Tiefes Blau

Man unterstelle ihr keine Liebe zum Meer. Das ist plump. Das kann dich töten.

Von Marc Bielefeld

Foto: Marc Bielefeld

Paganelli mit Monoflosse am Roten Meer

 

Sie heißt Linda Paganelli. Italienerin. Schlank, sehnig. Eher wortkarg. Wenn man ihr dumme Fragen stellt, wendet sie sich ab. Wenn man ihr gute Fragen stellt, überlegt sie gründlich, antwortet dann direkt, präzise und ernsthaft.
Die Frau mag keine Sprüche, mag nicht das Alberne. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie für einen über den Bordstein pfeifenden Papagallo, der ihr plump nachstellt, genau zwei mögliche Reaktionen parat hält. Die milde Variante besteht darin, den Mann auf eine sehr strafende Art und Weise zu ignorieren. Die verschärfte Variante besteht darin, den Mann mit einem Blick zu töten.
    Linda Paganelli hatte mal einen Unfall. Einen schlimmen Unfall. Die Ärzte sagten damals, sie könnte keinen Sport mehr treiben. Mit dem Sport, das wäre nun für immer vorbei. Sie sollte froh sein, noch ihre Beine bewegen zu können.
    Ärzte.
    Dachte Linda Paganelli.
    Weinte.
    Hasste. Sich selbst und die ganze Welt.
    Dann, es dauerte eine gewisse Zeit, dachte sie ans Meer. Sie schöpfte neues Vertrauen und stellte den Hass langsam ab. Dann ging sie das erste Mal wieder in den Ozean. Behutsam, leise, allein. Warf alles davon.
    Und begann zu schwimmen.

Sie schwamm viel nach diesem Unfall, der an einem Freitag nachmittag geschehen war. Das Auto war viel zu schnell um die Ecke gekommen. Aber nun schwamm sie ja. Immer im Meer und weit hinaus. Sie trug dabei einen dünnen Neoprenanzug, billige Flossen und eine Tauchermaske. Und dann tat sie, was sie einmal gesehen hatte und wovon sie manche hatte reden hören. Paganelli holte Luft, bog den Oberkörper nach vorn und schwamm lotrecht in die Tiefe.
    Zehn Meter.
    Zwanzig Meter.
    Verharrte etwas, da unten.
    Dann tauchte sie wieder auf.
    Schnappte nach Luft.
    Leben.
    Seitdem mag sie keine Albereien mehr. Antwortet nicht mehr auf jede Frage und vermag mit Blicken zu töten.

Heute ist Linda Paganelli eine der besten Apnoetaucherinnen der Welt. Die Kunst des Apnoetauchens besteht darin, mit nur einem Atemzug und ohne Pressluftflaschen so lange wie möglich unter Wasser zu bleiben. Manche tauchen dabei sehr tief hinab. Sie bewegen sich äußerst effizient, verbrauchen kaum Sauerstoff, weil sie präzise und ökonomisch mit den Flossen arbeiten und es schaffen, alle Muskeln, die nicht zum Abtauchen benötigt werden, völlig zu entspannen.
    Gute Apnoetaucher, sagt man, denken beim Sinkflug in die Bläue des Meeres an nichts. Ihr Herzschlag reduziert sich. Ab einer gewissen Tiefe wird das Herz vom Wasserdruck auf die Größe einer Zitrone zusammengepresst.
    Paganelli war schon auf 90 Meter Tiefe. Ohne Flasche. Mit nur einem Atemzug. Europarekord. Sie ließ sich dafür an einem Gewichtsschlitten in den Abgrund ziehen, tauchte danach lediglich kraft ihrer eigenen Flossenschläge wieder auf. Das sind insgesamt 180 Meter. Das bedeutet, fast viermal durch ein Schwimmbad mit olympischen Ausmaßen zu tauchen. Allerdings: erst senkrecht nach unten, dann senkrecht nach oben. So etwas dauert um die vier Minuten.
    Wer seinen Körper bei solchen Unterfangen nicht minutiös lesen kann, seine Reserven falsch einschätzt oder das einsetzende Zwerchfellflattern zu lange ignoriert, kann Lähmungen davontragen oder sterben.
In 90 Meter ist es bereits recht dunkel, die Strahlen der Sonne dringen in dieser Tiefe nur noch wie ein Bündel aus diffusem Licht ins Blau. Unter einem wird das Meer dunkelblau, dann immer dunkler, dann schwarz – während der Taucher wie ein groteskes Wasserwesen durch den Weltraum schwebt und sein Denken sich verlangsamt.

Ich traf Linda Paganelli in Dahab am Roten Meer. Sie brachte ein paar Schülern gerade das Tauchen ohne Flaschen bei und redete eher wenig. Ich fragte sie, ob sie gelegentlich auch einfach mal so zum Tauchen ginge?  Nur so zum Spaß?
    Ja.
    Ob sie ganz allein ginge?
    Ja.
    Wohin?
    Ins Blue Hole.

    Sie möge die Frage bitte entschudigen, aber ich würde gerne einmal wissen, wie tief sie schwimmen könne, ohne groß zu trainieren, ich meine, einfach mal so, nur so zum Spaß, ohne Schlitten und quasi aus dem Stegreif.
    Paganelli überlegte, dann entschied sie, mich leben zu lassen. Sie fixierte mich und antwortete ohne Umschweife:
    Ich kann problemlos auf 60 Meter Tiefe tauchen, umkehren und wieder auftauchen. Ja. Ohne Flaschen, ohne Training und mit nur einem Atemzug und einfach mal eben so.
Aber mich interessieren keine Tiefen, verstehen Sie? Ich tauche nur gern tief genug hinab, bis die Geräusche nachlassen und das Wasser ein tieferes Blau annimmt als oben. Dann verharre ich. Ich habe da unten keinen Auftrieb mehr. Ich schwebe einfach nur in der Tiefe und blicke nach unten oder zur Seite in die Weiten. Ich mag es, in dieses Blau zu schauen.

Pagenelli guckte kurz zur Seite, dann blickte sie mir wieder fest in die Augen. Sie sagte noch:

    Ich trage keinen Tiefenmesser.
    Ich trage auch keine Uhr oder dergleichen.
Aber ich spüre immer, wann es Zeit ist, wieder umzukehren. Sie verstehen doch, oder?

Ich fand, dass diese Antworten reichten. Auf die Frage, was Linda Paganelli da unten im Meer empfindet, verzichtete ich.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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