Kleines dickes Ailton
Hönnepel-Niedermörmter und die Copacabana
Es gibt Dinge im Fußball, die kehren ständig wieder. Wie ein Schuss an die Latte, der ins Feld zurückprallt. Dass zum Beispiel 22 Männern spielen, die hin und her laufen, und am Ende gewinnt immer Deutschland, wie der sehr neidische und sehr englische Gary Lineker sagt. Oder wenn kreisklassige Verbalakrobaten das Schicksal bemühen, weil sie erstens kein Glück hatten und zweitens noch Pech dazu kam. Ich halte es da lieber mit Bruno Labbadia, der da sprach, alles werde sowieso nur von den Medien hochsterilisiert. Oder mit Hans-Hubert Vogts, dem guten Mensch aus Korschenbroich. Hass, so sein pampiges Pamphlet, gehöre nicht ins Stadion. Solche Gefühle solle man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.
Und dann gibt es auch noch den Fußball aus Südamerika. Graças a Deus, Gott sei dank. Heiss und leicht und so viel Gooooooooooal! Brasilien, Peru, Chile, da kommen einige der Spieler her, die in den gemäßigten Breiten der Bundesliga spielen müssen. Fahren sie in ihre Heimat, kehren sie nur ungern wieder. Vor allem, wenn Winter ist in den gemäßigten Breiten, dann könnte man vom Geld ihrer hohen Vereinsstrafen vermutlich für die nächsten zehn Jahre das Streusalz von Wuppertal bezahlen. Manche haben in München, Wolfsburg oder Hoffenheim zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen; natürlich unsere, in diesem Jahr sehr hartnäckige, weiße Pracht, und nicht, Sie wissen schon, dieses Zeugs aus Kolumbien. Lieber sterben als frieren, hat einer von ihnen völlig entrückt gesagt. Bei Nieselregen, Schneeschauern und matschigen Plätzen, auf denen es dann oft nur noch hilft, sich ein paar neue Linien zu ziehen. Ihnen weht so ein kalter Wind entgegen, dass ihre copacabanaverwöhnten Beine nach langen Unterhosen schreien.
Nicht nur deshalb kann man sie gut verstehen, wenn sie sich Zeit lassen, um nach ihrer Winterpause, mit dem Strandsand zwischen den Zehen, in Stuttgart, Leverkusen oder Frankfurt über die traurigen Böden zu rutschen. Oder trotz Rasenheizung den Permafrost von Bremen bis in die Knochen zu spüren. Denn nach ihrer Winterpause macht bei uns der Winter selten Pause.
Zwei von ihnen haben sich in den letzten Wochen dabei sehr südamerikanisch hervorgetan: der eine aus Brasilien, der andere aus Peru. Dass heißt, der Brasilianer ist zumindest freiwillig zurück nach Deutschland gekommen, über einen kleinen Umweg um die Welt. Dazu später mehr. Der Peruaner heißt Paolo Guerrero und ist bis heute nicht von seinem Weihnachtsurlaub zum Hamburger SV zurückgekehrt. Angeblich hat er bisher fünf bis sechs Versuche gestartet, ins Flugzeug zu steigen, aber jedesmal übermanne ihn die Flugangst. Sagt er. Sogar eine schlimme Entzündung der Magenschleimhaut habe er dadurch erlitten, und noch was anderes komme ihm dabei hoch: Sein Onkel José, selbst ein Berufsfußballspieler, ist vor über 22 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Warum sein begreiflicher Kummer ihn aber gerade jetzt beim Anblick eines Fliegers erstarren lässt, darüber schweigt Paolo still. Sogar von Depressionen ist die Rede, die spätestens seit dem Freitod von Robert Enke aus Hannover im Sport der harten Kerle ernst genommen werde sollten. Enke hatte sich im November vor einen Zug geworfen.
Erst neulich erlitt die "Titanic" bei diesem Thema grausam Schiffsbruch, als sie einen schlecht gelaunten Adolf Hilter auf dem Titel zeigte und dazu schrieb: „Geliebt und doch einsam. Wenn Promis am Leistungsdruck zerbrechen.“ Im Editorial ging sie dann richtig unter, „In die Enke getrieben“ stand dort, wenig später entschuldigte man sich für diese sprachliche Entgleisung; nicht ohne den zynischen Hinweis, dass eine Entgleisung das einzige gewesen wäre, was Robert Enke hätte helfen können. Senor Guerrero jedenfalls droht gerade die Kündigung, ob es Schwermut ist oder nicht, die ihm den deutschen Winter erspart, scheint keinen wirklich zu interessieren.
Der Brasilianer heißt Ailton Goncalves da Silva und ist immer lustig und gut drauf. Solange die Kohle stimmt. Über Flugangst kann er nur lachen, wenn man die achtzehn (!) Vereine seiner bisherigen Laufbahn kennt: Ypiranga FC, Mogi Mirim EC , Ypiranga FC, SC Internacional, Santa Cruz FC, Guarani FC, UANL Tigres, Werder Bremen, FC Schalke 04 Beşiktaş Istanbul, Hamburger SV, Roter Stern Belgrad, Grasshopper Club Zürich, MSV Duisburg, Metalurh Donezk, SCR Altach , Campinense Clube, Chongqing Lifan – und, ja, jetzt KFC Uerdingen 05. Er spricht von sich nur in der dritten Person und verkündet gern Wichtigkeiten wie „Ailton ist wie Medizin für Kranke“ oder „Ailton auswechseln, immer Fehler!“. Jetzt also kam er aus China zurück in unsere gemäßigten Breiten, wo er früher 106 Bundesligatore geschossen hatte und als erster Ausländer zum Fußballer des Jahres gewählt wurde. Er mache jetzt Bumbum in sechster Liga, verlautbarte kleines dickes Ailton stolz, auch Kugelblitz genannt; als er sich bei den Fans vorstellen sollte, kam er, natürlich, erst mal ganz gepflegt zu spät und ließ sechs Kamerateams stehen. Und dann noch das! Er solle doch beim KFC Uerdingen, der nach drei Insolvenzen in die Niederrheinliga rutschte, seine Schuhe gefälligst selber putzen. So tief aber lässt sich kein Brasilianer erniedrigen. Meine Name ist Ailton, soll er geantwortet haben. Ailton putzt nicht!
Dafür macht sich eine verdiente Tageszeitung, die von den letzten aufrechten Sozis in und um Düsseldorf herum wegen ihrer christdemokratischen Nähe nur als die „Rheinische Pest“ bezeichnet wird, einen Spaß daraus, sich unter der Rubrik „Ailton täglich“ mal so richtig den Kugelblitz zu geben. Darin steht jeden Morgen alles, was ungefähr so wichtig ist wie Schneeketten in der Wüste: ob Ailton unfallfrei in der Nase bohrt, wie er sich mittwochs ein Haus sucht, warum seine Hand weh tut, wie er sich freitags ein Haus sucht, warum sein Fuß schmerzt, wie er sich montags ein.... na, ja, schauen Sie doch am besten unter www.rp-online.de selbst mal rein. Sie werden erstaunt sein, womit sich Fußballer aus Südamerika in unserem Winter alles so beschäftigten können. Ach so, Fußball spielt Ailton auch, am 10. Februar gegen den 1.FC Wülfrath. Danach wird er gegen VfR Krefeld-Fischeln und SV Hönnepel-Niedermörmter antreten.



