Misstöne auf Weltniveau

Eigentlich wollen meine Leute ja nur das Beste

Es fing so schön an. Im Juni 2003 erfuhren wir Hamburger, dass die Elbe eine Philharmonie bekommen sollte, an der Kehrwiederspitze, ein phantastischer Klangraum als gläsern schimmerndes Wahrzeichen auf Weltniveau. Ein schönes Projekt. Meine Leute wollten ein Zeichen setzen: Es gibt noch Städte in dieser Welt, die in Kultur investieren. Wer denkt da groß über Geld nach? 77 Millionen Euro sollte der Bau kosten, 43,37 Euro für jeden Hamburger. Nun ja, Million ist ein dehnbarer Begriff. Heute wissen wir, dass mindestens 323,5 Millionen fällig sind, der „Spiegel“ nennt bereits eine Endsumme von einer halben Milliarde, wovon der Steuerzahler 400 Millionen schultern müsse. Mein Beitrag wäre also 225 Euro, so viel zahlt jeder Hamburger für die Elbphilharmonie, Krankenschwestern, Sozialhilfeempfänger, Kinder und Greise eingeschlossen. Allein 8,40 Euro werde ich für die Gipsfaserplatten des begnadeten Akustikers Yasuhisa Toyota aufwenden müssen, die den großen Saal auskleiden sollen. Ein Toyota lässt sich nicht einfach bremsen. Das Weltniveau der Kosten wird täglich überboten. Meine Leute haben die Situation schon lange nicht mehr im Griff. Keiner blickt mehr durch. Das Bauunternehmen Hochtief mit dem unschlagbaren Kostenkonzept Tief-Hoch und die genialen Baumeister Jaques Herzog und Pierre de Meuron, die inzwischen 75 Architekten beschäftigen, führen die Stadt am Nasenring durch die Manege. Ein Heer von Anwälten mästet sich an den Folgen schlecht ausgehandelter Verträge. Der Termin für die festliche Weltpremiere ist gerade mal wieder verschoben worden. Vielleicht 2013.

Das Projekt hat eine Eigendynamik entwickelt. Es gibt kein Zurück. Wir erleben eine dynamische Wachstumsphase: Es wächst der Bau, es wachsen die Schulden und es wächst die Ratlosigkeit der Verantwortlichen. Nun soll ein Untersuchungsausschuss der Sache auf den Grund gehen. Er wird tief blicken müssen. Vor jedem Hamburger klafft ohnehin schon ein Loch von 12.898,99 Euro. Meine Leute im Rathaus reagieren panisch: Gerade haben sie die Kindergartengebühren dramatisch erhöht. Irgendwie müssen sie ja an Geld kommen.

Und niemand stellt die Sinnfrage. Vor einigen Tagen fragte ich den Geiger Frank Peter Zimmermann, einen bedeutenden Virtuosen mit internationaler Konzertsaalerfahrung, wo – vom Klangerlebnis – die drei besten Konzertsäle in Deutschland zu finden wären. Er nannte Wuppertal, Viersen und Hamburg.

In Hamburg gibt es die Laeisz-Halle. Sie steht schon seit über hundert Jahren am gleichen Platz, außen und innen ein schmucker Bau, mit über zweitausend Plätzen, einst das modernste und größte Konzerthaus in Deutschland, und der Klang ist wie neu. Sein Bau hatte damals etwas mehr als eine Million Mark gekostet. Die Laeiszhalle ist so groß, dass selbst bei Gastspielen internationaler Prominenz Plätze leer bleiben. Was folgt daraus? Eigentlich hätten wir uns die Elbphilharmonie sparen können. Aber wollen wir wirklich mit Wuppertal und Viersen auf einer Stufe stehen?


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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