Nichts ist umsonst

Wie man bei meinen Leuten eine Audienz bekommt

Was kosten mich 15 Minuten Jürgen Rüttgers? Er kommt mich teuer genug. Als Gebührenzahler bekomme ich ihn in letzter Zeit häufiger zu Gesicht, den Arbeiterführer mit der hohen Stirn, und was er dort von sich gibt, genügt mir völlig. Seinen Beitrag zur Familienpolitik („Kinder statt Inder“) werde ich nicht so schnell vergessen. Ich würde aber keinen Cent extra bezahlen, damit er mir ein Gespräch unter vier Augen gewährt, und dazu noch ein Foto, auf dem wir beide zu sehen sind. Das wäre mir peinlich.

Wie tief ist unsere Wirtschaft gesunken, wenn ihre Vetreter über tausend Euro springen lassen, um ein Viertelstündchen mit dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen allein zu sein? Oder mit Stanislaw Tillich. Sachsens Ministerpräsident soll auch gegen Gebühr ansprechbar sein. Fragen zu diesem Thema will er aber nicht beantworten. Journalisten müssen neben ihm herrennen, wollen sie ein Statement dazu erhaschen. Er antwortet im Vorübergehen, gleichsam von oben herab. Verstehen kann ich nicht, was er sagt, denn er spricht offenbar sorbisch, oder ein Sächsisch, zu dem mir der Zugangscode fehlt.

Nun ist auch Sigmar Gabriel (SPD) in Verdacht geraten, auf Veranstaltungen zu sprechen, bei denen es gratis Käse gibt, was er dementiert. Wie viel schöner ist das das gesellige Zusammensein, die gemeinsame Reise, etwa mit Guido Westerwelle, dem Außenminister. Wer der FDP mindestens 45000 oder gar über hunderttausend Euro gespendet hat, darf den Minister auf einer Auslandsreise begleiten. Ab einer Million gibt es eine Steuersenkung für die Branche des Spenders. Wenn er Hotelier ist zum Beispiel. (Ich bin allerdings nicht sicher, ob auch Stundenhotels von der ermäßigten Mehrwertsteuer profitieren dürfen, weil es sich ja bei Licht betrachtet, nicht um eine Übernachtung handelt, eher um eine Art von Wellness. Aber meine Leute haben sich sicher überlegt, wie sie das Thema mit der gebotenen Sensibiltät behandeln).

Merkwürdig, dass mir in diesem Zusammenhang der Heilige Vater einfällt. Ein bedeutender Kollege, eine absolut vertrauenswürdige und diskrete Persönlichkeit, hat mir einmal nicht ohne Stolz offenbart, von Papst Johannes Paul II. in Privataudienz empfangen worden zu sein. Das Gespräch sei anregend gewesen und habe eine Viertelstunde gedauert. Der Heilige Vater habe über Gott und die Welt geredet, aber nicht über Geld. Das war am Rande geregelt worden. Ein Papst nimmt kein Honorar. Eine Spende wurde entrichtet, der Gegenwert eines Mittelklassewagens für eine Viertelstunde. Bei Gott, niemand würde so etwas eine Affäre nennen. Außerdem ist es schon eine Weile her. Beide, mein Augenzeuge und der Papst, weilen nicht mehr unter uns.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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