: Ich habe etwa drei Jahre gebraucht, um neben Schwäbisch und Englisch mit Deutsch eine dritte Sprache fließend sprechen zu können. Mappus hat vor dieser Herausforderung offensichtlich kapituliert. Die Diskussionen, die im Moment um die Atompolitik in Deutschland ausgetragen werden, sind in ihrer Verlogenheit ohnehin schon kaum auszuhalten. Die Art, wie er sich darin hervortut, macht sie komplett unerträglich. Wenn er sich am Hochdeutsch versucht, so wie etwa Anfang dieser Woche im heute journal, ist das das akustische Äquivalent zu einer Ballerina, die sich mit X-Beinen und Senk-Spreiz-Füßen am Schwanensee versündigt.

Dabei ist es in diesen Tagen auch ohne Sprachbarrieren ein heißer Tanz, Stefan Mappus zu sein. Was hat der Mann im Mai vergangenen Jahres auf den Umweltminister Norbert Röttgen geschimpft, als der sich noch gegen die Aufhebung der Laufzeitverlängerung zu stemmen versucht hatte: „Was der Bundesumweltminister in den letzten Monaten abgeliefert hat, das würde sicherlich auch die Note befriedigend nicht erfüllen, denn es ist nicht das, was wir vor der Wahl zugesagt haben“, schwäbelte er etwa in einem Interview im Deutschlandfunk vor sich hin. Und nach einer Sitzung des CDU-Landesvorstandes in Stuttgart sagte er, er sei nicht mehr bereit, die Eskapaden des Bundesumweltministers zu akzeptieren. Dann konnte er Ende des vergangenen Jahres seine sich in seinen rosigen Bäckchen abzeichnende Freude kaum verbergen, als er am Parlament vorbei den Rückkauf von EnBW-Aktien eingefädelt hatte. Der Preis: rund 4,7 Milliarden Euro für Aktien, die in absehbarer Zeit gewinnbringend an die Börse gebracht werden sollten.

Man kann sagen: Der Reaktor in Mappus 1 lief auf Hochtouren und produzierte ordentlich Dampf. Doch nun, wenige Wochen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg, schmilzt im Angesicht der Katastrophe in Fukushima alles dahin, und man darf annehmen, dass das Hirnwasser in Mappus 1 zu kochen begonnen hat wie das Kühlwasser in den japanischen Reaktoren.

Denn plötzlich muss er zähnleknirschend das von der Bundeskanzlerin ausgerufene Moratorium gut heißen, muss mit dem Schwabenwappen am Revers das Kernkraftwerk Neckarwestheim 1 vom Netz nehmen und ankündigen, dass die Sicherheitsstandards genau der AKWs überprüft werden müssten, von denen es noch vor zwei Wochen hieß, dass sie ganz, ganz sicher sicher seien. Was soll er auch anderes sagen? Er muss nun endgültig fürchten, als derjenige in die Geschichte des Ländles einzugehen, der die baden-württembergische CDU nach über fünf Jahrzehnten von der Regierungsbank führen wird. Denn ohne Rücksicht auf seine Glaubwürdigkeit hat Angela Merkel, um keinen Zweifel an ihrer Führungsstärke aufkommen zu lassen, die atompolitische Haltung der Union in den vergangenen Jahren auf den Kopf gestellt. Die Ereignisse in Japan markierten eine Zäsur, sagte sie. Tschernobyl sei auf menschliches Versagen zurückzuführen gewesen. Die Katastrophe von Japan aber habe bewiesen, dass auch in einer hoch industrialisierten Gesellschaft wie Japan die Atomkraft nicht komplett zu beherrschen sei.

Im Umkehrschluss bedeutet dies offenbar, dass menschliches Versagen in einer hoch industrialisierten Gesellschaft wie Deutschland auszuschließen ist. Der Russe mag Ahnung haben von Korruption und Krieg, aber doch nicht von Kernkraft. Und der Deutsche? Wir schalten nun um zum Ereigniskanal Phoenix, auf dem vor etwa einem Jahr beeindruckende Aufnahmen liefen: Im Kernkraftwerk Brokdorf leuchtet ein Warnlämpchen – und die Mensch gewordenen Homer Simpsons denken: Och, hier blinkt öfter was. 

Man wüsste zu gern, wie Stefan Mappus diese Bilder kommentiert – wenn man es sich nur anhören könnte.


 

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Mike Ries

Freitag, 18-03-11 19:00

Mal sehn ob dem Mappus jemand die Rechnung präsentiert, der EnBW Kurs, der Wahltag, womöglich der Röttgen?
Ich freu mich auf Teil zwei

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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