Tötung des geborenen Lebens

Kirchentag, Aids und das sexte Verbot

Von Claus-Peter Lieckfeld

Missbrauch ist eines der brennenden Themen beim Münchener Ökumenischen Kirchentag. Missbrauch! - ein maskierendes Wort, geht es doch um Vergewaltigung und Traumatisierung. Derzeit gräbt sich die Frage nach dem Woher und Warum in den Wurzelgrund der katholischen Kirche. Und die Sondierungsfragen lauten so oder ähnlich: Ist nicht die körper- und sexualitätsfeindliche Grundhaltung der Boden, in dem diverse klerikale Übel wuchern? Ist nicht der menschliche, besonders der weibliche Körper immer noch ein Gefäß der Sünde für die oberen Dogmenhüter und Seelenheil-Obwalter? Auch wenn es so nicht mehr von den Kanzeln verkündet wird.

Mir scheint, dass in der gegenwärtigen Auseinandersetzung gerade etwas Wesentliches aus der Diskussion fällt: Die katholische Kirche – oder genauer: der vorherige und der jetzige Papst – machten und machen sich der fahrlässigen Tötung geborenen Lebens schuldig. Vor etwas mehr als einem Jahr sagte Papst Benedikt auf dem Weg nach Kamerun von oben herab, in Reiseflughöhe: „Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem“. Die Lösung, so Benedikt weiter, liege vielmehr in einem „spirituellen und menschlichen Erwachen“ und der „Freundschaft für die Leidenden“.

Die Lösung - „spirituelles Erwachen“ gegen böses Erwachen nach dem Beischlaf? Man muss sich schon sehr disziplinieren, um nicht aufzuschreien und diese alten, weltentrückten Männer zum Teufel zu wünschen. (Mich hindert daran vor allem, dass ich nicht an den Teufel glaube.) Aber bitte sehr, dieser Papst ist nicht dumm. Das Feuilleton erkennt in ihm sogar einen intellektuellen Hochkaräter. Dieser Papst ist auch kein Zyniker. Dieser Papst glaubt, was er sagt. Aber macht es das besser?

Nochmals Benedikt: „Man kann das Aids-Problem nicht durch Verteilung von Kondomen regeln“. Was soll uns diese Binse? Wer hätte behauptet man könnte? Die Behauptung indes, dass Präservative das Weltproblem Aids „verschlimmern“, ist ein ungeheuerlicher Beugeversuch an der Wahrheit. Und ein Fall perverser Logik, wie ein Seitenblick von Intim- auf Straßenverkehr verdeutlichen mag: Vorfahrtsregeln und Ampeln können Zusammenstöße an viel befahrenen Straßen nicht verhindern. Also weg damit und auf das „spirituelle und menschliche Erwachen“ der Verkehrsteilnehmer vertrauen!

Richtigkeit und Wahrheit in Sachen Aids-Prävention und Kondome sind zu bekannt und zu offenbar, als dass man sie nochmals beteuern müsste. Dennoch und letztmalig: „Die korrekte und konsequente Anwendung von qualitativ hochwertigen Kondomen bietet 85 bis 90 Prozent Schutz vor HIV-Übertragungen“. Das sagte jüngst ein WHO-Vertreter in der Hauptstadt der überwiegend katholischen Philippinen. Der Insel-Archipel ist gerade im Begriff, sich zu einem neuen Aids-Hotspot zu entwickeln.

Hunderttausende von Aids-Toten und Aids-Waisen müssten nicht die Sterbe- und Katastrophen-Statistiken füllen, wenn Kondome im entscheidenden Moment die hauchdünne Trennwand zwischen Leben und Tod hätten sein können. Will das ernsthaft jemand leugnen? Viele Infizierte haben aus Armut, Unwissenheit oder Gleichgültigkeit auf den Gummischutz verzichtet, ohne dass die Positionen des Vatikans dabei eine Rolle gespielt hätten. Viele infizierte Frauen sind Vergewaltigungsopfer.

Dennoch, der kirchliche Bann gegen eine der wenigen wirksamen Aids-Brandmauern ist sicher nicht folgenlos. Und er führt zurück zum Wurzelgrund einer Organisation, die sich unsterblich wähnt, weil sie zweitausend Jahre alt ist. Gilt immer noch das sexte Gebot: Über Sex schweige die Kirche, auch wenn sie damit Menschen totschweigt?

Fahrlässige Tötung ist nicht im Kanon der Todsünden (peccatum mortiferum) verzeichnet. Da kommt nicht mal Mord vor. Aber die Autoren dieses Kanons konnten sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass dem Stellvertreter Christi so etwas wie fahrlässige Tötung zuzutrauen wäre - fahrlässige Tötung durch die Verketzerung von Schutz.

 

 

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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