Kirchendämmerung

Missbrauch erschüttert. Muss mehr erschüttert werden?

Von Claus-Peter Lieckfeld

Selten machte Kirche so viele Schlagzeilen wie in den vergangenen Monaten – und selten waren es so bedrückende. Die Verbrechen von Kirchenmännern, gerichtet gegen das Allerheiligste, gegen die Integrität von Kindern, verursachten Ekelgefühle, und womöglich noch mehr als Ekel erregte das offenbarte Credo: Vertuschung ist erste Hirtenpflicht. Der Papst, dessen Anteil an der bis jüngst praktizierten Deckel-drauf-Politik seiner Kirche von Woche zu Woche mehr in den Fragehorizont rückt, ruft nun selbst nach dem Staatsanwalt. Mit der üblichen Verspätung. Halt nein, nicht mit der kirchenüblichen. Die Bitte um Verzeihung, gerichtet an verbrannte Ketzer und „Hexen“, kam - aus dem Munde des vorigen Papstes – erst mit vielhundertjähriger Verspätung. Gemessen daran ist man in Sachen sexuellen Missbrauchs fast noch aktuell.

Jenseits der aktuellen Diskussion um Taten und Tatenlosigkeit gibt es Fragen nach der Legitimität, mit der die katholische Kirche über Hirne und Herzen regiert oder doch zu regieren trachtet. Einer, der die kirchliche Autorität qua Amt seit Jahren in Frage stellt, ist Martin Urban, der von 1968 bis 2002 Ressortleiter für Wissenschaft bei der Süddeutschen Zeitung war. Seit dem Ende seiner SZ-Zeit versucht Urban in seinen Büchern die Konsequenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse für unser Weltbild aufzuzeigen. Er diskutiert und streitet darüber insbesondere mit den Kirchen und ihren Theologen. In seinem jüngsten Buch Die Bibel. Eine Biographie (Verlag Galiani Berlin) zeigt der studierte Naturwissenschaftler, dass und warum das wirkmächtigste Buch der Weltgeschichte ohne zusätzliches Wissen nicht zu verstehen ist. „Die Bibel“, so seine Sicht auf das Buch der Bücher. „ist für naive, fundamentalistische Leser eine Anleitung zum Aberglauben geworden. Für den aufgeklärten Leser verliert sie jedoch nicht ihre Bedeutung.“

Claus-Peter Lieckfeld sprach mit Martin Urban über Schrift und (Un)tat im Zeichen klerikaler Kinderschänderei.

*

Ist Missbrauch nicht etwas, das im Alten und Neuen Testament unmissverständlich abgelehnt wird?

Missbrauch in Form von Gewalt lässt sich sogar biblisch rechtfertigen, mit dem alttestamentlichen Buch der Sprüche  - "Sprüche Salomos", die natürlich nicht von Salomon stammen. Da heißt es: "Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebt, der züchtigt ihn beizeiten" (Sprüche 13, 24). Der strafende Vater wird dem strafenden Herrgott gleichgesetzt, "denn wen der HERR liebt, den züchtigt er, und hat doch Wohlgefallen an ihm, wie ein Vater an seinem Sohn." (Sprüche 3, 12)

Da würde die Kirche heute sagen, das ist zeitgebunden.

Na ja, zeitgebunden insofern, als die  Zitate Ausdruck sind einer im Alten Orient vorherrschenden patriarchalischen Gesellschaftsordnung. Aber die wird von evangelikalen Christen immer noch praktiziert.

Aber ansonsten gilt der gütige Vater und Gatte als Norm, oder?

Für die katholische Kirche gilt der steinzeitliche Aberglaube, ein Mann sei mehr als eine Frau, denn nur ein Mann sei kultfähig, sei als Priester gewissermaßen ein Zauberer, nämlich fähig, die Gegenwart Christi bei der Eucharistie-Feier auf ein Glockenzeichen hin (Wandlung!) zu initiieren. Ein solcher Übermensch kann sich Kindern gegenüber alles erlauben

Kann?

Das Erzübel steckt im „kann“. Die Kirche reserviert sich nach wie vor die Deutungshoheit. Um das zu demonstrieren, muss man etwas länger ausholen…

… geht es nicht auch etwas kürzer.

Ich habe kürzlich versucht, es in acht Thesen zu fassen. Nachfragen erwünscht!

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1) Es gehört zur intellektuellen Redlichkeit, den christlichen Glauben im Lichte der jeweiligen Erkenntnisse zu beschreiben und zu vermitteln. Andernfalls wird aus dem Glauben Aberglaube. 

2) Die Kirchen müssen sich in ihrer Lehre an die Bibel binden. Das setzt aber ein der Aufklärung verpflichtetes Wahrheitsverständnis und damit eine sich fort entwickelnde, den Erkenntnissen der Wissenschaften entsprechende Deutung der Heiligen Schrift sowie der Glaubens-Traditionen voraus. Indem die Kirchen die Ergebnisse der kritischen Forschung nicht aufnehmen, verkünden sie Aberglauben – und machen zugleich die Theologie als Wissenschaft überflüssig. Sie verabschieden sich damit auch aus dem intellektuellen gesellschaftlichen Diskurs.

3) Professor an einem katholischen Lehrstuhl (sowie in Bayern auch auf philosophischen und pädagogischen Lehrstühlen, sogenannten Konkordatslehrstühlen) kann nur werden, wem gegenüber die katholische Kirche zunächst ein Nihil obstat (das heißt: ihr Es-steht-dem-nichts-entgegen) ausgesprochen hat. Auf evangelischer Seite redet die Kirche bei Habilitationen an theologischen Fakultäten mit.
Die Freiheit der theologischen Forschung ist in Deutschland durch die Einschränkungen des Konkordats und der Kirchenverträge bedroht. Bedroht ist sie aber vor allem von innen, durch die Mutlosigkeit der Mehrzahl der Forscher, über Konsequenzen ihrer Erkenntnisse für die Lehren der Kirchen zu diskutieren.

4) Die Bibel ist auch für den, der mit ihr vertraut ist, ohne zusätzliche Informationen nicht zu verstehen. Denn die biblischen Bücher selbst sorgen für Missverständnisse. Und das ist immer schon so gewollt: Das Missverständnis, die Verfasser der verschiedenen Bücher des Alten Testament hätten die Zukunft vorausgesehen, war beabsichtigt. Die falschen Angaben über die Verfasser der Briefe des Neuen Testaments, mit Ausnahme des Autors der echten Paulusbriefe, wurden von diesen bewusst vorgenommen. Paulus hat mit falschen Zitaten des Alten Testaments versucht, seiner Deutung des Todes Jesu größeres Gewicht zu geben. 

5) Die Deutung des Todes Jesu als gottgewolltes Opfer für die Sünden der Menschheit ist historisch-kritisch nicht zu begründen; ebenso wenig das Bild einer Trinität Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist.

6) Wir können die Grenzen der Natur nicht ermessen. Es ist deshalb unsinnig, etwas als übernatürlich oder mit Begriffen wie „Wunder“ oder „Offenbarung“ zu bezeichnen.

7) Die Welt ist nach dem Wissen exakter Naturwissenschaften, aber auch der Gehirnforschung nicht in anschaulichen Bildern zu beschreiben. Wahrnehmung bildet die Welt nicht ab, sondern stellt sich (so der Gehirnforscher Wolf Singer) als „hypothesengesteuerter Interpretationsprozess dar, der das Wirrwarr der Sinnessignale nach ganz bestimmten Gesetzen ordnet und auf diese Weise die Objekte der Wahrnehmung definiert“.

8) Wirklichkeit und Information sind dasselbe (so der Quantenphysiker Anton Zeilinger): „Es macht offenkundig keinen Sinn, über eine Wirklichkeit ohne die Information darüber zu sprechen. ... Es wird daher nie möglich sein, durch unsere Fragen zum Kern der Dinge vorzustoßen. Vielmehr erhebt sich stattdessen begründeter Zweifel, ob überhaupt ein solcher Kern der Dinge, der unabhängig von Information ist, tatsächlich existiert. Da er im Prinzip nie nachgewiesen werden kann, erübrigt sich letztlich wohl auch die Annahme seiner Existenz.“ Dieses Wissen zeigt auch die Grenzen theologischer Deutungen auf.

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Weitere Bücher von Martin Urban: Wie die Welt im Kopf entsteht (2002), Wie der Mensch sich orientiert (2004), Warum der Mensch glaubt (2005), Wer leichter glaubt, wird schwerer klug (2007),

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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