Die Bundes-Fee

Eine heitere Geschichte aus dem Märchenland der Banken

Von Wolfgang Michal

In der dunklen Nacht zum 1. Oktober wurden nicht nur die 200-jährigen Platanen im Stuttgarter Schlosspark gefällt, in jener Nacht lagerte die Hypo Real Estate auch ihre Geschäftsrisiken aus: Alle Schrottpapiere wanderten in die Tresore einer „Bad Bank“. Gesamtvolumen: 173 oder 191 Milliarden Euro. Genaueres weiß man nicht. Und die Lehre aus der Transaktion? Es ist völlig egal, was eine Bank kauft - sie gewinnt immer.

________________________________________________

Der gute Hans-Werner hatte sich verzockt. Er hatte für 1 Milliarde Euro blaue Bierdeckel gekauft, weil ihm die internationalen Deckelverkäufer durch ihre Rating-Agenturen versichert hatten, dass die Menschen der heutigen Zeit am liebsten auf blauen Untersetzern ihr Bier trinken. Also lieh sich Hans-Werner 1 Milliarde Euro von seinen Freunden und versprach ihnen eine Rendite von mindestens 20 Prozent. Die blauen Deckel stapelte er in seinem Heizungskeller.

Dann brach die Krise aus. Die Menschen tranken weniger Bier, und - was noch schlimmer war - sie zogen plötzlich orangefarbene Bierdeckel den blauen vor. Hans-Werner blieb auf seinen blauen Deckeln sitzen.

Er hätte sie mit hohen Verlusten abstoßen können, aber er dachte: Vielleicht werden die Zeiten ja wieder besser und die Farbe Blau wird erneut modern. Doch seine Freunde zeigten keine Geduld mit Hans-Werner. Sie verlangten die versprochenen Zinsen auf ihre Einlagen.

Was sollte Hans-Werner tun? Den Offenbarungseid leisten? Insolvenz anmelden? Eingestehen, dass er sich verzockt hatte?

Das wollte Hans-Werner auf keinen Fall. Also klapperte er seine Freunde ab und sagte ihnen: Wenn ich genug Geld hätte, um die orangefarbenen Bierdeckel jetzt zu kaufen, dann könnte ich euch das Dreifache eurer Zinsforderungen zurückzahlen und noch weitere tolle Geschäfte machen – zum Beispiel mit grünen Bierdeckeln, die nächstes Jahr der absolute Hit sein werden. Doch die Freunde schüttelten zornig ihre Köpfe und glaubten ihm kein Wort mehr.

Hans-Werner hockte darob traurig in seinem Zimmer und war pleite.

Da flog eine gute Fee durch den Schornstein in sein Zimmer und sagte: Du Dummerle! Du musst doch nicht weinen! Du schleppst jetzt einfach deine unverkäuflichen blauen Bierdeckel in die Abstellkammer, hängst das Schild „böse“ davor und wirfst nie wieder einen Blick in die Kammer des Schreckens. So gewinnst du Platz für die orangefarbenen Deckel im Heizungskeller. Und jetzt kommt der Zaubertrick. Wir tun einfach so, als wären die blauen Bierdeckel in der Kammer des Schreckens immer noch der große Renner. Das heißt, ich kaufe sie dir zu dem Preis ab, den du dir damals erträumt hast. Abzüglich von zehn Prozent Provision natürlich. Damit bist du die Schulden los und kannst neues Geld in orangefarbene Deckel investieren.

Hans-Werner saß da und staunte mit offenem Mund.

Und was geschieht nun mit den blauen Deckeln? fragte er dann.

Ach, zerbrich’ dir darüber nicht den Kopf, sagte die gute Fee und kicherte. Ich lass’ sie einfach in der Abstellkammer liegen. Irgendwann, wenn keiner mehr daran denkt, schmeiß ich sie weg.

Aber woher hast du so viel Geld für einen so großen Haufen Scheiße? fragte Hans-Werner gereizt und machte ein ungläubiges Gesicht.

Die Fee schüttelte belustigt ihre blonden Glitzer-Strähnchen. Dann sagte sie: Ich bin doch eine Fee, du Dummkopf, ich kann aus Scheiße Gold machen. Ich bekomme so viel Geld wie ich will, denn die große Bundes-Fee bürgt immer für mich.

Die Bundes-Fee?? fragte Hans-Werner noch etwas ungläubiger.

Ja, sagte die Fee. Die Bundes-Fee kann Schulden machen so viel sie will. Die Menschen werden die Schulden begleichen. Man muss nur fest dran glauben!

Hans-Werner wurde nachdenklich. Nach einer langen Pause fragte er: Es ist also völlig egal, welche Bierdeckel ich zu welchem Preis kaufe?

Ja, sagte die Fee.

Hans-Werners Gesicht begann vor Begeisterung zu leuchten. Ich kann also die dümmsten Geschäfte machen, es passiert mir nichts?

Ja, sagte die Fee.

Ich muss nur Geld anlegen, egal wo, egal wofür, egal wie viel?

Ja, sagte die Fee. Es ist völlig egal.

Ich bin im Paradies, jubelte Hans-Werner und zwickte sich in den Arm, weil er es nicht fassen konnte.

Es gibt nur eine winzige Voraussetzung, sagte die gute Fee mit der betörend besänftigenden Stimme: den Glauben, dass alles gut geht. – Denn letzten Endes müssen die Menschen dran glauben.

 

Crosspost


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
15.10.2012

Süsssauer
26.06.2013

Abwesenheitsnotiz
24.12.2011

Kopkas Tagebuch
11.01.2012

Wiese und Weltall
25.02.2013

Bel Etage
03.08.2012

KrossMedia
12.02.2013