Sehr geehrter Herr Meyer

Nachrichten aus der erotischen Mongolei

Von Frida Martini

Sehr geehrter Herr Meyer,

bezugnehmend auf die Ereignisse von vor drei Wochen muss ich Ihnen heute leider mitteilen, dass Sie für die Hauptrolle in meinem Kopfkino auserwählt wurden. Über diese Besetzung sind wir sicher beide nicht erfreut. Daher entschied ich mich, Ihr Erfolgsrezept anzuwenden: Imponiert von Ihrer goldenen Lösung, unerwünschten Hauptrollenbesetzungen mit Distanz entgegenzutreten, habe ich mich spontan für ein halbes Jahr in die mongolische Steppe versetzen lassen. Dieses Unternehmen könnte zwar misslingen, denn ich habe bereits alle mit meinen Augen gemachten Fotos von Ihnen in meinem Hirn abgespeichert. Aber möglicherweise findet sich in den mongolischen Weiten irgendwo eine Reset-Taste.


Um solche Mails zu schreiben, muss man verzweifelt sein. Mindestens. Oder mit einer Flasche Riesling im Kopf den Mond angeheult haben. Oder beides. Betrunken verzweifelte ich an meiner Verzweiflung. Und dabei war doch eigentlich fast alles wie immer abgelaufen. Irgendwo kennenlernen, gut finden, und so weiter. Und spätestens am nächsten Morgen Tschüss sagen. In Ausnahmefällen ließ ich mich zu einem Kaffee hinreißen.

Als ich mit Herrn Meyer den Club am Abend zuvor verließ, nahm Lilly mich zur Seite: „Du weißt schon, dass du es hier mit dem Schlecker zu tun hast?“ Sie hob ihren Prosecco: „Prost! Ich wünsch´ dir eine zauberhafte Nacht, Kleines!“

Was sie damit meinte, spürte ich drei Sekunden, nachdem meine Wohnungstür ins Schloss gefallen war. Herr Meyer zeigte ausschweifend, weshalb sie ihn nannten, wie sie ihn nannten. Die obere Hälfte meines Körpers schien ihn auffallend wenig zu interessieren. Er kniete sich ohne Umwege direkt vor mich, ich stellte ein Bein auf seinen Schultern ab, und Herr Meyer ließ seine Zunge flattern, dass mein Vibrator neidgelb angelaufen wäre. Himmel, ich hatte mir hier einen 1a-Pussy-Man an Land gezogen! Sonst liefen mir meistens Boob-Men über den Weg. Jene, die beim Anblick eines okay-gewachsenen Busens schon vollkommen durchdrehen (fast alle anderen also). Herr Meyer aber war ganz Zen, er konzentrierte sich nur auf einen Punkt, ein wahrer Fan der Mitte. Dreimal schickte er mich in dieser Nacht auf diese Weise ins Reich der Glückseligkeit. Und mit jedem Mal war ich so schleckeresk am Boden, dass jeder potentielle Retter vor mir hätte auf und nieder springen können, ich hätte ihn mit einem laschen Wink davon gejagt. Ja, ich wurde sogar richtig zutraulich. Wir mussten keine Angebote verhandeln. Herr Meyer bot und ich nahm an, ohne das kleinste Veto. Herrn Meyers eigene Glückseligkeit bekam ich gar nicht mit, so vertaumelt lag ich am Ende herum.

Am nächsten Morgen lief ich singend durch die Küche, fand selbst im Kaffeekochen eine erotische Komponente und hüpfte strahlend wie eine Fünfjährige zum Bäcker, um Brötchen zu holen. Für Herrn Meyer. Das war wohl der erste Fehler. Er kam mit nassen Locken aus der Dusche und setzte sich in Jeans und Unterhemd an den Frühstückstisch. Wie hinreißend er aussah. Ich konnte nicht umhin, ihm blöde Fragen zu stellen. Woher diese Faszination komme und weshalb er sich selbst so zurücknehme. Und – blödeste aller Fragen – wie es mit der Liebe so bestellt sei. Ich faselte ihn voll, und er saß vor mir wie einer vom Finanzamt, der Ratschläge zum Ausfüllen der Umsatzsteuervoranmeldung erteilt. So kontrolliert, so routiniert, so in sich ruhend.

Als Antwort auf diese Gretchenfrage trug mir Herr Meyer etwas Lyrisches vor. Er ist Künstler, er durfte das. Er reimte über sanfte, saftige Rosen, die berauschend duften und leuchten und dessen Tau er von den Lippen trinken mag, von sich entfaltenden Knospen und von gestillter Sehnsucht. Dieser verdammte Poet! Hätte ich ihn nicht einfach nach dem Aufwachen wegschicken können? Hier lag der zweite Fehler. Ich wurde wieder samtweich, meine Augen mussten auch irgendwie glasig ausgesehen haben. Jedenfalls erwähnte Herr Meyer nun öfters mal das Wort „Distanz“. Als wir uns verabschiedeten sagten wir nicht „Tschüss“, sondern „Bis bald“. Der dritte Fehler. „Bis bald“ konnte alles bedeuten. Und nichts. Genau das war das Problem.

Diese Paste bekam jedenfalls ich nicht wieder in Tube. So saß ich nun in meiner Wohnung, neben mir dieses ungefragt dahergekommene Scheiß-Gefühl, und mein Leben fühlte sich provisorischer an als es ohnehin schon war. Sollte ich mich tatsächlich verliebt haben? In jemanden, von dem ich nichts weiter wusste, außer dass er einen Muskelkörper in seiner Mundhöhle perfekt beherrschte? Oder war es der Poet in ihm? Und die geistige Gelenkigkeit, die damit plötzlich im Raum stand? In was verlieben wir uns eigentlich, wenn wir uns verlieben? Der Menschheit großes Rätsel. Selbst ich konnte es nicht lösen. Ob mit oder ohne Riesling im Kopf. Nach der Nacht kommt der Tag. So viel stand fest. Und ich wünschte mir augenblicklich mein Schaukelpferd zurück.

Natürlich bekam ich nie eine Antwort auf diese Mail. Und auch sonst herrschte eisernes Schweigen. Nicht mal mein Telefon rührte sich, wenn ich es stundenlang anstarrte. Die Sache mit der mongolischen Steppe hatte er mir bestimmt nicht abgekauft. Vielleicht hatte er auch nicht kapiert, weshalb ich ihn siezte. Wir sagten nie „Sie“ zu einander. Ich fand das originell. Aber das hatte mir wohl der Riesling eingeredet. Wochenlang wartete ich so auf Godot. Herr Meyer, der Schlecker, hatte schon längst neue Rosen gepflückt, an denen er hing wie ein Sauginsekt. Ich war entlassen. Und musste einmal mehr begreifen, dass jeder Rausch nur auf Zeit ist.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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