The Snow Must Go On
Olympia ist nichts für bekiffte, torkelnde Mädchen
Wo war er nur, der olympische Geist? Schlüpfte er in die Kissen unserer schlaflosen Nächte? Ins Weizenglas der Sieger? Oder hockte er auf der Schulter des unsäglich plappernden Michael Antwerpes? Während der Herr Reporter lässig am Tisch lehnte, als wolle er sich ein Bier bestellen, und schlimmeSachesachichIhnenliebeZuschauer den Bericht über den sehr jungen und sehr toten Rodler aus Georgien ankündigte. Lag er vielleicht mit im Sarg, der Geist? Oder ist er für immer im Sumpf der journalistischen Selbstgefälligkeit erstickt? Schnee gab es ja in Vancouver keinen. Hatte er wie wir schwarze Ringe unter den Augen? Beugte er sich übers Klo, weil ihm ständig übel wurde bei diesem kitschigen Heileweltgefasel? Oder weil er die Musik von Bryan Adams hörte?
Oder hatte er sich Franz Josef Wagner gepackt? Strich er ihm liebevoll über die Kleinhirnrinde? Dem Gassen-Goethe der Bildzeitung, der von Sport soviel versteht wie Guido Westerwelle von der Sozialhilfe. Schon vor Jahren hatte er Franziska van Almsick stümperhaft niedergemacht, nur weil sie ein paar Pfunde zuviel drauf hatte. Franzi van Speck nannte er unsere verdiente Schwimmerin, die jetzt auch bei Regen in Kanada für die Sporthilfe auf Schönwetter machte.
„Sie sind das andere Mädchen, das Mädchen, das in den Bergen wohnt, das um zehn Uhr abends ins Bett geht, um morgens frisch zu sein“, schrieb Franz Josef mit rosa Prosabrille entzückt in seiner Post von Wagner über die zweimalige Goldmedaillengewinnerin im Biathlon Magdalena Neuner. „Sie sind das Mädchen, das sich nicht Ecstasy und Kokain reinhaut. Sie sind das Gegenteil der Trink-Nacht-Laber-Mädchen. Sie sind ein Tag-Mädchen. Sie sind wie die Blumen, die am Tag aufgehen. Sie sind kein bekifftes, torkelndes Mädchen. Für mich sind Sie Deutschlands Superstar, normal, wunderbar, hübsch, blaue Augen, nicht affig, ländlich, Deutschland. Mein Rat: Keine Talkshows, keine Kerners, keine Jauchs, keine Maischbergers, keine Illners, keine Anne Wills. Magdalena, bleib schön und rein in Deinen bayerischen Bergen.“
Na also, ihr Jugend der Welt, da ist er doch. Er lebt! Der Geist! In der klaren Luft der Berge, in der Reinheit aller Gedanken, in der rauschgiftfreien Zone; und na ja, hier und da hatte mal von euch bestimmt jemand kleine, ganz kleine Spritzen auf dem Zimmer, um sein Blut zu wallen, doch was solls? Auch wenn sich unter euch hehren Amateuren geschätzte 135 Millionäre befinden, die sich das Geld durch Werbung verdienen und Moral vorheucheln und so sehr von der Einzigartigkeit ihrer Momente schwärmen, dass so ein Bob fast von selbst aus der Bahn fällt.
Shaun White zum Beispiel, dieses schrecklich laute amerikanische Kind, war schon mit 13 Profi und hatte mit 14 seine erste Million. Weil er auf dem Snowboard lustige Sprünge springen kann, die Double McTwist 1260, backside air und stale-fish tail-grap heißen oder so. Sein Geldgeber baute ihm eine Schneeröhre zum Üben in die Rocky Mountains, die nur ein paar Tage hielt und ungefähr soviel kostete wie zwei schöne Endreihenhäuser in Bergisch Gladbach. Im Eiskunstlauf war es, wie immer, eine süße Prinzessin, die so heiß die Kurven kratzte, dass wir nur so dahin schmolzen, während auch ihr Konto dabei alles andere als einfror. Unsere braven Deutschen siegten dagegen, sieht man mal von der Skiläuferin Maria Riesch ab, ganz brav im Rodeln, Bobfahren, Skilanglauf und Biathlon und profitieren dabei noch zwanzig Jahre nach Schließung der Quallokale in Oberhof und Kreischa vom knallharten Sportsystem der DDR.
Aber, haben Sie das gesehen? Gerard Kempers war wohl von allen olympischen Geistern verlassen. Er wies den Eisschnellläufer Sven Kramer über zehntausend Meter kurz vor Schluss in die falsche Bahn, was diesem das Gold kostete und natürlich auch jegliches Verständnis für seine sportliche Katastrophe. „Was für ein Arschloch!“ hat er in die Mikrophone gebrüllt, und keiner hätte sich wohl ernsthaft gewundert, wenn am nächsten Morgen der Trainer aus Holland tot in einer Gefriertruhe aufgefunden worden wäre.
Doch es gab auch gute Geister, die viele riefen. Und manchmal sogar Antworten bekamen. Der Skispringer Martin Schmitt hatte wie so oft auf der Schanze jämmerlich versagt, aber konnte beim letzten Hüpfen mit der Mannschaft Silber holen. Der Kufenstar Anni Friesinger-Postma rutschte auf dem Bauch über die Ziellinie und wurde von den anderen bei der Teamverfolgung doch noch aufs Podest gehoben, um sich die Medaille umzuhängen.
Und dann erst die Geister, die überhaupt keiner rief, außer diese alten Knacker vom Verband, die immer noch glauben, Olympia sei ein Fest der Freude. Höchstens der Schadenfreude, möchte man den gerontologischen Eiferern da zurückrufen. Als sich der farbige Kwame Nkrumah-Acheampong aus Ghana im knallengen Leopardenanzug auf netten Brettern die Berge heruntertastete. Oder als Hubertus von Hohenlohe, dieser peinliche Pistenrinz, bei seinem fünften Olympiastart 33,64 Sekunden hinter dem späteren Riesenslalomsieger ins Ziel kam und stolz verkündete: „Ich war schneller als Bode Miller!“ Immerhin stimmte das und zwar sehr: weil der Superstar stürzte.
Bis in zwei Jahren, lieber Geist. Hoffentlich halten wir es ohne dich solange aus.



