Die Gaddafi-Falle

Gefährdet der Krieg gegen Libyen den arabischen Wandel?

Von Wolfgang Michal

Copyright: Christian Kogler / pixelio.de

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Dass die „Ära“ Guido Westerwelle zu Ende geht, dürfte nach der Enthaltung Deutschlands im UN-Sicherheitsrat wahrscheinlicher geworden sein. Es ist ja auch schwer zu vermitteln, die angestrebte „Amtsenthebung“ Gaddafis inhaltlich gut zu finden, bei der praktischen Umsetzung aber zu kneifen. Trotzdem kann ich die Enthaltung Deutschlands nicht rundum schlecht finden.

Die Staatengemeinschaft ist von der UN-Resolution 1973 überrumpelt worden. Jetzt realisieren viele Regierungen, dass die Resolution nichts anderes ist als ein Blanko-Scheck für einen weiteren Krieg. Denn der UN-Sicherheitsrat hat „alle notwendigen Maßnahmen“ gegen Libyen erlaubt, und das heißt, jeder in der UNO vertretene Staat kann ab sofort auf eigene Faust oder in „Gemeinschaft mit anderen Willigen“ das Land Libyen angreifen, pardon, befreien. Auch das Vorgehen ist das übliche: Es wird von oben bombardiert, ohne Rücksicht auf mögliche Kollateralschäden. Die Mittel zur friedlichen Konfliktlösung (etwa die Aushandlung eines Waffenstillstands) wurden nicht ausgeschöpft, weil - so die Tendenz in der veröffentlichten Meinung - Gefahr im Verzug war.

Dabei erinnert mich das Drängen vieler Journalisten und Intellektueller, der Westen möge doch endlich gewaltsam gegen den „Irren von Tripolis“ vorgehen, an die Vorberichte zur Irak-Intervention – beginnend bei den Vermutungen, der verrückte „Massenmörder“ Gaddafi könne Giftgas gegen das eigene Volk einsetzen, nicht endend bei den Horror-Szenarien vom unmittelbar bevorstehenden „Niedermetzeln“ der Opposition. Kein Pardon den Schurkenstaaten! Psychologische Kriegführung ist heute so wichtig wie die Kriegführung selbst.

Wer in den letzten Wochen die Korrespondentenberichte aus den befreiten Gebieten um Bengasi und Tobruk verfolgt hat, konnte erkennen, dass die Berichterstatter nicht viel zu berichten hatten. Man zeigte die immer gleichen Aufständischen mit ihren Jeeps in der Wüste, mit Waffen herumfuchtelnd, in die Kamera agitierend. Da war nichts zu spüren von einem echten Volksaufstand - wie in Ägypten -, da war kein Wunsch nach Demokratie. Da gab es überhaupt keine Vorstellungen darüber, was aus Libyen werden sollte, geschweige denn irgendeine fundierte Kritik an den Zuständen. Und so darf man vermuten, dass die „Revolutionsregierung“, die unweigerlich nach dem Ende der Bombardements gebildet werden wird, in etwa so aussieht wie die irakische Regierung in Bagdad (wo 38 Minister benötigt werden, um auch wirklich alle Clans ausreichend „versorgen“ zu können). Wie im Irak wird man einen Zentral-Kleptokraten durch eine Horde von Regional-Kleptokraten ersetzen (begünstigt durch die Gnade eines Besatzungsregimes und die Finanzmittel einer internationalen Gemeinschaft). Danach wird sich die westliche Neugier wieder anderen „Hypes“ zuwenden.

Das Problem der Militär-Intervention in Libyen ist, dass sie den traditionellen Kräften in Arabien in die Hände spielen könnte, und die viel wichtigere ägyptische Revolution im Keim erstickt. Denn die alten Kräfte (aber auch die Muslimbruderschaft) können nun auf Libyen deuten und sagen: Da seht ihr, was die Oppositionellen in Wahrheit sind, die fünfte Kolonne des Westens, die Einfallstür für westliche Bomber und Interessen. Die selbst ernannten „Revolutionäre“ verraten uns an die Fremden!

So könnte die westliche Bombardierung Libyens den alten, verbrauchten Kräften Arabiens neuen Auftrieb geben und das wunderbar Neue, das die ägyptische Bewegung auf dem Kairoer „Platz der Befreiung“ hervorgebracht hat, wieder in Misskredit bringen. 

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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