Ein Störfall im Wahljahr

Irren ist menschlich. Nicht irren zu dürfen, hat dagegen mit Menschsein nichts zu tun.

Von Claus-Peter Lieckfeld

Copyright: Nasa

(Foto: Nasa)

„Anhand der uns vorliegenden Informationen neigen wir dazu, dass dort eine Kernschmelze im Gange ist“, sagte Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) am Tag 2 nach Fukushima – nach dem Reaktorunglück im nordöstlichen Japan.

Sie neigen also.

Deutlicher erkennbar als diese unbestimmte Neigebewegung war eine andere. Die Kanzlerin neigt auch weiterhin der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke zu, die sie im Vorjahr – deutlich gegen Volkes Willen – durchgedrückt hatte. Die japanische Katastrophe sei zwar, so die Kanzlerin in dem ihr eigenen Verschrumpelungsdeutsch,  „ein Einschnitt für die Welt“, aber in Deutschland gäbe es ja keine nennenswerten Erdbeben und auch keine Tsunamis.

Doch auf keinen Fall dürfe man, so ihr Röttgen in der ARD, die tragischen Ereignisse in Japan für anstehende Landtagswahlen parteipolitisch instrumentalisieren. 

Spürt man da Besorgnis? Natürlich nicht Besorgnis um die Gesundheit von Landeskindern – über 8000 Kilometer Luftlinie trennen uns immerhin von Nippon. Eher schon Besorgnis um Prozentpunkte, die der Union und der FDP verloren gehen könnten, weil unter Umständen auch ihre Stammwähler keine Volksvertreter mehr wählen mögen, die an einer prinzipiell unbeherrschbaren, mordsmäßig gefährlichen Technologie festzuhalten gedenken. 

Es war Robert Jungk, der 1994 verstorbene große alte Mann der Anti-Atombewegung, der einst anlässlich einer Diskussion um Risiken und Nutzen der Kernenergie sagte (aus der Erinnerung zitiert), er sei es verdammt noch mal leid, Tod und Gesundheit in Wahrscheinlichkeitsprozentpunkten quantifizieren zu müssen. Diese Technologie sei un-menschlich, weil Irren menschlich ist und bei dieser Technologie auf Fehler und Irrtum die Todesstrafe stehe.

Unsere Kanzlerin velautbarte, man wolle aus dem atomaren Desaster in Japan (Updates zum Unglück auf der Website der IAEA) lernen und auch bei uns alle Sicherheitsstandards nochmals überprüfen. Sicherlich kein Fehler, nochmals genauer hinzuschauen. Aber sie, ihre Partei und ihre Überprüfer werden an der Hybris festhalten, das Nicht-sicher-Beherrschbare beherrschen zu können.

Die japanische Betreiber-Firma des Havarie-Reaktors, Tepco, ist in jüngerer Vergangenheit bei mehreren Vertuschungsversuchen und Fälschungen von Untersuchungsprotokollen erwischt worden – ohne dass ihr dadurch mehr als ein Firmenchef und ein paar Nebenfiguren abhanden gekommen wären.

Das mag man eine Schweinerei nennen. Es ist aber vor allem menschlich.

Menschen machen Fehler, und die erste Regung von Fehlermachern ist Schadensbegrenzung in eigener Sache. Glaubt Angela Merkel – und, ja, es wäre verdammt gut zu wissen, ob sie es wirklich glaubt! –, dass die Betreiber deutscher Atomkraftwerke im Falle eines brandgefährlichen Störfalls anders verfahren werden? Das einzige, was wir mit Sicherheit erfahren werden, sollte ein Pfeiler der Merkelschen „Brückentechnolgie“ brechen, sind Mitteilungen wie diese: Es besteht keine Gefahr, es bestand keine Gefahr und es wird nie eine Gefahr bestehen.

PS: Wer A sagt, so sprach der große Bert Brecht, muss nicht B sagen. Er könnte auch erkennen, dass A ein Irrtum war. A wie Austieg-aus-dem-Ausstieg.

 

Ergänzung vom 14. März 2011:

Heute verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Verlängerung der AKW-Laufzeiten für drei Monate aussetzen zu wollen. Das Moratorium könnte das vorzeitige Ende für ältere Meiler wie Neckarwestheim I, Biblis A sowie Isar I bedeuten. Letzteren will die CSU laut bayerischem Umweltminister Markus Söder auf jeden Fall dauerhaft vom Netz nehmen. "Die Ereignisse in Japan haben uns gelehrt, dass Risiken, die für absolut unwahrscheinlich gehalten wurden, dennoch eintreten", sagte Merkel auf einer Pressekonferenz. Fragt sich nur, wie Risiken, wenn es sie offensichtlich doch gab, zugleich unwahrscheinlich sein konnten.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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