Wie tot ist Marx?

oder: Die realen Folgen menschlichen Denkens

Von Claus-Peter Lieckfeld

„Wie soll man hoffen, dass die menschliche Kultur nicht in den Abgrund fährt, wenn menschliches Denken die realen Folgen menschlichen Denkens nicht versteht?“ Dieser Stoßseufzer in Frageform ist 32 Jahre alt und stammt aus einer Rede, die Carl Friedrich von Weizsäcker am 1. Oktober 1978 anläßlich des 50. Geburtstages des Carl Hanser Verlages hielt.

Warum verstört der Satz (mich) so? Weil er die Wirklichkeit unserer Tage soweit verfehlt. Schon lange gilt das biblische „… denn sie wissen nicht was sie tun“ nur noch in seiner Umkehrung „.. denn sie tun nicht was sie wissen“.

Es ist hinlänglich bekannt, was menschliches Tun anrichtet, nehmen wir nur das (Schlacht)Feld des Dritten Weltkrieges: des Krieges gegen die Biosphäre mit Gasen, Giften und allem, was zu einem zünftigen Krieg dazu gehört. Wir wissen fast alles über Ursache und Wirkung. Aber es wirkt nicht. Zumindest nicht annhähernd hinreichend. Und nicht zum Guten. 

Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschah mehr als der Zusammenbruch eines Herrschaftssystems, das sich Kommunismus nennen ließ, obwohl es von der Verwirklichung der Marx’schen Kommunismus-Utopie weiter entfernt war als der Kapitalismus. Weiter entfernt deshalb, weil so ziemlich alle Marx’schen Ideale durch den Kommunismus-an-der-Macht verraten und damit diskreditiert wurden.

Als es hoch an der Zeit war, den Kapitalismus in seiner globalen Ausprägung zu bedenken und zu überschreiten, erfuhr er eine Heiligsprechung. Denn der Untergang des moralisch, wirtschaftlich und politisch gescheiterten „Gegenmodells“ stellte den Kapitalismus kritikfrei. Ideologisch ließ sich sogar noch locker draufsatteln: Neoliberale aus unterschiedlichen Sparten durften verbreiten – und es wurde geglaubt –, dass der Markt alle Probleme löst. Dabei ist ein Markt, der alles käuflich und verkäuflich macht, das Problem. Ein Problem das groß genug ist, die meisten anderen klein erscheinen zu lassen. 

Der Kapitalismus unserer Tage schickt sich an, die letzten Menschheitsgüter zu vervespern: die Böden, auf die spekuliert wird, Wasser und Luft, Bodenschätze, Artenvielfalt. Kurzum: alles Lebenswichtige. Während Russlands Wälder brennen und sein Weizen vertrocknet, wird die nächste und übernächste russische Ernte bereits im ww-Web verwettet.  

Ich vermute, es wird denen, die in einigen Jahrzehnten mit den Resten leben müssen, unbegreiflich sein, wieso wir dieses System nicht grundsätzlich in Frage gestellt haben. Wieso wir nicht wenigstens versucht haben, Allgemeinbesitz der Menschheit (Biodiversität, Luft zum Atmen, Fruchtbarkeit der Meere und der Böden, Trinkwasser und einiges mehr) dem globalen Marktplatz zu entziehen.

Es ist hoch an der Zeit, neu über Kapitalismus nachzudenken. Und wir sollten uns davon nicht durch die Angst abhalten lassen, dass uns die falschen Leute auf die Schulter klopfen.

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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