Guttenberg soll bleiben!

Warum hängen die Deutschen derart an ihrem Freiherrn?

Von Wolfgang Michal

Ich möcht nicht länger Molch sein, drum stoß ich mir den Dolch rein - ja, ein Plagiand hat's nicht leicht. (Foto: Wolfgang Michal)

Die Umfrage der ARD stammt vom vergangenen Samstag. Da war das ganze Ausmaß des Plagiats im Netz schon bekannt, aber das Fernsehen kann so komplizierte Dinge einfach nicht gut darstellen. Auch die missbräuchliche Nutzung des Wissenschaftlichen Dienstes für private Zwecke war am Samstag noch nicht in aller Munde. Trotzdem wird man davon ausgehen müssen, dass das Volk seinen Hoffnungsträger bis zum möglichen Untergang stützen wird.

Weil dieser Guttenberg eben „anders“ ist. Weil die Menschen ‚instinktiv’ ‚spüren’, dass hier eine Kampagne läuft, eine Intrige (70 Prozent glauben das!). Weil sie den Neid derer ‚fühlen’, die den schnellen Aufstieg des Freiherrn nicht akzeptieren können. Weil sie Guttenberg nicht wegen Guttenberg unterstützen - was die Volksverächter ja gerne kolportieren -, sondern aus ganz prinzipiellen Gründen, die gar nichts mit Guttenberg zu tun haben.

Auch Horst Seehofer hätte der deutsche Anti-Politik-Star werden können (und er wäre es nach seiner Herzbeutelentzündung liebend gern geworden), aber nun ist es eben Guttenberg. Ihm vertrauen die Bürger nicht nur, weil er finanziell unabhängig ist, weil er der eigenen Partei nicht dankbar sein muss wie die anderen Emporkömmlinge, weil er die Kennedy-Rolle in den gelben Blättern so gut ausfüllt, nein, ihm vertrauen so viele Bürger, weil er tolle Fehler macht. 61 Prozent der Befragten sagen: „Er hat Fehler gemacht, die einfach vorkommen, wenn man vielbeschäftigt ist“.

Nun haben viele Politiker durch die Vorbilder im Showgeschäft gelernt, dass es ungemein nützlich ist, wenn man strauchelt. Eine zugegebene Affäre, ein Seitensprung, ein uneheliches Kind, eine Scheidung, eine Sucht, eine überwundene Depression, eine schwere Krankheit - das bringt kostenlose PR und Volksnähe. Doch bei Guttenberg ist das anders. Er macht andere Fehler. Seine Fehler sind system-relevant. Jeder „proaktiv“ zugegebene Fehler ist bei ihm zugleich ein Aufstand gegen „das System“.

Der Aachener Karnevalsverein, der zu Guttenberg am Samstag den Orden wider den tierischen Ernst verlieh, begründete die Wahl seines neuen „Ordensritters“ damit, dass zu Guttenberg „Mut zum Widerspruch und zum akrobatischen Querdenken“ (!) habe. Er könne die Bürger zu Begeisterungsstürmen bringen und sei auch „bereit, Fehler einzugestehen“.

Das hören die Jecken gern. Denn in einer überregulierten Gesellschaft ist es die höchste Kunst eines öffentlichen Entertainers, Fehler zu machen und einzugestehen. Er protestiert damit stellvertretend für alle Genervten gegen das bürokratische System (so wie z.B. Helmut Schmidt öffentlich qualmt). Dieses deutsche System, das sich aus vielen kleinen, in der Summe längst unerträglichen Überregulierungen zusammensetzt - Führerscheinprüfung, Steuererklärung, Rentenversicherungsbürokratie, Hartz-IV-Antrag, Krankenkassenschriftwechsel, Hypothekenkredit, Gewerbeanmeldung, Ausweisbeantragung, Firmengründung, Hausordnung, Promotionsordnung, Bußgeldkatalog, Stromanbieterwechsel, Briefwahlunterlagen, Online-Banking, Hotline-Warteschleifen, Allgemeine Geschäftsbedingungen, Betriebsanleitungen, Flughafenkontrollen, Fahrkartenautomaten, Passwörter, Anmeldebögen, Abmeldebögen, Bewerbungsbögen etc.pp. - dieser ganze Lebenszeit raubende Wahnsinn ist wie geschaffen für den Aufstieg von Menschen, die endlich mal mit der Faust dazwischen hauen. Die sich nicht um Regeln scheren, die alte Ordnungen über den Haufen werfen, Tacheles reden, den gordischen Knoten zerschlagen.

Die Menschen möchten offenbar nicht, dass Guttenberg jetzt gebremst wird. Sie finden sein Plagiat zwar nicht in Ordnung (das sagen 50 Prozent der Befragten), aber der Mann möge doch bitte noch möglichst viel Porzellan zerschlagen, weil uns der politisch-bürokratische Alltagskram sonst erstickt.  

Diese Botschaft macht den Freiherrn (vorerst noch) unantastbar. Es ist das blinde Vertrauen der Menschen in ihn, das zu denken geben sollte. 

Und seien wir ehrlich: Würden sich morgen Thilo Sarrazin, Freiherr zu Guttenberg, Erika Steinbach und andere zusammentun, um eine NEUE VOLKSPARTEI zu gründen - wäre uns damit mehr gedient?

Crosspost von Carta

 


 

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Hagen Schneider

Dienstag, 22-02-11 22:53

Guter Beitrag, offenbar steht uns eine Berlusconisierung bevor: Politiker werden durch Fehler so menschlich, dass sie als Lichtgestalten durchgehen. Vorbildhaft in all ihrer Unzulänglichkeit. Wenn nur die CDU-CSU-Kamarilla so gnädig mit Joschka Fischer umgegangen wäre, als der sich wegen seiner Steinwürfe rechtfertigen musste. Was mich anwidert: Wie diese Skandalnudeln wie Seehofer und Koch Guttenberg jetzt feiern, weil er diesen Fehler begangen hat und trotzdem bleibt – erst Fehler machen einen nach Ansicht dieser Typen zu echten Männern. Ekelerregend.

 

Martin Rath

Mittwoch, 23-02-11 08:33

Anders als mit Sarkasmus kann ich's gar nicht mehr verfolgen und weiterspinnen. Gut, dass die "gute alte Zeit" vorbei ist. Früher hätte sich KTG mit dem Bremer Professor wohl duelliert (oder die Anwürfe als von "nicht satisfaktionsfähigen Kreaturen" stammend ignoriert). Natürlich sähe das in der Pop-BILDzeitungs-Variante wiederauferstandene Adelsideal noch anderen Gebrauch von Duellwaffen bei Ehrverlust vor. Gut, dass die Zeit vorbei ist.
Mein absurder Lieblingsgedanke ist allerdings ziviler: Der amtierende bayerische Ministerpräsident (der ja im volkstümlichen Sprachgebrauch auch einen veritablen "Betrug" auf dem Kerbholz hat) nutzt beizeiten das hübsch archaische Rechtsinstitut der Begnadigung, das ihm als Staatsoberhaupt des Freistaats zusteht: Er schlägt das Prüfungsverfahren an der Universität Bayreuth nieder und legt dem feschen Kopisten auf, fürderhin als Titel zu tragen: "Dr. gnadenhalber".

 

Toelke

http://ackermann-waechter.blogspot.com/

Donnerstag, 24-02-11 22:12

Baron zu Guttenberg steht seinen Mann, gibt auch in Kampfmontur ein gutes Bild ab, isst auch mal aus dem Blechnapf also bitte, und Ihr regt euch auf über F-u-s-s-n-o-t-e-n
Kann ich nur lachen.
KT muss so weiter machen wie bisher!!!

Euer Toelke

 

Josef Zens

Dienstag, 08-03-11 12:40

Netter Text an sich. Aber was ganz und gar nicht geht, auch nicht in Satire: Depressionen & Krankheiten auf eine Stufe zu stellen mit Fehlverhalten. Das ist schlicht nicht nachgedacht. Seitensprünge "kriegt man nicht", Krankheiten schon. Ärgerlich das. Findet Josef

 

Wolfgang Michal

http://www.freischreiber.de

Mittwoch, 09-03-11 00:15

@Josef Zens: Von "kriegen" hat ja auch keiner was geschrieben.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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