Love-and-Hate-Parade

Drei Anmerkungen über die Suche nach Schuldigen

Von Tom Dauer

 

1. Die Macher

In seinem Buch über „Das Handwerk der Freiheit“ schreibt der Philosoph Peter Bieri: „Wir konstatieren nicht, dass jemand verantwortlich ist, sondern erklären ihn für verantwortlich.“ Wir sagen also nicht, dass wir jemand für verantwortlich halten. Sondern wir erschaffen die Verantwortung eines Menschen, und durch „diese Erklärung, und nur durch sie, wird er verantwortlich“.

Wenn Rainer Schaller, Veranstalter der Duisburger Love Parade, der Polizei eine Mitschuld an der Katastrophe vom 24. Juli gibt, die Polizei dem Veranstalter Profitgier und Ignoranz gegenüber Sicherheitsfragen vorwirft, der Oberbürgermeister Adolf Sauerland seine eigene Verwaltung vorschiebt und die Berufsfeuerwehr beteuert, sie habe das Unglück stets vorausgesagt – ebenso wie der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft –, dann handelt es sich um Versuche, irgendjemand verantwortlich zu machen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Beschuldigte verantwortlich sein kann. Denn auch wenn er dies für sich selbst verneint: Es ist wahr, dass er verantwortlich gemacht wurde.

Auf die Frage, wer schuld sei, kann es deshalb keine endgültige Antwort geben. Jede Antwort wird, auch aufgrund der Verkettung vieler einzelner Entscheidungen und Ereignisse, immer nur vorläufig bleiben.


2. Die Medien

In seiner Anmoderation zum heute journal vom 28. Juli beklagte Claus Kleber, auch vier Tage nach der Duisburger Katastrophe sei „das die Bürger wütend machende Schwarze-Peter-Spiel um die Schuld voll im Gange“. Beredter, eleganter und zynischer kann man die eigene Rolle in diesem Spiel nicht verschweigen. Schließlich sind es Journalisten, die seit knapp einer Woche die Karten neu mischen. Die den Schwarzen Peter mal hier, mal dort vermuten. Je nachdem, welcher Spieler gerade gezogen hat. Würden die Medien auch sich selbst verantwortlich machen, würden sie das Spiel unterbrechen. Sie würden den Akteuren die Zeit geben, die Karten aus der Hand zu legen. Und die Regeln zu studieren, nach denen sie gehandelt, oder gegen die sie verstoßen haben.

Wenn man die Frage nach der Schuld lösen will, muss man das, was passiert ist, im Lichte von gesetzlichen und moralischen Vorschriften betrachten. Im Lichte von Regeln also, die wir nach dem Geschehen an das Geschehen herantragen. Es geht dabei nicht um die Frage, wer was gewollt hat. Es geht nicht um kausale Zusammenhänge. Es geht um die Frage, wer was richtig oder falsch gemacht hat. Und um die Frage, ob die Akteure freien Willens über ihre Handlungen entscheiden konnten. Wer diese Fragen wirklich beantworten will, braucht mehr Geduld als für ein Kinderspiel.

 

3. Die Menschen

Am selben Abend, an dem in Duisburg junge Frauen und Männer zu Tode getrampelt wurden, fand in München ein „Sommernachtstraum“ statt. Ein großes Spektakel, mit Live-Bands und einem „Feuerwerk der Superlative“. Main Act war die Berliner Band Culcha Candela. Als sie zu spielen begann, sperrten die Organisatoren den Platz vor der Bühne. Niemand durfte mehr hinein.

Die Besucher des Open Airs reagierten mit Unmut. Es regnete in Strömen, ein Gewitter zog auf, das Gelände war voll, und trotzdem drängten die Menschen zum Eingang. Die Security hatte alle Hände voll zu tun, die Partygänger aufzuhalten, sie zu beruhigen, sie auf feuerpolizeiliche Vorschriften hinzuweisen. Unter den Menschen, die trotzdem gegen die Absperrungen drückten, waren Eltern mit Kindern.

21 Menschen sind in Duisburg gestorben. Niemand käme auf die Idee, die Schuld dafür bei den Hunderttausenden zu suchen, die einfach nur zum Feiern gekommen waren. Doch es waren nicht der Veranstalter, nicht der Oberbürgermeister, nicht die Polizei und auch nicht irgendwelche Verwaltungsbeamte, die in den Tunnel drängten. Es waren die Besucher, und jeder einzelne dieser Menschen trägt Verantwortung. Für sich und für andere. Auch auf einer Love Parade.


 

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Mirja

Sonntag, 01-08-10 16:31

Besser hätte ich es nicht ausdrücken können! Vielen Dank!

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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