Ein Herz für Guido?

Der jähe Widerwille der Westerwelle-Wähler

Von Tom Schimmeck

Artwork: Murphy

Die gelbe Gefahr

"Bundesaußenminister Guido Westerwelle...". Ich zucke noch immer zusammen, wenn der Nachrichtensprecher so anhebt. Es schmerzt ein wenig. Behutsam versuche ich mich an die die Tatsache heranzuführen, dass im Herbst 2009 6,316 Millionen Bürger dieses eigentlich doch glücklichen Landes FDP gewählt haben. Was sich zu 14,6 Prozent der Wähler summierte. Dabei gibt es nur ein perfektes Wahlergebnis für die FDP: 4,99 Prozent.

Fatale Folge: Dirk N., ehemals Zugführer der Luftlandebrigade 25 „Schwarzwald“, fungiert jetzt als oberster Entwicklungshelfer im "Wunschpartner"-Kabinett Merkel II. Die Phrasenschleuder Rainer B. darf sich Wirtschaftsminister nennen. Das Wirken der Bügelfalte Dr. Philipp R. legt eine neue Deutung der Abkürzung FDP nahe: Flatulenz der Privatversicherten. Guido W. höchstselbst, Jurist und Kind zweier Juristen – ja, auch die pflanzen sich fort – repräsentiert uns nun eifrig in aller Welt. Und vizekanzlert daheim forsch vor sich hin.

Woher aber rührt das plötzliche Entsetzen des Publikums? Die FDP-Umfragewerte fallen rasant. "Westerwelle so unbeliebt wie Gysi", meldet die Welt – beunruhigt. Just in diesem Organ warnte Guido eben noch vor "anstrengungslosem Wohlstand" und "spätrömischer Dekadenz". Und weil die roten Roben in Karlsruhe gemahnt hatten, die Politik möge sich die Hartz-IV-Hungersätze von Millionen Kindern bitte einmal vornehmen, geißelte Guido auch gleich "geistigen Sozialismus". "Mit deutlichen Worten", jubelte da Spiegel online, "schaltet sich FDP-Chef Guido Westerwelle in die Hartz-IV-Debatte ein." Und doch leert sich seine Kirche.

Der Abstieg verblüfft. Wo er doch nur wacker wahrmachen will, was er zuvor lautstark verkündet hat. Nichts Neues bei Guido. Der Neoliberalismus schwimmt kieloben, doch er bleibt an Bord. Seine Partei der "Leistungsträger" beschleunigt die Aufspaltung der Gesellschaft, zeigt den Schwachen den Stinkefinger. Sie betreibt die radikale Entstaatlichung der Republik, agiert nach dem Motto, das seit bald 30 Jahren, seit dem Kurswechsel des großen Steuerhinterziehers und Ehrenpräsidenten der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz Otto Graf L. das inoffizielle Leitmotiv der FDP ist: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.


 

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Sebastian...

Montag, 15-02-10 10:05

Eine schöne Glosse. Alldieweil: Warum ist der Ex-Popper Westerwelle so unbeliebt bei der deutschen Journalistenschaft - links wie rechts? Und, was hat die FDP schlimmeres verbrochen als GRÜNECDUCDSUSPDLINKE? Ist da nicht alles eine Sosse? War die Regierung des Volkskanzler turned into Supergaslobbyist und des Bürgerschrecks turned into Vorlesungsreisender in Sachen Eitelkeit, ein Iota besser?

 

Julian

Mittwoch, 17-02-10 22:09

Verdammt, du bist einfach du die BESTE! Gruß,uni landau,pfalz:-)

 

M. Degginger

Donnerstag, 18-02-10 20:48

Aus allen Kommentaren kann ich nur entnehmen, dass die 6 Mio. Wähler der FDP jetzt in die Hosen machen, wo sie mehr zur Kasse gebeten werden, im Gesundheitswesen etc. Angst vor Eigenverantwortung eines Volkes, das als Folge dreimaliger Vermögensvernichtung die Steuerhinterziehung durch Schwarzarbeit u.ä. als Einrichtung normal betreibt.

 

Der kleine Hunger

Samstag, 20-02-10 19:18

Es würde mich nicht wundern, wenn demnächst immer mehr Leute bei der FDP anrufen um mitzuteilen, sie hätten sich verwählt.

Aber es würde mich auch nicht wundern, wenn genau diese Leute in vier Jahren -falls wir dann wieder wählen dürfen- wieder genau so wählen würden. Und DAS ist es, was mich am meisten ärgert.

 

hanna zweig aus der bösen

Samstag, 20-02-10 19:42

Vorausgeschickt: weder gehöre ich zu den Millionären noch hinterziehe ich die Steuern, auch in der Schweiz nicht.
Herr Westerwelle war mir immer eher wenig sympathisch. Wenig sympathisch ist mir immer noch seine Ausdrucksweise - ABER - in der Sache hat der Mann doch recht. Wer arbeitet, sei es als Strassenputzer oder als Uniprofessor, soll am Ende des Tages über mehr Mittel verfügen als derjenige, der nicht arbeitet. Darin teile ich den mir sonst etwas fremd vorkommenden deutschen Gerechtigkeitswahn.
Typisch Kuhschweizerin, auch wenn nur eingebürgert (von Deutschland in einem Anfall von eigentümlicher Gerechtigkeit 1941 ausgebürgert) und im Allgemeinen nicht superpatriotisch oder rechtsbürgerlich.

 

Christine

Sonntag, 21-02-10 18:07

Ich glaube, der Herr Westerwelle wird unterschätzt. Der macht Klassenkampf. Und wie das funktioniert, sieht man an der Meinung von hanna zweig, meiner Vorschreiberin - die ich nicht angreifen möchte. Ich gebe nur zu bedenken: Natürlich soll der, der arbeitet mehr haben als einer, der nicht arbeitet - das klingt doch logisch? Was aber ist denn passiert bei uns in den vergangenen Jahren? Die, die arbeiten, haben Dank der Politik der neoliberalen SPD/GRÜNEN/CDU und mit voller Zustimmung der FDP immer weniger im Geldbeutel - es gibt wieder Lohnsklaven (Leiharbeiter) usw...usf ..Und so fallen die Löhne auf das Niveau von Hartz IV - Wie kann man angesichts dieser Entwicklung davon sprechen, dass derjenige, der arbeitet, über mehr verfügen soll als einer der hartz Iv bezieht? Muss es nicht darum gehen, dass die Menschen von ihrer Arbeit auch leben können??
Man sollte diesen fiesen Herrn W. nicht unterschätzen, er ist ein hervorragender Klassenkämpfer und Agitator: in Windeseile ist es ihm gelungen, die Massenmeinung zu drehen! Der Mann hat das Potenzial eines Volksverhetzers.
Christine

 

hanna zweig

Montag, 22-02-10 15:35

Liebe Christine,
weshalb wollen Sie mich denn nicht "angreifen"? Vielleicht weil ich als Nicht (mehr) Deutsche Volksverhetzer nicht verstehe? Oder weil Sie denken, bei uns gäbe es keine? Es gibt sie, auch wenn sie meist etwas weniger heftig gestikulieren. Oder haben Sie etwa Hemmungen, die noch auf die vierziger Jahre zurückgehen? Sollten Sie nicht, es sei denn Sie leiden am deutschen Gerechtigkeitswahn und haben übersehen, dass Herr Westerwelle wie ich lese sogar in Deutschland massiv an Unterstützung der Wähler und gelegentlich sogar Ihrer schweigsamen Kanzlerin verliert. Mit seiner Ausdrucksweise und seiner unsinnigen Steuersenkungspolitik ist es ihm ja effektiv gelungen, die Massenmeinung zu drehen - allerdings in die umgekehrte Richtung als Sie es befürchten.

 

Alice

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Sonntag, 22-08-10 16:03

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Kenya

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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